Luxuslimousinen Ich brauche keinen Personal Trainer. Ich habe ein Auto.

Den Weg ins Spa können sich manche Autofahrer womöglich bald sparen. Verschiedene Hersteller rüsten ihre Luxuslimousinen zu Wellness-Oasen auf - und geben den Kunden überraschende Ratschläge.

Hyundai

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Aus den Lautsprechern wogen sphärische Klänge. Die Innenraumbeleuchtung wechselt weich von Rot nach Gelb und wieder zurück. Aus den Lüfterdüsen streicht ein warmer Luftzug spürbar über die Haut. Ein wohliger Duft steigt in die Nase. Götz Renners Atem wird tiefer und ruhiger, der Puls langsamer, der Stress fällt von ihm ab.

Der Witz: Wofür andere Leute in die Sauna gehen oder in andere Wellness-Oasen, setzt sich Renner hinters Lenkrad.

Die Automobilbranche hat sich in den vergangenen zehn Jahren in immer feineren Ausprägungen darauf spezialisiert, Lösungen für Probleme zu entwickeln, die es ohne sie nicht gäbe. Eins davon hat jetzt Renner am Wickel: Der Ingenieur leitet bei Mercedes das Projekt "Fit & Healthy" und will die nächste Generation der S-Klasse zur Wohlfühl-Oase auf Rädern machen. Weil Autofahren wegen überfüllter Straßen nur noch selten für Entspannung sorgt, muss ein Alternativprogramm her. Für die Kunden, die ab Sommer den überarbeiten Luxusliner fahren, hat Renner sich ein Ziel gesetzt: "Sie sollen sich nach dem Aussteigen besser fühlen als vor dem Einsteigen."

Mercedes ist in Sachen Softie-Offensive nicht allein. In Zeiten, in denen man an den Handgelenken mehr Fitnesstracker sieht als Armbanduhren und das Handy besser über die Gesundheit Bescheid weiß als der Hausarzt, ist das Wohlsein im Wagen ein Technologietrend. Selbst bislang eher nüchterne Marken wie Hyundai demonstrieren plötzlich eine ungeahnte Fürsorge gegenüber ihren Fahrern und rücken auf Automessen ein Healthcare-Cockpit ins Rampenlicht.

Anpassung an den Gemüts- und Gesundheitszustand des Fahrers

"Das wird auch langsam Zeit", sagt Lutz Hertel. Er ist der Vorstand des Deutschen Wellness Verbands und wundert sich, dass die Hersteller erst jetzt das Thema für sich entdecken. "Die Techniken, mit denen man Menschen ein sensorisches Wohlbefinden verschaffen kann, sind lange bekannt", klagt der Experte. Den Vorwurf, es handele sich dabei nur um esoterischen Schnickschnack, wischt er vehement beiseite: "Man kann mit einfachen Maßnahmen die mentale und emotionale Befindlichkeit verbessern. Und je wohler man sich fühlt, desto besser und sicherer fährt man."

Mercedes-Entwickler Renner gibt sogar zu, dass die "Fit & Healthy" S-Klasse im Grunde nichts Neues sei. Ambientebeleuchtung, Sitzmassage, Klimaanlage oder Parfümzerstäuber gibt es längst schon in Fahrzeugen und zwar nicht nur in denen der Gattung Luxuslimousine. Neu aber sind, darauf besteht er, das intelligentere Zusammenspiel der Systeme, die feinfühligere Abstimmung und vor allem die Anpassung an den Gemüts- und Gesundheitszustand des Fahrers.

Zum ersten Mal vernetzt sich in der neuen S-Klasse ein Mercedes mit einer Fitnessuhr und weiß dann, wie der Fahrer tickt. "Kombiniert man das mit Informationen wie der Tageszeit, dem Routenverlauf, dem Terminplan des Fahrers und seinem Fahrverhalten, kann man schnell erkennen, ob jemand angespannt oder ermattet ist", erläutert Renner.

Musik als Massage-Instrument

Hat das Auto erst einmal erkannt, wie es um den Fahrer bestellt ist, startet es das entsprechende Gegenprogramm, beschreibt Renner die unterschiedlichen Szenarien für Entspannung oder Aktivierung. "Das könnte man zwar alles auch selbst einstellen, doch die meisten Fahrer sind gerade mal motiviert, die Sitzheizung einzustellen". In der S-Klasse läuft hingegen automatisch ein Programm ab, das fein aufeinander abgestimmt, alle Sinne stimuliert: Licht und Musik ändern sich im gleichen Takt, eisige Windstöße aus der Lüftung fühlen sich an, als hätte jemand das Fenster sekundenweise aufgerissen, ein frischer Duft kitzelt in der Nase und die Massagekissen bearbeiten engagiert den Rücken.

