Wiesmann Roadster Im Zeichen des Geckos

Einen Porsche Boxster haben heute viele, auch der neue BMW M-Roadster ist bald keine Seltenheit mehr. Wer etwas wirklich Exklusives fahren möchte, wird im Münsterland fündig. Dort bauen zwei Brüder den Wiesmann Roadster - mit wachsendem Erfolg.


Mal wieder vor der Eisdiele vorgefahren und doch keinen Blick erhascht? Das wird wohl am Auto gelegen haben. Um wirklich Neugierde zu erregen, braucht es nicht unbedingt Porsche, Lamborghini oder Ferrari. Es funktioniert auf jeden Fall mit einem Auto aus der Manufaktur Wiesmann.

Die Firma aus Dülmen verwandelt seit mehr als zehn Jahren die bewährte Großserientechnik von BMW in einen leidenschaftlichen Roadster, von dem in Deutschland über lediglich fünf Händler im letzten Jahr 48, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres aber bereits 45 Exemplare zugelassen wurden. Die Preise der Autos beginnen bei 91.000 Euro und liegen deutlich über dem BMW Z4, der gegenüber dem Wiesmann Roadster allerdings wirkt wie ein Konfirmand neben einem Rockstar. Im Kreise der nach Aufmerksamkeit heischenden Konkurrenten ist der Zweisitzer aus dem Münsterland dagegen fast schon ein Schnäppchen.

Stilistisch erfüllt der Wagen alle Kriterien, die einen klassischen Zweisitzer mit freiem Blick zum Himmel ausmachen. Die Haube reicht fast bis an den Horizont, die Kotflügel sind so rund, dass man sie gerne einen Tick zu lange poliert, und die Sitzposition ist so tief, dass man sich beinahe die Hose aufritzt beim Fahren. Der Innenraum ist knapp geschnitten und komplett mit Leder ausgeschlagen. Man sitzt auf bequemen Rennschalen, eine Hand fällt wie von selbst auf den kugelrunden Schaltknauf aus massivem Metall, die andere greift in ein winziges Lenkrad, und die Augen wandern von den wenigen Kontrollleuchten hinter dem Mini-Volant auf die riesige Uhrensammlung, die weiter rechts die gesamte Mittelkonsole füllt.

Angetrieben wird der Wagen von einem Sechszylindermotor aus dem BMW-Regal. Die Standardversion bekommt den 3,0-Liter mit 231 PS, wer 5000 Euro mehr zahlt, darf sich über das 3,2-Liter-Aggregat aus dem M3 freuen, das mit 343 PS zu Werke geht und den Roadster zur Rakete macht. Weil der Wagen nur 1200 Kilo wiegt und die einzelnen Gänge nur so durchs Getriebe flutschen, ist man rasch schneller als die Polizei erlaubt.

Dabei klebt der Roadster auf der Straße wie ein Gecko an der Zimmerdecke - die Echse ist das Logo von Wiesmann und prangt als Markenzeichen über dem Kühler. Trotzdem erwacht ein mulmiges Gefühl, wenn man vergebens nach dem Airbag sucht. Immerhin gibt es ein ESP – wenn auch nur gegen Aufpreis.

Die Idee zum eigenen Auto kam den Wiesmann-Brüdern 1985 auf der Motorshow in Essen, als ihnen ein grundsätzliches Dilemma auffiel: In der einen Halle standen wunderschöne Oldtimer mit veralteter Technik, und in der anderen Autos mit modernsten Motoren und fortschrittlicher Elektronik, die aber optisch nichts hermachten. Das Beste aus diesen Welten zu vereinen war das Ziel, als der Ingenieur Martin und der Kaufmann Friedhelm Wiesmann mit der Arbeit begannen. In gut fünf Jahren entwickelten sie daraufhin das Konzept, an dem sich seit der ersten Ausfahrt 1992 nur Details geändert haben. Tief in die Technik eingegriffen wurde erst wieder, als im letzten Jahr dem Roadster ein geschlossener GT mit dem V8-Motor des 7er BMW zur Seite gestellt wurde.

Mit Automobilbau im modernen Sinn hat die Produktion wenig zu tun: In mehr als 300 Stunden werden die Autos in Dülmen weitgehend in Handarbeit gefertigt. Sieht man einmal von Motoren, Getriebe und Fahrwerkskomponenten aus München ab, entstehen die meisten Teile vor Ort.

"Wir haben eine Fertigungstiefe von 65 Prozent, wo Großserienhersteller auf 30 bis 40 Prozent kommen", schwärmt Unternehmenssprecher Frank Pfirrmann, der dafür neben dem authentischen Anspruch noch einen banalen Grund liefert: "Für so kleine Stückzahlen findet man nicht immer einen Zulieferer." Von Hand werden deshalb bis zu 600 Meter Draht pro Auto zu komplizierten Kabelbäumen verwoben und die Profilstreben zum Rahmen verschweißt. Im Arbeitsbereich daneben polstern die Sattler die dünnen Schalensitze auf und ziehen eines der 400 Leder über die Armaturentafel, während zwei Tische weiter das Verdeck genäht wird.

Im April dieses Jahres wurde der insgesamt 500. Roadster gebaut. Derzeit ziehen die knapp 100 Wiesmann-Mitarbeiter in eine neue Werkshalle um, die etwa viermal so viel Platz bietet wie die alte. Nach der europäischen Typzulassung in diesem Herbst ist bereits die Eroberung neuer Märkte innerhalb und außerhalb Europas geplant.

Doch auch wenn die Stückzahlen in den letzten drei Jahren kontinuierlich gestiegen sind und in diesem Jahr 152 Fahrzeuge aus der Halle rollen werden, müssen sich die Kunden um die Exklusivität nicht sorgen. Pfirrmann: "Spätestens bei 300 Wagen im Jahr ist für uns Schluss. Alles andere wäre eine Massenfertigung und keine Manufaktur mehr." Wer einen Wiesmann-Roadster hat, darf sich also weiter über neugierige Blicke freuen. Wer noch keinen hat, muss weiterhin Geduld aufbringen: Die Lieferfrist liegt bei mehr als einem halben Jahr.

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