Weltrekordversuch mit dem Motorrad: Ballermann aus Baden

Von Jochen Vorfelder

Weltrekordversuch in Bonneville: Rasta und Ducati Fotos
Nowsalt

Eine Handvoll Veteranen der deutschen Motorrad-Dragster-Szene will es noch mal wissen. Am 25. August wollen Günter Retsch und seine Crew auf den Bonneville-Salzseen in Utah einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord einfahren. Dafür brachte er selbst ein großes Opfer.

Schuld ist die Liebe. Günter Retsch wollte Peggy heiraten, was wiederum seine Rennkumpels anspornte, einen zünftigen Abschied vom Junggesellendasein zu organisieren. Im Jahr 2009 flogen sie zu sechst für ein Wochenende nach England, um bei einem Dragster-Rennen noch einmal ausgiebig Nitro an der Renngeraden zu schnüffeln. "Hat aber fürchterlich geregnet, wir mussten fürchterlich trinken", erinnert sich einer der Teilnehmer. "Und dann kamen wir ins Phantasieren: Eigentlich sollten wir alten Säcke unser Equipment noch mal auspacken und es wie Burt Munro machen."

Burt Munro war ein sympathischer, neuseeländischer Kauz mit Herzproblemen. Kurz vor dem Greisenalter reiste er mit einem zusammengeschraubten Motorrad der Marke Indian um die Welt nach Utah. Dort auf den Bonneville Salt Flats stellte er 1967 einen Geschwindigkeitsweltrekord auf - was im Film "The World's Fastest Indian" herzerweichend von Anthony Hopkins gespielt wurde. Günter Retsch erinnert sich: "Wir hatten ja noch unseren alten Ducati-Motor und schnell war der damals schon, Ende der Neunziger. Wenn also Munro, warum nicht wir?"

Freunde der explosiven Beschleunigung

Bis vor zehn Jahren waren Motorradmechaniker Retsch und seine Crew die bunten Hunde an den europäischen Dragster-Strecken. Sie fuhren auf den Beschleunigungstreffen nicht die schweren Harley-Motoren wie die Konkurrenz, sondern kleinere, leichte Ducati-Aggregate. Sie waren begnadete Tüftler und erfolgreich. Aber im Jahr 2001 gaben sie den Rennbetrieb auf; Erfolg wurde immer teurer, zu teuer für ein Amateurteam aus dem badischen Achern.

Dragster-Rennen sind ein kostenintensiver und schizophrener Sport: Je länger man arbeitet, desto kürzer dauert der Erfolg. Die Teams verbringen komplette Winter und endlose Stunden in der Werkstatt, um im Sommer bei den Sekunden-Rennen über eine Viertelmeile noch ein Hundertstelsekunde abzukneifen. Das machen sie mit seriennahen Motoren, aber mit Hilfe einer immer feineren Aufladetechnik.

Turbo heißt der Schlüssel zum Erfolg und funktioniert so: Eine kleine Turbine wird von den Auspuffgasen auf 120.000 Umdrehungen pro Minute gebracht. Dieses erste Flügelrad treibt eine zweite Turbine an, die angesaugte Frischluft komprimiert und in optimaler Temperatur und Verdichtung in die Verbrennungsräume presst.

Richtig lustig wird das, wenn dem Motor statt Benzin sogenanntes Nitro, eine Mischung aus Nitromethan und Methanol, eingeblasen wird. "Na ja", erklärt Retsch, "bei Nitro kann man eigentlich nicht mehr von einer konventionellen Verbrennung reden. Nitro, das explodiert buchstäblich." Und zerreißt nicht selten den kompletten Motor schon lange vor der Ziellinie.

Neuer Anlauf auf Salz

Aus der feuchtfröhlichen Idee, geboren in Großbritannien, ist inzwischen innerhalb von zweieinhalb Jahren das Projekt "NowSalt" geworden, das 2000 Arbeitstunden verschlungen hat und inzwischen 21 Mitstreiter auf Trab hält. Der Spaß der Asphalt-Cowboys, im reifen Alter von der Viertelmeile auf Salzrennen umzusatteln, hat bisher rund 45.000 Euro gekostet: "Ohne Sponsoren hier aus den Dörfern der Umgebung hätten wir das nie gestemmt."

Von Nitro hat Retsch, der seit zwei Jahrzehnten bei einem Suzuki-Händler in Achern arbeitet und dort mit seiner Crew schrauben durfte, für das Projekt aber Abstand genommen. Der alte 916er-Ducati-Motor von 1994 fährt jetzt mit 120 Oktan-Rennsprit, hängt aber in einem eigens konstruierten Fahrwerk.

