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Gefahr auf der Straße: Achtung, Wildsau von links!

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Simulation eines Wildunfalls: Bremsen und das Steuer festhalten Zur Großansicht
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Simulation eines Wildunfalls: Bremsen und das Steuer festhalten

Die Zahl der Wildunfälle ist stark gestiegen, vor allem Zusammenstöße mit Wildschweinen haben extrem zugenommen. Im Herbst ist die Gefahr besonders hoch. Mit richtiger Reaktion können Autofahrer das Risiko verringern.

München/Hamburg - Die Zahl der Wildunfälle in Deutschland ist deutlich gestiegen. Laut einer Statistik des Deutschen Jagdverbandes (DJV) wurden in der Jagdsaison 2012/13 bundesweit knapp 210.000 solcher Unfälle gezählt - sieben Prozent mehr als in der Saison davor. Vor allem die Zahl der Unfälle mit Wildschweinen stieg drastisch an, 22.000 von ihnen kamen unter die Räder, das bedeutet ein Plus von 29 Prozent. 180.000 Rehe wurden bei Unfällen getötet (plus fünf Prozent). "Alle 2,5 Minuten stirbt ein Reh auf Deutschlands Straßen", teilte der DJV mit.

Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von DJV-Präsident Hartwig Fischer noch deutlich höher. "Wir gehen von einer Zahl aus, die mit Sicherheit drei- bis fünfmal so hoch ist", sagte er bei der Vorstellung der Statistik in München. Denn es werden nur Unfälle mit den Paarhufern wie Reh, Hirsch und Wildschwein gezählt. Hat ein Autofahrer einen toten Fuchs am Kühler oder weicht er einer Wildkatze aus, erfasst das keine Statistik. Die Untersuchung bezieht sich auf die Zeit vom 1. April 2012 bis 31. März - so lange dauert das Jagdjahr.

Die Unfälle hatten aber auch für Autofahrer dramatische Folgen: 20 Menschen kamen bei Wildunfällen in dieser Zeitspanne ums Leben, etwa 3000 wurden verletzt, den Schaden beziffert der DJV auf rund eine halbe Milliarde Euro. Die Zahl der Todesopfer dürfte tatsächlich noch höher liegen, weil viele Unfälle, bei denen Autofahrer ohne ersichtlichen Grund gegen einen Baum prallten, auf Wildwechsel zurückzuführen seien.

Ein Zusammenstoß ist sicherer als Ausweichmanöver

Im Herbst herrscht das größte Risiko eines Wildunfalls. "Von Oktober bis November werden die Maisfelder abgeerntet", sagt DJV-Sprecher Torsten Reinwald, "die Wildschweine wandern dann von Feld zu Feld, um die letzten Früchte abzugrasen, bevor sie sich in den Wald zurückziehen." Manche Tiere legen dabei Strecken von täglich bis zu 15 Kilometern zurück - und überqueren dabei oftmals Straßen.

Zudem haben Tiere und Menschen durch die Zeitumstellung einen ähnlichen Rhythmus: "Das Wild ist vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung unterwegs. In der Winterzeit fahren viele Menschen zu diesen Uhrzeiten zur Arbeit oder kehren nach Hause zurück." Außerdem erhöhen nasse Straßen und miserable Sichtverhältnisse im Herbst die Unfallgefahr.

Die gestiegene Zahl der Wildschwein-Unfälle führt Reinwald darauf zurück, dass es in vielen Wäldern Deutschland im vergangenen Herbst wenig Eicheln und Bucheckern gab und die Tiere deshalb ständig zur Nahrungssuche auf Feldern unterwegs sein mussten. Gleichzeitig finden die Säue auf den Feldern immer mehr Futter: "Auf einem Viertel der Gesamtfläche der Bundesrepublik wird mittlerweile Mais, Raps oder Weizen angebaut - das schmeckt den Wildschweinen", sagt Reinwald.

Um einen Wildunfall zu vermeiden - oder möglichst unbeschadet zu überstehen -, sollten Autofahrer Folgendes beachten:

  • Eine angepasste Fahrweise versteht sich eigentlich von selbst. Die Geschwindigkeit beispielsweise von 100 km/h auf 80 km/h zu reduzieren, kann ausreichen, um den Bremsweg entscheidend zu verkürzen.

  • Die alte Faustregel, bei Wildwechsel, wenn möglich, das Fernlicht abzuschalten, hat immer noch Gültigkeit: "Die Tiere sind viel lichtempfindlicher als der Mensch", sagt Reinwald, "bei Abblendlicht können sie vielleicht noch reagieren, aber Fernlicht ist für sie zu grell."

  • Steht ein Tier auf der Straße, sollte man sofort hupen. Reinwald: "Machen Sie sich bemerkbar, das laute Geräusch kann das Tier verjagen."

