EU-Steuerreform: Autoexperte fordert höhere Dieselsteuer

Ölraffinerie in Leuna: "Deutschlands Kanzlerin betreibt eine Lobbyarbeit, die schädlich ist" Zur Großansicht
dapd

Ölraffinerie in Leuna: "Deutschlands Kanzlerin betreibt eine Lobbyarbeit, die schädlich ist"

Diesel soll teurer werden, das will das EU-Parlament an diesem Donnerstag beschließen. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärt im Interview, warum eine Preiserhöhung gut wäre - auch für Autofahrer und Hersteller.

SPIEGEL ONLINE: Herrr Dudenhöffer, das EU-Parlament stimmt am Donnerstag über eine Richtlinie ab, wonach sich der Steuersatz von Kraftstoffen nach deren Energiegehalt bemessen werden soll. Im Kern geht es darum, Diesel höher zu besteuern. Was halten Sie davon?

Dudenhöffer: Der Vorschlag mag sich für die deutsche Autoindustrie und die Autofahrer schlecht anhören, weil Dieselkraftstoff teurer werden könnte. Langfristig wären wir aber alle besser unterwegs. Würde sich der Steuersatz wie von der EU-Kommission vorgesehen nach dem Energiegehalt richten, hätten alle Kraftstoffe die gleiche Chance am Markt. Und die effizienteste würde sich auf lange Sicht durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Treibstoff ist der effizientere - Benzin oder Diesel?

Dudenhöffer: Das lässt sich schwer sagen und kommt natürlich auf den Motor an. Diesel hat pro Liter einen höheren Energieinhalt, aber effizienter ist er dadurch nicht unbedingt - schließlich muss er wegen der Abgasnormen stärker gefiltert werden.

SPIEGEL ONLINE: Was aber genau ist dann der Vorteil der Reform?

Dudenhöffer: Die verschiedenen Energieträger wären gleichberechtigt. Momentan ist Diesel künstlich übervorteilt, weil er im Vergleich zu Benzin einen niedrigeren Steuersatz hat - obwohl er pro Liter mehr Energie beinhaltet. Wenn etwas künstlich billiger gemacht wird, geht man nicht so sparsam, sprich effizient, damit um. Also haben wir einen höheren Energieverbrauch, etwa pro gefahrenen Kilometer. Aber das gilt es eigentlich zu verhindern: Mit Energie sollte doch effizienter umgegangen werden. Im Moment setzt sich also in Deutschland nicht der effizienteste Kraftstoff durch, sondern der mit dem günstigeren Steuersatz. Das ist Willkür.

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SPIEGEL ONLINE: Diesel ist also doppelt im Vorteil: Durch den niedrigen Steuersatz und den höheren Energiegehalt. Warum ist die Abgabe auf Diesel überhaupt geringer?

Dudenhöffer: Vor 60 Jahren sollten die Nutzfahrzeuge und das Transportgewerbe gefördert werden, um Deutschland im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu machen. Damals wurden nur in der Landwirtschaft und im Nutzfahrzeugbereich Dieselmotoren eingesetzt. Dann fuhren auch Pkw mit Diesel und wurden somit steuerlich bevorteilt - obwohl sie keine Transportleistung für ein Produkt erbringen. Diesen Fehler hat die Politik mit einem zweiten Fehler geheilt, nämlich willkürlich eine höhere Kfz-Steuer für Dieselfahrzeuge im Vergleich zu Benzinern erhoben.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Chance ein, dass die Reform beschlossen wird?

Dudenhöffer: Eher gering, leider. Deutschland und seine Kanzlerin betreiben hier eine Lobbyarbeit, die langfristig schädlich ist. Dabei sollten sie es besser wissen: Schon die strengeren Vorgaben der EU zum Ausstoß von CO2 wurden zunächst von Merkel und der Autoindustrie bekämpft. Letztendlich hat die Diskussion eine starke Innovationswelle angeschoben, die meisten Autohersteller haben die Vorgaben rascher umgesetzt als erwartet. Die deutschen Autobauer sind die Gewinner. Heute ist man der EU dafür dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass es bei dieser Reform genauso laufen würde?

Dudenhöffer: Für die Autoindustrie in Deutschland wäre sie ein Vorteil. Schaut man sich in der Welt um, dann spielen Dieselantriebe außerhalb Europas kaum eine Rolle, weil sie nicht günstiger besteuert sind. Deutschland hat im Gegensatz zu Japan die Entwicklung des Hybrids verschlafen, weil es auf subventionierten Diesel gesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Diesel also eine Innovationsbremse?

