Alfa Romeo Giulia Zweite Chance für die Liebe

Einst erlagen Heerscharen von Autofahrern den betörenden Fahrzeugen von Alfa Romeo, dann wurde die Marke heruntergewirtschaftet. Mit seiner neuen Giulia will der Konzern nun wieder Herzen erobern.

Alfa Romeo

Dass es bei einer Automobilpremiere minutenlangen Szenenapplaus des Publikums gibt, kommt selten vor. Gleichzeitig gibt es auch selten Neuvorstellungen, mit denen so viele Hoffnungen und Erwartungen verknüpft werden wie mit der neuen Alfa Romeo Giulia.

Die Giulia war jahrzehntelang Synonym für die Marke und soll sie nun aus der Bedeutungslosigkeit zurück in die erste Liga der Mittelklasse-Luxuslimousinen führen.

Entsprechend bildschwer ist die Inszenierung: 500 Gäste feiern die Enthüllung in einem nach langer Renovierung wiedereröffneten Museum im italienischen Arese, inmitten von Industrieruinen. Aus den Boxen dröhnt zur Eröffnung Vincerò ("Ich werde siegen"), gesungen von Andrea Bocelli, anschließend gibt es frenetischen Applaus und Standing Ovations.

Kitschig? Man muss es den Italienern nachsehen. Zu lange haben sie auf diesen Abend gewartet. Fünf Jahre ist es her, dass Alfa Romeo ein neues Auto präsentiert hat (vom Kleinserien-Sportwagen 4C abgesehen, mit dem sich zwar famos brettern, aber schlecht die Marke retten lässt). In Zeiten, in denen die Schwestermarke Lancia, einst ebenso klangvoll wie Alfa Romeo, im Fiat-Konzern zugrunde gewirtschaftet wurde, war die Angst vor einem baldigen Alfa-Aus groß.

Umso gieriger hing halb Italien Fiat-Chef Sergio Marchionne an den Lippen, als er im letzten Herbst einen großen Revival-Plan für die Marke verkündete. Umso größer war die Neugier, als am Mittwochabend, exakt am 105. Geburtstag der Anonima Lombarda Fabbrica Automobili, kurz Alfa, mit der konkreten Umsetzung begonnen und die neue Mittelklasse-Limousine Giulia enthüllt wurde. Und zwar genau dort, wo das Original von 1962 bis 1978 gebaut wurde und jetzt ein würdiges Museum entstanden ist: am alten Stammsitz in Arese.

Namensgeber: Die erste Giulia war ein Erfolg - den will die Marke wiederholen
Alfa Romeo

Namensgeber: Die erste Giulia war ein Erfolg - den will die Marke wiederholen

"Das ist der ersten Tag einer glorreichen Zukunft", jubelt Marchionne auf der Bühne. Sein Plan: Alfa Romeo neben Jeep zur zweiten globalen Marke im Konzern aufzubauen. Das Ringen mit der etablierten, selbst ernannten, Premium-Konkurrenz soll Alfa dabei vor allem mit Gefühl gewinnen, sagt Markenchef Harald Wester, der zwar aus Deutschland kommt, mittlerweile seine Reden aber in einem derart leidenschaftlichen Italienisch hält, als sei er südlich der Alpen geboren.

Top-Modell mit Ferrari-Motor

Die anderen bauten ja alle ganz ansehnliche Autos, räumt Wester ein, während hinter ihm Hunderte Fotos von Audis, BMWs und Mercedes über die Leinwand der Premierenbühne flimmern. Aber sie seien einförmig, sagt er. Aus den Autos auf der Leinwand werden lauter silberne Fische, zwischen denen plötzlich einer in Alfa-Rot auftaucht und natürlich gegen den Strom schwimmt. Den anderen fehle das Herz, sagt Wester. "Das sind gute Konstruktionen, aber keine Kreationen", stichelt er.

Weil Wester wenig Handfestes verkünden kann, bemüht er umso mehr blumige Umschreibungen. Ein Alfa, das sei immer eine Sache der Seele, ein Kunstwerk mit Werten, die man nicht in Zahlen fassen kann: "Gefühl und Emotionen." Selbst die 510 PS aus einem von Ferrari entwickelten V6-Turbo, mit dem das Top-Modell der Giulia in 3,9 Sekunden von 0 auf 100 schießt, scheinen nebensächlich, und weitere Zahlen zum Hoffnungsbringer lässt er sich nicht entlocken. Erst auf der IAA werde es konkret.

