VW SP2 Almrausch mit 65 Pferdestärken

Oldtimer und Passstraßen - eine bessere Kombination kann sich ein Autoliebhaber nicht wünschen. Kaum eine Ausfahrt macht deshalb auch so viel Spaß wie die Kitzbüheler Alpenrallye. Umso mehr wenn man sie in einem Wagen bestreitet, der selbst unter den Raritäten auffällt wie ein bunter Hund.

Achim Hartmann

Ein Maserati Ghilbi von 1969, ein Bentley von 1925, je ein halbes Dutzend Jaguar E-Type und Mercedes SL, eine Armada von Porsche und Ferrari und der erste Countach aus dem Lamborghini-Museum - die 24. Auflage der Kitzbüheler Alpenrallye war prominent besetzt. Doch im Konvoi der Preziosen fällt selbst ein 1972er 911 Carrera kaum noch auf. Viel weniger jedenfalls als das beige Coupé mit der Startnummer 112, ein Volkswagen SP2. Gebaut wurde der Wagen ausschließlich in und für Braslien. "In Europa gibt es allenfalls ein paar Dutzend Fahrzeuge, die meisten davon haben VW-Mitarbeiter nach ihrer Dienstzeit in Südamerika mit nach Hause genommen", erklärt Eberhard Kittler, Chef der Classic-Sparte bei VW.

Kein Wunder also, dass man ständig nach dem Steckbrief des Autos gefragt wird. Zwar gibt es in Kitzbühl versnobte Rallye-Teilnehmer, die abends beim Champagner-Cocktail nicht mehr wissen, in welchem ihrer Ferrari, Porsche oder Mercedes' sie nun die gut 500 Kilometer lange Runde durch Tirol gefahren sind. Doch die meisten interessieren sich für die Autos um sie herum. Und dem größten Teil davon ist dieser Volkswagen völlig unbekannt.

Einzelne Designelemente des SP2 erinnern an die seligen VW 411 und 412. Die Rücklichter scheinen vom damaligen Porsche 911er zu stammen. Charakteristisch ist die lange, schlanke Haube, die in einer flachen Frontpartie ausläuft. Das Dach sitzt tief und schon kurz hinter dem Fahrerplatz beginnt ein Glasdeckel, der fast bis zur hinteren Stoßstange reicht. Obwohl der SP2 mit 4,22 Metern Länge, 2,40 Metern Radstand und 1,16 Metern Höhe eher klein ist, herrscht drinnen überraschend viel Platz. Man sitzt tief in den Ledersitzen mit integrierten Kopfstützen, blickt auf ein mit Kunstleder bezogenes Cockpit, und lässt die Hand kurz unterhalb der etwas grobschlächtigen Bedientaster auf einen kurzen Schaltstummel fallen. Hinter den Sitzen ist Platz für die Jacke, und über dem Heckmotor gibt es eine mit Gurten gesicherte Gepäckablage. Was dort nicht rein passt, muss unter die vordere Haube.

Das Design, so lautet die Legende, stammt nicht von Profis. Erste Skizzen hat wohl Rudolf Leiding angefertigt, der Ende der sechziger Jahre zum Chef von VW do Brasil aufstieg. Und die entscheidenden Änderungen schlug angeblich Leidings Ehefrau beim Abendessen vor - prompt entstand einer der schicksten VW der siebziger Jahre. Dass es 1972 überhaupt zur Premiere des Autos kam, ist den seinerzeit rigiden Steuer- und Zollgesetzen in Brasilien zu verdanken. Der Import von Pkw war schier unmöglich, Sportwagen im Land gab es nicht; da witterte VW do Brasil seine Chance und stellte das Coupé mit Unterstützung von Karmann eilig auf die Räder.

Die rassige Optik täuscht, das Auto ist eher schwach auf der Brust

Der SP2 sieht zwar schnittig aus, doch kurz hinter dem Ortsausgang von Kitzbühel endet die optische Protzerei. Während die Jaguar E-Types ihre Motoren aufheulen lassen und der Lamborghini 400 GT mit V12-Power davon jagt, treibt den VW ein der Vierzylinder-Boxermotor aus dem Käfer voran: 1700 Kubikzentimeter und 65 PS müssen also reichen für den Almrausch. Selbst in seiner Heimat Brasilien erhielt das 890 Kilo schwere Coupé schon damals den Spitznamen "Sem Potencia" - ohne Leistung.

Ganz so arg ist es natürlich nicht. Denn wenn man erst einmal warm geworden ist mit dem Wagen, geht es durchaus flott voran. Paul Breitner im 1600er Porsche jedenfalls und Striezl Stuck im Porsche 914 sind für den Südländer auf dem Sprint entlang der Hohen Tauern eine lösbare Aufgabe.

