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Weihnachten auf der Autobahn: Stille Nacht, eilige Nacht

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Corbis

Rücklichter statt Baumkerzen: Weihnachten auf der Autobahn

Heiligabend allein auf der Autobahn: Kann es etwas Schlimmeres geben? Michail Hengstenberg hat diese Erfahrung hinter sich - und das Rezept für eine besinnliche Fahrt gefunden.

Weihnachten ist ja immer auch ein Fest der gemischten Gefühle. Dem einträchtigen Beisammensein unter dem Baum geht in der Regel hektische Betriebsamkeit voraus, die in Stress mündet, nicht selten kommt es zu Streit. Eindeutig hingegen ist die Gefühlslage, wenn man den Heiligabend auf der Autobahn verbringen muss: Es ist ein einziges Ärgernis.

So habe ich auch gedacht, bis ich mich eines Heiligabends vor zwei Jahren selbst in der Lage wiederfand. Meine Freundin war schon vorgefahren zu ihrer Familie in den Süden Deutschlands, ich hatte noch länger in Hamburg bleiben müssen und konnte erst am späten Nachmittag starten. Am Ende sollte die Fahrt ganz anders werden, als ich es gedacht hatte.

Die erste Überraschung erwartete mich schon direkt nach dem Auffahren auf die Autobahn: Mit so einem Betrieb hatte ich nicht gerechnet. Heiligabend, das ist doch wie Fußball-WM, wenn Deutschland im Finale steht. Wer, außer Lkw-Fahrern, geht da auf Strecke?

Plötzlich reißt der Heiland den Himmel auf

Ein wenig tröstete es mich: lauter arme Schweine, so wie ich. So trüb wie der Himmel über Norddeutschland an diesem Abend war auch meine Stimmung. Ich dachte an die Familie, die sich nun wohl demnächst um den Baum scharen und die Geschenke auspacken würde, und drückte auf's Gas. Schnell, nur schnell auch dort hinkommen.

Hinter Kassel riss dann der Himmel auf. Klares, kühles Licht ergoss sich über das abtrocknende Asphaltband der Autobahn. Auf einmal schwappte ein zartes Gefühl von Festlichkeit ins Auto. Ich musste an "Weihnachten in Bullerbü" denken, das ich mir als Kind jedes Jahr in der Adventszeit unzählige Male angeschaut hatte und dessen Bilder für mich so stark mit dem Gefühl Weihnachten verknüpft sind wie wenig anderes auf der Welt. Der von Schnee bedeckte und von Sternen erhellte Nordhof und hinter den erleuchteten Fenstern die vor Freude geröteten Gesichter der Kinder - für mich der Inbegriff des Heiligen Abends.

Ich ließ mich von dem Gefühl forttragen. Drehte mein iPhone raus, aus dem seit Start der Fahrt Elektro-Beats geplärrt hatten, und stellte im Radio einen Klassik-Sender ein. Wieder wurde es ein Stück festlicher in meinem Auto. Und plötzlich sah ich meine Fahrt mit anderen Augen.

Eine weihnachtliche Schicksalsgemeinschaft

Ich war nicht allein, während meine Familie ohne mich feierte. Ich beging Weihnachten mit all den anderen Menschen, die mit mir zusammen auf der Autobahn fuhren. Wir saßen zwar getrennt, jeder in seinem Auto, und unsere Gesichter wurden nur vom fahlen Licht der Instrumente erleuchtet und nicht von den Kerzen des Weihnachtsbaums. Aber wir waren eine Schicksalsgemeinschaft und feierten gemeinsam.

Dieser Gedanke breitete sich in mir aus und veränderte alles. Ich hörte auf zu hetzen und stellte den Tempomat auf gemütliche 130 Stundenkilometer. So glitt ich durch die Nacht. Selbst die notorischen Mittelspurfahrer, denen ich sonst die Pest an den Hals wünsche, schloss ich an diesem Abend in mein Herz. Es waren schließlich auch nur Menschen an Heiligabend auf der Autobahn.

