"Bremsen, bremsen, bremsen", knarzt es aus dem Funkgerät, das an der Mittelkonsole klemmt. Die Anweisungen kommen von Adam, meinem Fahrtrainer, der versucht, mich durch den Elchtest zu lotsen. Der hat es nämlich in sich: Ich soll mit Tempo 50 einen 200 Meter langen Hügel hoch- und auf der anderen Seite wieder runterfahren, hart bremsen, abrupt einer quer stehenden Hütchenreihe ausweichen und anschließend wieder geradeaus einscheren.
Vor lauter Hütchen verpasse ich prompt den richtigen Weg und Adam fährt mit mir die Strecke noch mal ab. Wie peinlich. Zur Strafe muss ich die zweite Runde mit 60 km/h fahren. Entschlossen beschleunige ich den 205 PS starken Audi TT auf die geforderte Geschwindigkeit, bremse aber zu früh und zu zaghaft - wieder nichts. Letzter Durchgang, jetzt mit 70 km/h. Ich versuche gleichzeitig schnell zu fahren, zu bremsen und zu lenken und es klappt endlich. "Das war sehr gut", knarzt es aus dem Funkgerät.
Mein Winter-Fahrtraining findet stilecht im Land der Elche statt. Und auf der Fahrt in das Skellefteå Drive Center (siehe Info links), das 95 Kilometer entfernt liegt vom Flughafen Arvidsjaur, gibt es schon einen ersten Elchtest im buchstäblichen Sinne. Plötzlich stehen ein paar Tiere am Fahrbahnrand, aber Lars, unser Busfahrer, reagiert gelassen, drosselt das Tempo und die Elche verschwinden wieder im Wald. Nicht nur wegen solcher Überraschungen ist Autofahren hier eine Herausforderung: Alle Straßen tragen eine geschlossene Schneedecke, Salz wird grundsätzlich nicht gestreut. Undenkbar für deutsche Autofahrer, aber für die Einheimischen kein Problem. Sie nutzen einfach Winterreifen mit Spikes.
Die sind auf fast allen Autos in Nordschweden aufgezogen. Ich würde hier höchstens mit 30 km/h herumschleichen, wenn ich mich überhaupt ins Auto setzen würde. Denn bei Winterwettter lasse ich normalerweise das Auto stehen und nehme die U-Bahn.
Hier im Skellefteå Drive Center lerne ich also eine ganz neue Seite des Autofahrens kennen. Die 361 Hektar große Anlage wurde vor vier Jahren auf einem ehemaligen Air-Force-Gelände eröffnet. Schnee und Eis gibt es hier bei -27 Grad Celsius Außentemperatur zuhauf, zum Glück sind die Autos vorgewärmt. Mit entspanntem Tonfall, fast so als wäre es gar keine Herausforderung, erklärt Fahrtrainer Adam die erste Lektion: " Du fährst mit 45 km/h auf den Rundkurs und guckst, was passiert." Ich versuche also Tempo und Richtung zu halten und das ausbrechende Heck in den Griff zu bekommen. In bin selbst überrascht, wie gut das klappt. "Weißt du, was das eben war?" fragt Adam. Eine enge Kurve, denke ich, als er selbst die Antwort gibt. "Das ESP hat den Wagen abgefangen. Ohne die Technik wäre ich wohl schon in die Schneebarriere geschlittert.
Bremsen will gelernt sein - auch wenn ABS und ESP dabei helfen
Nächste Runde: Diesmal soll ich den so genannten Circle mit 50 km/h angehen und erwartungsgemäß bricht das Heck noch wilder aus, aber ich reagiere instinktiv, bremse, lenke gegen und komme dann wieder vor Adam zum Stehen. Das Lob geht runter wie Öl. Ich sei eine "gute Bremserin", hat er gesagt und mich gleich auf die dritte Runde geschickt, die schon recht souverän klappt. Die Nachhilfe scheint zu wirken: ich fühle mich sicherer, auch wenn das Auto wieder mächtig schlingert.
Die Überraschung folgt an der nächsten Station, dem "Ice Racing Track", wo allerdings keine hochgerüsteten Sportwagen, sondern ein alter Volvo, ein VW Polo und ein Feuerwehrauto als Testautos bereits stehen. ESP adieu! Helme werden verteilt, ehe ich in den 30 Jahre alten Volvo 240 klettere. Der Motor röhrt, als die Kupplung kommt und der Wagen ins Ungewisse des Eiskanals rollt. Wider erwarten wird es gar keine Rutschpartie, sondern es geht beinahe wie auf Schienen um die engen Kurven. Klar, dieses Auto trägt Reifen mit besonders langen Rallyespikes - die Eispiste verliert ihren Schrecken. Wo, wie in Nordschweden, monatelang eine dicke Schneedecke auf den Straßen liegt, sind Spikes hilfreich und vor allem erlaubt. Hierzulande sind sie es nicht, weil sie nach dem ersten Tauwetter die Straße ruinieren würden.
Jetzt das Gleiche noch mal mit einem 180-PS-Rallye-Polo. "Kein ESP, keine Spikes, nur Du", gibt Adam mir mit auf den Weg. Ich trete nur ganz sacht aufs Gaspedal und bleibe in der Spur. Meine Mitschüler testen den Grenzbereich offensiver aus, einer von ihnen bekommt prompt die Quittung und versenkt sein Auto in einer der Schneewehen am Rand der Piste.
Zum großen Finale folgt die frostige Fahrt im Feuerwehrauto
Die "Safe Driver"-Ausbildung geht auf die Zielgerade, jetzt wartet nur noch die Eisfahrt im Feuerwehrauto. Das Scania-Ungetüm aus den siebziger Jahren ist der Höhepunkt des Ausflugs in die Retro-Welt. Nach kurzer Einweisung beginnt auch schon der Kampf mit dem Riesen-Lenkrad - und es funktioniert besser als erwartet. Das Spiel mit dem Gaspedal, die weichen Bewegungen am Volant - nach etlichen Stunden auf glatter Fahrbahn ist der Schrecken verschwunden, den allein die Vorstellung vom Fahren auf Schnee vor kurzem noch verbreitete.
Der Fahrtrainer lobt mich fast schon verdächtig überschwänglich. Ich freue mich - über die neuen Erfahrungen als Autofahrerin und über die wohlige Wärme in der Kantine des Testcenters. Dort wartet auf die Elchtestfahrer eine heiße Rentierlassagne. Während die Glieder langsam wieder auftauen, wächst in mir fast so etwas wie Vorfreude auf das nächste Schneechaos in Deutschland. Wenn es sein muss, würde ich dann sogar ins Auto steigen und fahren.
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