Wie schnell das Coupé beim Parforceritt durchs Pinzgau tatsächlich dahinrollt, kann allerdings nicht ermittelt werden. Denn nach dem Bruch der Tachowelle kurz nach dem Start, lässt sich die Geschwindigkeit nur noch schätzen. Der Drehzahlmesser immerhin funktioniert: Immer knapp unter dem roten Bereich bleiben und bis an die 5000 Touren drehen, hieß es vor dem Start. Das Auto aus der VW-Sammlung in Osnabrück war unmittelbar vor der Rallye frisch überholt worden und noch nicht wieder eingefahren. Trotzdem mag man kaum glauben, dass der SP2 damals 17,4 Sekunden auf Tempo 100 gebraucht und lediglich 161 km/h geschafft haben soll. Auf den kurvigen Straßen im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland jedenfalls kostet es Mühe, das Auto mit dem fragilen Fahrwerk auf Kurs zu halten.

Einen SP2 schenkte der damalige VW-Chef seiner Gattin zum Geburtstag

Obwohl der SP2 gegen die echten Sportwagen keine Chance hat, hält er tapfer mit. Und bietet dabei sogar ein wenig Komfort. Am ersten Tag, als die Sonne noch strahlt, herrschte noch Brutkastenatmosphäre im Auto; doch im Sturzregen des zweiten Rallyetages ist der SP2 fast schon eine Wellness-Oase. Während die offenen Vorkriegs-Bugattis wie röhrende Badewannen durch den Wolkenbruch donnerten, ist es im SP2 warm und trocken.

In Brasilien übrigens wurde der SP2 zum Erfolgsmodell. Obwohl der Preis von 29.700 Cruzeiros (umgerechnet etwa 16.150 Mark) alles andere als billig war, bauten die Niedersachsen von 1972 bis 1976 immerhin 10.000 Exemplare. Nur wenige hundert Autos wurden exportiert, eines davon schenkte der mittlerweile zum VW-Chef aufgestiegene Leiding seiner Frau zum Geburtstag.

Anmerkung der Redaktion:
In der ursprünglichen Fassung des Textes hieß es, Jaguar E-Types würden ihre Achtzylindermotoren aufheulen lassen. Das ist natürlich Quatsch. E-Types hatten zunächst Sechszylinder und später Zwölfzylindermotoren. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 10 Beiträge
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rennweg 03.06.2011
1. Kleine Korrektur zum Jag
Hallo! Das: "Während die Jaguar E-Types ihre Achtzylindermotoren aufheulen lassen […]" halte ich für ausgeschlossen! Den E-Type gab es ab Werk ausschließlich als 6-Zylinder (mit 3,8 bzw. 4,2 Liter Hubraum als Serie 1, 1 1/2 und 2) und als V12 (Serie 3). Gruß
bissig 03.06.2011
2. ...
"Paul Breitner im 1600er Porsche jedenfalls und Striezl Stuck im Porsche 914 sind für den Südländer auf dem Sprint entlang der Hohen Tauern eine lösbare Aufgabe" Das glaube ich eher nicht. Oder haben Paul Breitner und Striezl Struck mittlerweile die 200 Kilo-Marke beim Körpergewicht überschritten? Und was bitte ist ein Porsche 1600? Ist das jetzt ein Porsche 356 oder ein VW 1600? Das Niveau wird immer schlechter. Journalisten sollten nur über Dinge schreiben dürfen, von denen sie auch was verstehen. Vor einiger Zeit hat sich auch ein Schreiberling beschwert, dass der Typ 3 so schwer zu lenken sei. Im Vergleich zu einem neuen Auto mit Servolenkung auch kein Wunder. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst auf Spiegel Online die Beschleunigungswerte und Höchstgeschwindigkeiten von Pferdekuschen mit biologischem Gülle-Strom aufgeladenen Elektroautos verglichen wird.
seikor 03.06.2011
3. sp2
der VW ist ein wunderschönes Auto!
muhammaned 03.06.2011
4. vollkommen ausreichend
Zitat von seikorder VW ist ein wunderschönes Auto!
Das Gejammer über die Leistung verstehe ich nicht wirklich - lieber sitze ich in so einem sehr schön gestalteten Coupé und höre hinten einen Boxer blubbern, als mich in einem überteuerten Grandturismo auf Geschwindigkeitsjagd zu begeben. 'its better to go somewhere slow, than nowhere fast' ....
magiko 03.06.2011
5. schlecht recherchiert....
Den VW SP kannte ich schon, aber ich habe noch nie was von einem Maserati Ghilbi gehört, nur von einem Ghibli !! Ein wenig mehr Recherche und Liebe zu dem was man macht würde auch solche Fehler wie die Acht-Zylinder des E-Type verhindern, die es auch nicht gibt....
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