Stattdessen lenkt er den Blick auf das Design, das zumindest bei dem auf die Bühne gerollten Sportmodell Quadrifoglio relativ wild und zerklüftet wirkt und bei aller italienischer Eleganz an der Flanke auch ein paar bayerische und am Heck sogar asiatische Züge trägt.

Er zaubert mit dem Klang, nein dem Gesang des Motors, eine Gänsehaut in den Gehörgang der Premierengäste. Er philosophiert davon, dass man dieses Auto nicht besitze und benutze, sondern dass es von einem Besitz ergreife. Er verspricht ein ausgesprochen agiles Fahrverhalten, eine direkte Lenkung und vor allem eine perfekte Gewichtsbalance, bleibt aber bei alledem ausgesprochen vage. Feeling ja, Fakten nein - Anfassen oder gar Einsteigen ist an diesem Abend ohnehin noch nicht erwünscht.

Mit Chrysler wieder zum Massenprodukt

Alfa Romeo Giulia: Neuer Hoffnungsträger der Italiener
Alfa Romeo

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Das Umschiffen von Zahlen mag auch daran liegen, dass einem im Zusammenhang mit Alfa zunächst Unerfreuliche einfallen. Zum Beispiel die nicht einmal mehr 70.000 Zulassungen im letzten Jahr. Die nur noch gut 3000 verkauften Autos in Deutschland, wo Alfa in guten Zeiten mal das Zehnfache absetzte. Was helfen könnte bei der Rettung: Marchionne liegt dieses Projekt angeblich nicht nur aus geschäftlicher Hinsicht am Herzen. Er bezeichnet das Revival von Alfa als persönliches Anliegen, als Mission, die seit 30 Jahren unerfüllt ist, als unvollendetes Kunstwerk und als moralische Verpflichtung, der er jetzt endlich nachkommt.

Doch warum soll das ausgerechnet jetzt gelingen? "Früher hätten wir es schlicht nicht gekonnt", sagt Marchionne. Und meint damit die neue Zeitrechnung im Konzern, die mit der Fusion mit Chrysler begonnen hat. Denn die Übernahme der US-Marke, die vor wenigen Jahren noch kurz vor dem Konkurs stand, soll für Alfa zum Glücksfall werden. Mit der Fusion gelang der Zugriff auf Milliardensubventionen aus Washington für die maroden US-Autobauer, die Marchionne jetzt in Alfa pumpen will. Erst in Detroit fand der Konzernlenker eine Mannschaft, die sich mit der Produktion von großen und starken Autos in Stückzahlen auskennt, die zehnmal höher sind als bei Ferrari oder Maserati. Und nur wenn er Alfa über die Chrysler-Händler in Amerika oder China verkaufen kann, wird es was mit der Weltreise des Mailänder Mädchens.

Stinktiere im Kampf gegen die Deutschen

Dass es Fiat alleine nicht hinbekommen hat, dafür gibt es aus der Vergangenheit genügend Beispiele: Denn immer wieder hat Alfa wider besseres Wissen minderwertige Technik einbauen müssen. Oder es mussten Erfindungen wie der Common-Rail-Diesel mangels Mitteln an die Konkurrenz verkauft werden. Oder faule Kompromisse gemacht werden. Autos wie der eigentlich ganz schmucke Alfasud waren deshalb von miserabler Qualität und der vom Nissan Pulsar zum Alfa umgelabelte Arna der absolute Tiefpunkt.

Alfa Romeo Arna: Der Nissan mit Alfa-Logo gilt als Tiefpunkt der Modellgeschichte
Alfa Romeo

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Marchionne will, dass so etwas nie wieder passiert. "Wir haben aus diesen Fehlern gelernt,", sagt der Chef und setzt dabei auf eine Truppe von Mitarbeitern, die abseits des Tagesgeschäfts mit allen Freiheiten an dem Projekt mit dem Codenamen "Giorgio" arbeiten konnten. Diese eingeschworenen Elitetruppe, die Marchionne am Ende der Show unter tosendem Applaus auf die Bühne bittet, nennt er seine "Skunks", seine Stinktiere - und erinnert damit bewusst an eine gleichnamige Schar von Ingenieuren, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beim Waffenhersteller Lockheed-Martin binnen 150 Tagen den ersten amerikanischen Kampfjet entwickelten.