Dudenhöffer: Ja - die willkürliche Besteuerung hält Unternehmen davon ab, in andere Lösungen zu investieren. In den USA versuchen deutsche Autobauer, Dieselfahrzeuge salonfähig zu machen. Mit überschaubarem Erfolg. Der Markt dort - und das gilt auch für Asien, Südamerika und Russland - ist für andere Antriebsarten aufgeschlossener. Wären wir in Deutschland nicht so auf den Diesel fokussiert gewesen, wäre der erste Hybrid mit großer Wahrscheinlichkeit bei VW, Mercedes oder BMW vom Band gelaufen - nicht bei Toyota. Es wäre ein Eigentor für Deutschland, die Reform jetzt zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Warum stößt der Vorschlag bei der Industrie und der Regierung trotzdem auf Ablehnung?

Dudenhöffer: Weil die Autobauer, die Verbände und die Politiker zu kurzfristig denken. Die sehen die Änderung und denken, dass sie ihnen morgen Kunden kosten könnte. An übermorgen denken sie nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie jemandem, der heute ins Autohaus geht und sich einen Diesel-Pkw kaufen will?

Dudenhöffer: Die Reform würde erst nach 2020 umgesetzt werden, der Pkw-Markt von heute wäre nicht von der Regelung betroffen. Trotzdem würde ich dem Diesel-Käufer raten: Schau Dir mal Erdgasfahrzeuge an.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Dudenhöffer: Ich gehe davon aus, dass in fünf bis zehn Jahren Erdgas deutlich populärer wird. Die Vorräte sind um ein Vielfaches größer als bei Öl und es verbrennt deutlich sauberer als zum Beispiel Diesel.

Das Interview führte Christoph Stockburger

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    Seite 1    
1. EU Steuerreform?
hubertrudnick1 19.04.2012
Zitat von sysopDiesel soll teurer werden, das will das EU-Parlament an diesem Donnerstag beschließen. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärt im Interview, warum eine Preiserhöhung gut wäre - auch für Autofahrer und Hersteller. EU-Steuerreform: Autoexperte fordert*höhere Dieselsteuer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,828375,00.html)
Worum geht es da wirklich, geht es darum es gerechter machen zu können, oder sucht man einfach nur nach neuen Steuereinnahmen? HR
2. Ferdinand who?
rennflosse 19.04.2012
Wer macht eigentlich diesen Ferdinand Dudenhöffer immer wieder zum "Autoexperten"? Der Mann ist so ziemlich das Gegenteil von einem Experten. Es wird Zeit, dass sich jemand als ernster Konkurrent einen Namen macht, der wirklich Ahnung hat. Diesel ist also steuerlich begünstigt und darum an der Tankstelle billiger. Das ist eine Binsenweisheit, doch Herr D. unterschlägt, dass Dieselfahrzeuge eine höhere Kfz-Steuer bezahlen, bzw. deren Besitzer. Deshalb braucht man schon eine gewisse Jahreskilometerleistung, damit sich die Anschaffung eines Diesels in Form minderen Verbrauchs und geringeren Spritpreisen überhaupt amortisiert, denn sie kosten auch in der Anschaffung mehr. So ab 20.000 plus Kilometer sollten es schon sein. Wenn sich der Preisvorteil von Dieselkraftstoff minimiertb oder gar aufhebt, dann wird das dazu führen, dass die Hersteller bald keine Diesel-PKW mehr absetzen können. Wenn das politisch gewollt ist, dann soll man das auch sagen. Welche Auswirkungen sich daraus auf die dieselgetriebenen Fahrzeugflotten des Transportgewerbes und des ÖPNV (Busse) ergeben werden und welche Folgen das hat, kann man sich selbst ausrechnen. Alles Aspekte, die der selbsternannte Experte unterschlägt. Das ist schlicht und ergreifend unseriös.
3.
aprilapril 19.04.2012
Zitat von sysopDiesel soll teurer werden, das will das EU-Parlament an diesem Donnerstag beschließen. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärt im Interview, warum eine Preiserhöhung gut wäre - auch für Autofahrer und Hersteller. EU-Steuerreform: Autoexperte fordert*höhere Dieselsteuer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,828375,00.html)
Expertenschwachsinn! Wo liegt die Effizienz - in der Chancengleichheit, im Steueraufkommen - oder doch im Energiegehalt pro Liter? Das erinnert mich an die gesamte Energiediskussion auch beim Heizen. Wollen wir weiterhin Kraftwerke, die 70 % in die Luft blasen?
4.
GyrosPita 19.04.2012
Von allen "Experten", die durch die Weltgeschichte tappen, ist dieser Dudenhöffer einer der Nutzlosesten...
5. Ähm,
Thomasius111 19.04.2012
Zitat von sysopDiesel soll teurer werden, das will das EU-Parlament an diesem Donnerstag beschließen. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärt im Interview, warum eine Preiserhöhung gut wäre - auch für Autofahrer und Hersteller. EU-Steuerreform: Autoexperte fordert*höhere Dieselsteuer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,828375,00.html)
Wie wäre es mit einer niedrigeren Benzinsteuer?
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