SPIEGEL ONLINE: Monsieur Raphanel, sie sind Testfahrer bei Bugatti, da dürfte für sie Tempo 400 beinahe alltäglich sein, oder?
Pierre-Henri Raphanel: Das ist es natürlich nicht. Als ich vor fünf Jahren mit dem damals neuen Bugatti Veyron erstmals 408 km/h gefahren bin, hat mich das richtig mitgenommen. Ich habe vor der Testfahrt meine Mutter besucht und mit ihr noch einige Dinge besprochen - für den Fall, das irgendetwas schief geht.
SPIEGEL ONLINE: Waren sie vor der Rekordfahrt im Bugatti Veyron Super Sport im vergangenen Sommer wieder bei Ihrer Mutter?
Raphanel: Nein, diesmal nicht. Doch das hat nichts damit zu tun, dass ich mir keine Sorgen mehr mache. Wissen Sie, 400 km/h und mehr, das ist ein Geschwindigkeitsbereich, in dem Autos eigentlich nichts zu suchen haben.
SPIEGEL ONLINE: Hatten sie Angst?
Raphanel: Ja, ich hatte Angst. Und zwar deshalb, weil man bei dieser Geschwindigkeit das Auto kaum noch unter Kontrolle hat. Im Grunde ist Vollgasfahren ganz und gar unkompliziert, man muss ja einfach nur den rechten Fuß auf das Bodenblech drücken. Man darf bloß nicht versuchen in die Fahrt einzugreifen und auf keinen Fall gegen das Auto ankämpfen. Man ist viel mehr Passagier als Fahrer. So schnell Auto zu fahren ist vor allem ein mentales Experiment.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben sie sich auf die Rekordfahrt mit dem schnellsten Seriensportwagen der Welt vorbereitet?
Raphanel: Weder durch Meditation noch durch Yoga, falls sie das meinen. Nein, ich gehe dann immer wieder in Gedanken durch, was alles passieren könnte. Und ich konzentriere mich zugleich darauf, dass, egal was auch passiert, ich unter allen Umständen weiter geradeaus fahren muss.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt erst mal recht einfach.
Raphanel: Ja, aber dann wird es doch kompliziert. Die Teststrecke im niedersächsischen Ehra-Lessin besteht vor allem aus einer zehn Kilometer langen, dreispurigen Geraden durch den Wald. Links und rechts stehen nur Bäume, Tausende von Bäumen. Bei den ersten Testfahrten hielt ich mich ziemlich dicht an der Leitplanke. Und plötzlich, das war bei ungefähr 425 km/h, brach das Auto zur Mitte hin aus. Ich war geschockt, und ich hatte Riesenglück. Danach bin ich auf der mittleren Spur gefahren.
SPIEGEL ONLINE: Hatten sie schon mal einen Unfall bei wirklich hoher Geschwindigkeit?
Raphanel: In Le Mans bin ich mal bei etwa 360 km/h ins Schleudern gekommen. Erst nach 400 Metern kam der Rennwagen zum Stehen. Würde so etwas mit dem 1,8 Tonnen schweren Bugatti bei 400 oder mehr passieren, man würde die Überreste des Autos wahrscheinlich einen Kilometer von der Unglücksstelle entfernt finden.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben sie den Tag der Rekordfahrt erlebt?
Raphanel: Ich habe sehr unruhig geschlafen. Als ich das erste mal aufwachte und auf den Wecker blickte, zeigte die Uhr 4:27. 'Das wäre kein schlechtes Tempo' habe ich da gedacht. Um 4:44 Uhr war ich wieder wach, 'niemals' schoss es mir durch den Kopf. Später lief dann alles streng nach Plan. Damit der Rekord offiziell anerkannt wird, muss man übrigens die Messstrecke zweimal befahren - jeweils in entgegengesetzter Richtung. Ich fuhr 427 km/h, so wie ich es frühmorgens auf dem Wecker gesehen hatte, und das zweite Mal 434 km/h - im Mittel ergab sich eine Geschwindigkeit von 431,072 km/h, das ist der neue Rekord.
SPIEGEL ONLINE: Und dann wurde gefeiert, oder? Es gibt ein Foto, auf dem sie Champagner über dem Bugatti verspritzen.
Raphanel: Ja, aber ehrlich gesagt herrschte keine richtige Partystimmung. Die Anspannung vor und während der Rekordfahrt war einfach zu groß gewesen, das hatte zu viel Energie gekostet. Ich wollte danach einfach nur ausatmen und entspannen.
SPIEGEL ONLINE: War denn ihre Mutter oder ihre Familie während der Rekordfahrt an der Strecke?
Raphanel: Nein, meine Mutter und meine beiden Töchter waren nicht in Ehra-Lessin. Meine Freundin war dabei - aber ehrlich gesagt habe ich in den entscheidenden Stunden versucht, alles um mich herum auszublenden.
SPIEGEL ONLINE: Muss man, um einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen zu können, ein bisschen wahnsinnig sein?
Raphanel: Auf keinen Fall. Ich glaube eher, dass Rennfahrer, die so alt werden wie ich, extrem kontrollierte Typen sind. Mir sind Rekorde eher fremd, ich suche jedenfalls nicht nach extremen Erfahrungen. Ich hatte einfach die Chance zu dieser Fahrt, und ich habe sie ergriffen. Ein bisschen was von dem Rekord ist dann sicher auch von mir.
SPIEGEL ONLINE: Würden sie noch einmal zu einer solchen Fahrt starten?
Raphanel: Nein. Wissen sie, das Beschleunigen von 400 auf 434 km/ h dauert etwa 20 Sekunden, und diese 20 Sekunden hat man Zeit um nachzudenken. Da wurde mir klar: Ich möchte das wirklich nicht wiederholen.
Das Gespräch führte Jürgen Pander
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