Er ist von einer speziellen Verkleidung aus Luftfahrt-Karbon ummantelt und wurde auf einem Prüfstand in Finnland und während eines kurzen Laufs auf einem Flugplatz getestet. Der Motor bollert rund, nichts scheint auf mögliche Explosionen hinzuweisen. Doch das täuscht. Wenn Retsch im Liegen über einen unscheinbaren Kippschalter an der Cockpit-Konsole den Turbo zündet, leistet der 1000-Kubik-Motor schlagartig irre 300 PS. Die bange Frage ist: Wie lange?

Aerodynamik-Tuning am Fahrer

Der Plan ist einfach. Halten soll das betagte Fahrzeug auf der Salzebene von Bonneville mindestens so lange, um den bestehenden Klassenrekord (Sonderkonstruktion mit Turbolader, teilverkleidet, Benzinantrieb, bis 1000 Kubik) zu brechen. Dafür muss Retsch innerhalb einer Stunde zweimal eine Geschwindigkeit über aktuell 386 km/h fahren, mitgeloggt über eine Messdistanz von einer Meile. Wenn das nicht klappt, will man mit der Baden-Ducati zumindest Mitglied im exklusiven "200 Miles-Club" werden - also 322 km/h erreichen. Erster Renntag ist Samstag, der 25. August.

"Bei den Tests auf dem Rollfeld haben wir 286 Stundenkilometer gemessen", sagt Retsch. "Aber da bin ich auch nur bis in den fünften Gang gekommen." In Bonneville ist die Strecke länger, aber auch schwieriger. 300 PS sind eine derartige Wucht, dass sie nur noch bedingt und mit Tricks auf das Salz zu bringen sind: "Am Heck und an der Schwinge bringen wir noch Bleigewichte an."

Die Theorie besagt: Der Rekordversuch steht und fällt mit der Verringerung des Windwiderstands, mit dem optimalen Eintauchen der Maschine in die flirrend heiße Luft über den Salzseen. Die aerodynamische Verkleidung, verziert mit dem Südbadischen Wappengreif, ist dafür schon mal optimal, findet Retsch. Doch er weiß auch: Viele Versuche wird er nicht haben.

Deshalb will Retsch vor Samstag noch ein ganz persönliches Opfer zur maximalen Windschlüpfigkeit bringen. Auch Peggy, seit 2009 bekanntlich Frau Retsch, hat schon grünes Licht gegeben, dass die Crew vor Samstag mit der Schere an Retschs 20 Jahre alten Dreadlocks darf. Nichts soll im Wind flattern: Der Mann ist offensichtlich zu allem entschlossen.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Kleine Korrektur
Squalus 23.08.2012
Der im Artikel erwähnte Film mit Anthony Hopkins heißt soweit ich weiß "The World’s Fastest Indian" (deutscher Titel: "Mit Herz und Hand") und nicht "The Last Indian".
2. wg, Kleine Korrektur
moto1203 23.08.2012
Stimmt, mein Fehler. Der Film heißt "The World's Fastest Indian", Gruss Vorfelder
3. beileibe keine "kleine" Korrektur
Emil Peisker 23.08.2012
Zitat von SqualusDer im Artikel erwähnte Film mit Anthony Hopkins heißt soweit ich weiß "The World’s Fastest Indian" (deutscher Titel: "Mit Herz und Hand") und nicht "The Last Indian".
Ihre Korrektur ist völlig korrekt und ist beileibe keine "kleine" Was manche Autoren so einfach in die Tastatur dreschen, obwohl ein Google-Klick alles klargestellt hätte, ist schon Schlamperei.
4. Netter Versuch....
zensorsliebling 23.08.2012
aber wenn man dem Motor statt Benzin nur Lachgas gibt, brummt er nicht. Es muss schon Lachgas und Benzin sein. Man nimmt Lachgas statt Luft, weil Lachgas 30% Sauerstoffanteil hat, Luft nur 21%. Außerdem erhöht die Verdampfungswärme das Lachgas, was den Füllgrad verbessert.
5.
deali_ 23.08.2012
wenn ich mir diese dicken Stahlrohre anschaue, Ansaugrohre aus Edelstahl, dicke Schweißnähte, dann hätte man da optimieren sollen. Den Fahrer austauschen gegen einen der weniger wiegt. Dann hätte man das auch mit einem 150 PS Motor hin bekommen.
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Zum Autor
Jochen Vorfelder ist passionierter Motorradfahrer. Er berichtet seit Jahren über die Bike-Szene und betreibt das Blog Moto1203. In der Rubrik Schräglage berichtet er für SPIEGEL ONLINE regelmäßig über die neuesten Zweirad-Entwicklungen. Alle bisher erschienen Schräglage-Folgen

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