Mittelfristig wollen die Autohersteller ihr Angebot noch verfeinern. Statt die so genannten Wearables anzuzapfen, wollen sie den Puls zum Beispiel über Sensoren am Lenkrad selbst messen und über die Sitze zudem Körpertemperatur oder Hautfeuchte erfassen. Hyundai will auch noch Atemfrequenz und Atemtiefe erkennen und mit Eyetracking und der Gesichtserkennung erfassen, wie müde der Autofahrer ist, oder welche Laune er hat. Das Auto als Mini-Überwachungsstaat? Aus dem Munde der Manager hört es sich an wie eine Verheißung.

Bewegung gibt es im wahrsten Sinne des Wortes bei den Massagewerkzeugen. Statt der Luftkissen, die die müden Knochen bislang kneten, soll bald schon mit Musik massiert werden. Audi arbeitet wie Mercedes an einer Massage durch Vibrationselemente in der Lehne und im Sitzkissen, die Fahrer und Beifahrer im Rhythmus der Musik durchwalken sollen. "Wir greifen bestimmte Frequenzen vom jeweiligen Soundsystem ab und verarbeiten sie in einem Steuergerät", erklärt Audi-Entwickler Lars Ellermann.

Bässe und Taktschläge versetzen auf diese Weise die einzelnen Vibrationselemente in Schwingung und erzeugen so eine Art vierter Klangdimension. Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Wenn Mercedes-Mann Renner die Musik in seiner S-Klasse aufdreht, fühlt man sich, als säße man direkt auf dem Subwoofer.

Das Auto wird zum Personal Trainer

Auch der Duft wird variantenreicher. Statt eines einheitlichen Raumparfüms gibt es im Healthcare-Cockpit von Hyundai für jede Gegebenheit den passenden Geruch: Lavendel- oder Eukalyptus-Aromen beruhigen den Fahrer, Düfte wie Zeder oder Pfefferminze regen die Sinne an und beleben ihn wieder. Wo früher der Geruch von Benzin und Öl die automobile Begeisterung begleiteten, kann man im alltäglich werdenden Verkehrsinfarkt die Kunden offenbar nur noch durch die olfaktorisch perfekte Orchestrierung bei der Stange halten.

Und bei passiver Berieselung belassen es die Hersteller nicht. Sie animieren ihre Kunden auch zum Mitmachen: So gibt es in der Audi Forschung eine Fit Driver App, mit der man aktiv Stress abbauen kann. Wenn die Elektronik über eine verringerte Herzratenvariabilität einen erhöhten Stresslevel feststellt, bietet sie dem Fahrer eine entspannende Atemübung an, erläutert Projektleiter Thomas Mann. Dann gibt eine Anzeige auf dem Bildschirm den Rhythmus für das Ein- und Ausatmen vor, während eine ruhige Stimme den Takt zählt und ein Sensor den Herzschlag kontrolliert. Das langsame und tiefe Atmen entspannt und verbessert schon nach kurzer Zeit das Wohlbefinden, sagt Mann. Damit der Fahrer das auch merkt, spiegelt das Fahrzeug seinem Lenker pflichtbewusst den Übungserfolg.

Auch bei Mercedes muss man Mitmachen, sagt Renner und lenkt den Blick auf das Motion Seating in seinem Prototyp. Weil Sitzen das neue Rauchen sei und sich zu einer gefährlichen Volkskrankheit entwickelt habe, steuert er mit gezielter Bewegung dagegen: Die Sessel seines S-Klasse-Prototyps verstellen sich automatisch, kontinuierlich und kaum merklich, sodass man beim Reisen nicht einrostet. Und wer nach einer Videoanleitung auf dem Bildschirm ähnlich wie bei den Fitnessbotschaften im Flugzeug gezielt gegen die Massagefunktion arbeitet, fühlt sich frisch wie nach einer Runde Yoga.

"Lassen Sie den Wagen stehen und gehen sie doch einfach mal zu Fuß."

"Es ist an der Zeit, dass die Automobilhersteller Lösungen präsentieren, mit denen die hohen Belastungen beim Sitzen im Auto deutlich reduziert werden", sagt Detlef Detjen, Geschäftsführer der Ergonomie-Lobby "Aktion gesunder Rücken" (AGR). "Denn das Sitzen im Auto ist aus Sicht der Mediziner die schlimmste Form des Sitzens überhaupt." Zwar begrüßt er Ansätze wie das Motion Seating und hält schon die bereits verfügbaren Massagen für einen Gewinn, weil sie wenigstens etwas Bewegung in den Rumpf bringen. Aber es wäre schon viel geholfen, wenn es erst mal überall einen ergonomischen Grundsitz gäbe. "Leider scheitern daran immer noch die meisten Hersteller, sie schaffen nur wenige oder oft gar keine Kriterien."

So sehr sich Experten wie Verbandsvorsitzender Hertel über den Trend zum Wohlsein im Wagen freuen, warnen sie aber auch vor Missverständnissen: "Wellness ist mehr als nur das Genusserleben in Folge einer Verwöhnbehandlung." Ursprünglich bedeute der Begriff gesundheitliches Wohlbefinden aufgrund einer darauf ausgerichteten Lebensweise und -einstellung. "Langes Autofahren, das all diese neuen 'Wellness'-Features erst erforderlich macht, damit die Gesundheit und die Sicherheit nicht leiden, ist in diesem Sinne also alles andere als Wellness," sagt Hertel. AGR-Mann Detjen pflichtet ihm bei: "Am besten ist es immer noch aus dem Auto auszusteigen und sich zu bewegen."