Sie sind dieses Weihnachten auch auf der Autobahn? Dann wünsche ich Ihnen, dass Ihnen das gelingt, was mir vor zwei Jahren gelang: die Fahrt in einen Festakt zu verwandeln. Die Bedingungen sind gut, es soll am Heiligabend 2015 ein Fast-Vollmond die Nacht erleuchten, vielleicht gibt es ja einen klaren Blick darauf. Stellen Sie sich schöne Musik an. Denken Sie an "Weihnachten in Bullerbü" - oder was auch immer Sie für den Moment zu einem Kind unter dem Weihnachtsbaum macht.

Und wenn Sie nicht dahinrasen wie ich zu Beginn meiner Fahrt, dann schenken Sie sich und allen anderen um Sie herum an diesem Abend sogar etwas. Denn auch wenn man es sich nicht vorstellen mag, verunglücken jedes Jahr zig Menschen am Heiligabend auf der Autobahn. Werden schwer verletzt, manche sterben auch. Denken Sie vielleicht auch für einen kurzen Moment daran. Denn es gibt kein größeres Geschenk an Weihnachten, als dass Sie und alle, mit denen Sie auf der Autobahn feiern, am Ende heil ankommen.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Stille Nacht-schnelle Nacht
laubblaeser 24.12.2015
Heute Abend, nach der Bescherung, werde ich nicht die Kinder aus Bullerbü aber eine Geschichte aus "Michel aus Lönneberga" vorlesen (Tradition) und mich danach mit entspannten 250 auf die Autobahn klemmen und nach Köln fliegen! Freunde treffen! Auch Tradition! Auch diese Fahrt ist jedes Jahr etwas ganz besonderes! Frohes Fest!
2. ....
jujo 24.12.2015
Ein sehr schöner Text. Der nachdenklich macht ohne die Leute missionieren zu wollen! Uns ging es mal anders. Wir fuhren wie jeden Sommer nach Schweden. Ab Trelleborg hatten wir noch ca 550 km. Es war nach 17Uhr. Auf der Autobahn waren wir alleine (!) , fuhren brav die vorgegebenen 110kmh, auch auf der Gegenfahrbahn kein Auto. Da fiel uns ein es war ja Mitsommer, das steht in Schweden Turmhoch über Weihnachten. Fuß aufs Pedal, Tempomat auf 160.
3. Heiligabend
and_over 24.12.2015
ist doch DER Tag, um Kilometer zu machen. Vor ein paar Jahren bin ich mal die 650km zu meiner damaligen Freundin in knapp über 5 Stunden gefahren. Mit dem 190 Diesel, ohne zu rasen. Man sollte sich halt nicht mit unnötigem Zeug wie Pausen oder Tanken aufhalten :)
4. Jetzt fehlt nur noch die Erkenntnis,
reifenexperte 24.12.2015
dass auch das ganze restliche Jahr 130 viel entspannter und freundlicher ist. Weihnachten kann überall und immer sein.
5. die Zeit an Heiligabend im Auto ist eigentlich das schönste an Weihnachten
reflexxion 24.12.2015
Ich hab das früher auch gemacht, allein nach dem letzten Arbeitstag am Heiligabend nach Hause fahren. Das waren damals noch ca. 200 km und ich konnte mich der Illusion hingeben, Weihnachten wird diesmal anders sein - vielleicht. Natürlich war es nicht anders und außer Stress und Hektik gab es nicht viel. Ich sagte dann einmal ketzerisch, das Schönste an Weihnachten ist am 27.12. nicht auf dem Titel der Bild zustehen, wegen einem Familiendrama. Meine Ex-Frau hat mir mal am 25.12. gesagt, sie sei traurig nicht auch wie ihre Schwägerin schwanger zu sein - von ihrem Lover in Hamburg! Von dem wusste ich bis dahin nichts und irgendwie war Weihnachten damit für mich erledigt, wie es sich heute zeigt für immer. Ich bin dann die 200 km zum Arbeitsort wie in Trance gefahren, in etwa einer Stunde, denn nachts um 22:00 Uhr ist am 1. Weihnachtstag kein Verkehr gewesen. Ich bin eigentlich immer nur froh, wenn der ganze Rummel vorbei ist. 16:30 Uhr - 24.12.2016
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