75 Jahre später haben Marchionnes Stinktiere für ihr Schmuckstück zwar viermal so lang gebraucht, doch auch diesmal geht es wieder gegen die Deutschen. Denn wenn die Giulia im Frühjahr in den Handel kommt, zielt die mit Heck - oder Allradantrieb geplante Limousine von etwa 4,70 Metern Länge vor allem auf den Audi A4, den Dreier BMW und die Mercedes C-Klasse.

Kein zweiter Fall Lancia

"Und die Giulia ist nur der Anfang", sagt Marchionne und wiederholt seinen Revival-Plan, den sich der Konzern über fünf Milliarden kosten lässt: Mit acht neuen Modellen in den nächsten drei Jahren will Marchionne den Alfa-Absatz von zuletzt etwa 70.000 auf mehr als 400.000 Exemplare im Jahr steigern. Der Chef räumt ein, dass das ein ambitioniertes Ziel ist. Aber als Beweis dafür, dass Fiat durchaus ein Händchen für Markenführung hat, führt er die US-Schwester Jeep ins Feld, die gerade eine ganz ähnliche Entwicklung nimmt, das dritte Rekordjahr in Folge schreibt und 2014 zum ersten Mal mehr als eine Million Autos verkauft hat.

Aber es gibt auch einen Gegenbeleg: den Niedergang von Lancia. Die einstige italienische Luxusmarke fristete zuletzt ein trotzloses Dasein, die Autos waren in Wahrheit lieblos erdachte Chrysler-Fuhren, denen ein etwas edlerer Innenraum und ein Lancia-Logo spendiert wurden. Mit diesem Konzept hat Marchionne die Traditionsmarke so weit heruntergewirtschaftet, dass sich die wenigen Autos mittlerweile nur noch in Italien verkaufen lassen.

Eingefleischte Alfisti hoffen, dass es ihrer Lieblingsmarke nicht so ergeht. Paolo Tumminelli ist Professor für Design an der FH Köln, und Italiener. Er sagt: "Man darf mit Freude feststellen, dass der Marke in den letzten 30 Jahren zwar so ziemlich alles angetan wurde, was man einer würdigen Marke nicht antun sollte, dass dabei aber kaum etwas vom Glanz und dem Sexappeal verloren gegangen ist." Doch während ein Lancia nicht einmal mehr sein eigenes Kleid tragen dürfe, sondern stattdessen Secondhand-Mode von Chrysler auftragen müsse, überlebe bei Alfa Romeo die italienische Schule: "poveri ma belli - arm, aber schön."



insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
jkrose 25.06.2015
1. Aber doch nicht mit dieser Karre
Das Teil sieht von der Formensprache aber arg geklaut aus. Hinten etwas Audi A4, vorn etwas BMW 1er. Nee, so wird das nichts.
Mr Bounz 25.06.2015
2. Klasse
So was wünscht man sich als Autofan. Sehr schick, weg von dem sich ständig wiedrholenden Audi/BMW Einheitsbrei! Leider, siehe Post Nr.1, werden die deutschen Autokäufer wieder länger brauchen um das zu bemerken, sondern in Platitüden verfallen.
j.vantast 25.06.2015
3. Chance vertan
Es gab die glorreiche Zeit der Alfa´s, ja. Die Autos waren eigenständig und hatten Charakter. Vorbei. Die neue Giulia: Die Front so ein bischen Seat, die Seitenlinie wie BMW, das Heck wie Audi und der Schriftzug am Heck ist lieblos und erinnert an Skoda. Nix mehr mit Bella Machina, langweilig wie ein Koreaner, da kommen bei mir keine Emotionen auf. Bild 11 der Fotostrecke zeigt übrigens den Alfasud Sprint (1976-1983), den GTV für Arme. Der wurde in deutlich niedrigeren Stückzahlen gefertigt als der "eigentliche" Alfasud.
white.house 25.06.2015
4. Na sowas
wird den einfallslosen deutschen VW, Audi, Mercedes und Audi Käufern nicht gefallen. Einfach zu elegant der neue Alfa. Ein Auto in das man sich sofort verlieben könnte.
zylinderkopf 25.06.2015
5.
lechz...sabber...gier Gestern stand so ein Z4 neben mir auf dem Parkplatz. Da wurde ich wieder nervös, und dann das.... Jetzt muss nur noch Technik und Zuverlässigkeit stimmen, wie eben auch bei einer schönen Frau.
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