  • Die wichtigsten Rettungsmaßnahmen für das eigene Leben sind laut Reinwald, bei einem drohenden Zusammenstoß mit einem Tier zu bremsen, das Lenkrad festzuhalten und auf keinen Fall auszuweichen. "Ein kontrollierter Zusammenprall ist grundsätzlich sicherer", sagt er, "sonst besteht die Gefahr, einen Baum oder andere Hindernisse zu rammen."

  • Rennt ein Tier über die Straße, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass noch mehrere folgen. "Man sollte dann also umso vorsichtiger fahren", warnt der DJV-Sprecher.

Wer den Kadaver einpackt, macht sich strafbar

Hat sich ein Zusammenstoß nicht vermeiden lassen, sollten Autofahrer die Unfallstelle sofort mit einem Warndreieck absichern, die Warnblinkanlage des Fahrzeugs einschalten und dann die Polizei alarmieren. Das Tier sollte nur dann von der Straße geräumt werden, wenn es wirklich tot ist und man Handschuhe dabei hat. "Wer sich nicht sicher ist, ob das Tier noch lebt, sollte Abstand von ihm halten", sagt Reinwald. Zum einen versetze die Nähe des Menschen es noch mehr in Panik, zum anderen können zum Beispiel Rehe durch einen Tritt Verletzungen zufügen.

Wurde das Tier nur angefahren und flüchtet nach dem Zusammenprall, rät Reinwald dazu, trotzdem die Polizei zu verständigen. "Die Unfallstelle sollte dann markiert werden, damit sich die Jäger auf die Suche nach dem verletzten Tier machen können", sagt er.

Wer ein überfahrenes Wildschwein übrigens in den Kofferraum packt und es anschließend zu Gulasch verarbeitet, macht sich der Wilderei strafbar. Abgesehen davon drohen nicht nur rechtliche, sondern auch gesundheitliche Folgen: "Der Laie erkennt nicht, ob das Tier eine Krankheit hatte", sagt Reinwald.

So sollen die Unfallzahlen sinken

Durch blaue Reflektoren an Leitplanken und sogenannte Duftzäune soll die Zahl der Wildunfälle in Zukunft wieder sinken. Zusammen mit dem ADAC testet der DJV diese Maßnahmen seit vier Jahren auf 25 Strecken in Schleswig-Holstein.

In den Reflektoren wird das Licht der Autos gebrochen und blaue Lichtreflexe ausgesendet. Dadurch werden Rehe und Hirsche gewarnt. Jahrelang waren die Reflektoren rot - aber Rehe sind für diese Farbe blind, rotes Licht ist für sie nicht viel mehr ist als eine unauffällige Grau-Schattierung. Die Duftzäune bestehen laut Reinwald aus Bauschaumbällen, in die Gerüche sogenannter Fressfeinde des Rehwilds injiziert sind. Die Bälle werden im Abstand von 50 Metern an Stangen am Straßenrand befestigt und sollen die Tiere ebenfalls abschrecken.

Bis 2015 werden diese Maßnahmen laut Reinwald weiter getestet und ihre Wirkung wissenschaftlich untersucht. Auf den Teststrecken war der Erfolg laut Reinwald unterschiedlich, die Unfallzahlen gingen zwischen zehn und 80 Prozent zurück - die Forscher sollen nun herausfinden, welche Maßnahmen an welchen Stellen die meiste Wirkung erzielen.

Mit Material von dpa

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Hohlspiegel
smonkey 16.10.2013
Mal wieder ein 1A-Kandidat für den Hohlspiegel: "Die Geschwindigkeit beispielsweise von 100 km/h auf 80 km/h zu reduzieren, kann ausreichen, um den Bremsweg entscheidend zu verlängern."
2. eher von hinten
ottosobaj 16.10.2013
Also mir kommt vor, die Wildsäue kommen weniger von links, als von hinten! (meist heftig aufblendend..)
3. Hohlspiegel
dnrg 16.10.2013
Aber die Aussage ist gar nicht soo falsch: Wer mit 80 km/h durch den Wald schleicht, ist meist ein Rentner und hat prinzip-bedingt einen längeren Bremsweg. Außerdem ist bei hohen Geschwindigkeiten auch die Aufmerksamkeit höher. Langsame Geschwindigkeit verführt zum Schlafen am Steuer.
4. Experten
vo2 16.10.2013
"Jahrelang waren die Reflektoren rot - aber Rehe sind für diese Farbe blind, rotes Licht ist für sie nicht viel mehr ist als eine unauffällige Grau-Schattierung." Waren da auch diejenigen Experten am Werk, die immer gern zitiert werden, wenn es jemand wagt die von der Obrigkeit vorgegeben Verkehrsführungen und Geschwindigkeitsvorgaben in Frage zu stellen?
5. Korrektur der Korrektur
xylex 16.10.2013
@ #1: Ein 1-A-Beispiel für Hohlsmonkey.
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