Das hat offenbar auch Mercedes-Entwickler Renner erkannt. Der mit dem Terminkalender des Kunden vernetzte Wellnessberater in der neuen S-Klasse gebe dem Fahrer deshalb bisweilen einen Ratschlag, den man von einem Autohersteller so nicht erwartet hätte: "Lassen Sie den Wagen stehen und gehen sie doch einfach mal zu Fuß."

Zusammenfassung: Weil Autofahren wegen meist überfüllter Straßen kaum noch Entspannung bietet, sondern viele Fahrer eher stresst, arbeiten etliche Hersteller an Wohlfühlprogrammen für ihre Autos. Anhand von Fitnessuhren oder über Sensoren des Autos gewonnener Daten werden Düfte, Massagen, Klänge und derlei mehr automatisch gesteuert und die Sinne des Fahrers so stimuliert.



insgesamt 32 Beiträge
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frytom 14.02.2017
1. Die Grenzen der Physik.
Dekandenter geht immer. Anstatt die PKWs endlich kleiner, kompakter und leichter zu machen, damit sie die energetische Effizienz erhöhen (=kleiner werdender Verbrauch), wird immer noch der verkehrte Weg bestritten. Größer, dicker und dümmer. Denn Ziel der Mobilität war und ist immer noch, von A nach B zu gelangen, bestes Vorbild wäre für die PKW-Kontrukteure das (rein muskelbetriebene) Fahrrad, das deutlich macht, wie langstreckige Mobilität erreicht wird, nämlich über ein möglichst geringes Gewicht des zu Bewegenden. Die Zukunft liegt ganz klar im Defeaturing. Da wird kein Weg dran vorbeiführen. Es ist unvermeidlich. Erdöl hat ein Ende, ob es nun durch Wegbleiben oder Verbot erreicht wird, ist unerheblich, es ist unvermeidlich. Wo ist das E-Auto mit Wechselakku? Das wäre so einfach. Weil es so einfach ist, wird es nicht gemacht, lieber kocht jeder Hersteller sein eigenes E-Systemsüppchen, das alles ist, blos nicht kompatibel zu anderen Produkten anderer Anbeiter (Vielstaaterei usw.) sein darf, denn wenn sich aller Hersteller auf eine genormtes Wechselakku-System einigen würden, gäbe es womöglich weniger Gewinn für den Einzelnen, für alle Verkehrsteilnehmer wäre es DIE richtige und sinnvolle Weiterentwicklung des bewährten Betanken-Systems, das die Mobilität nur kurzweilig unterbricht. Denn die Reichweite von E-Autos steht in direkter Abhängigkeit zur Gesamtmasse des zu bewegenden Systems. E-Autos sollten also deutlich im Gewicht entschlackt werden, damit die Akkupackung eine große Reichweite ermöglicht. Das ist einfachste Physik, die den Herren Entwickler aber nicht passt, weil sie lieber Wellness-Oasen in Autos packen wollen. Welch ein Blödsinn!
frankfranic 14.02.2017
2.
Auf diese Neuerungen habe ich wirklich lange gewartet ... ;-) Die meisten Fahrzeughersteller sollten besser ihr Geld in die Qualität ihrer Fahrzeuge stecken...
sotomajor 14.02.2017
3. Wohntraum
Das Auto als Wohnung kommt schon bald, weil sich in Deutschland keiner mehr eine Wohnung leisten kann. Mit Kofferraumdusche und Umbausitzen, einer grün- geheuchelten Standheizung mit Sonnenkollektor statt Schiebedach. Weniger ist mehr und Freiheit pur, bis zur nächsten Parkplatzgebühr. Aber selbst dieser Alptraum würde wieder Übel enden, wegen Auflagen Umlagen und dem hinlangen !
huckzuck 14.02.2017
4. Vergeudete Ressourcen
Wenn ich Spa will, geh ins Spa. Noch mehr teuere und unnütze Spielereien, die kein Kunde braucht, geschweige denn nutzen kann. Es ist OK, wenn man an diesen Themen als Autohersteller forscht, aber kein Kunde wünscht oder benötigt das in einem Volumenmodell. Was wie immer dabei hinten runter fällt, ist die Nachhaltigkeit. Unreparabel auf lange Sicht. Alle diese kleinen Ausnahmen verteuern die Produktion, machen die Liste der Optionen noch länger.
frank_w._abagnale 14.02.2017
5. Fragen...
Ist ja alles schön und gut. In meiner Familie fährt man auch Luxusklasse. Beziehungsweise lässt fahren. Erkennen die Systeme nur den Fahrer oder auch die Passagiere auf der Rückbank?
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