Wohnen im Auto "Mein Vorgarten sieht jeden Tag anders aus"

Weil ihm die Miete zu teuer war, beschloss der US-Amerikaner Nate Henry vor zehn Monaten, in seinem Auto zu wohnen. Das bedeutet Verzicht, aber auch eine ganz neue Perspektive auf das Leben.

Element Van Life

Ein Interview von Christian Frahm


Seit mehr als zehn Monaten führt Nate ein "minimal life". Er arbeitet, isst und schläft in seinem Auto. Man kann das mitverfolgen: Nate Henry, der seinen richtigen Namen geheim hält, berichtet darüber in dem Videoblog Element Van Life. Der US-Amerikaner hatte keine Lust mehr, den Löwenanteil seines Gehalts für Miete auszugeben, also verkaufte er den Löwenanteil seines Besitzes und zog in seinen Honda Element, einen Minivan aus dem Baujahr 2003. Nate sagt, das sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen - und hat dafür auch ein paar simple, aber schlagende Argumente parat.

SPIEGEL ONLINE: Du lebst also seit mehr als zehn Monaten im Auto. Wie lange willst Du dort noch bleiben?

Nate: So lange, wie es eben geht. Allerdings möchte ich mir bald ein etwas größeres Auto kaufen. Aber wenn alles gut geht, führe ich mein Leben auf Rädern noch sehr lange. Ich habe mich von dem Gedanken verabschiedet, Geld für Miete und Rechnungen zu zahlen, oder mich mit Dingen zu umgeben, die ich nicht unbedingt brauche. Eine Wohnung oder ein Haus könnte ich mir derzeit gar nicht leisten und will es auch nicht. Ich habe mir mein eigenes kleines Haus in meinem Honda gebaut. Ich kann darin machen, was ich will, und vor allem kann ich mit all meinen Sachen dorthin hinfahren, wo ich sein will. Wer kann das schon mit seinem Haus?

SPIEGEL ONLINE: Hast Du Dich wirklich nur aus finanziellen Gründen für ein Leben im Van entschieden?

Nate: Es war zumindest der Auslöser. Vor ein paar Jahren habe ich als Verkäufer gearbeitet, aber ich war sehr unglücklich mit dem Job. Ich verbrachte zwischen 50 und 60 Stunden in der Woche im Laden, Freizeit hatte ich kaum noch. Irgendwann fragte ich mich, was ich ändern könnte, um freier und selbstbestimmter zu leben. Und da reifte der Entschluss, mich von allen Dingen zu trennen, die ich sowieso nie benutzte. Ich besaß damals vier Gitarren, einige Spielekonsolen, mehrere Fernseher, Möbel und so weiter. Ich bemerkte, dass ich meine Lebenskosten halbieren konnte, wenn ich all diese Dinge verkaufe und zudem keine monatliche Miete zahlen müsste. Also beschloss ich, meinen Van zu einem Wohnmobil umzubauen und damit frei wie ein Nomade durch die USA zu reisen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so einfach. Was sagen denn Familie und Freunde dazu?

Nate: Die meisten meiner Freunde unterstützen mich und sind fasziniert von der Idee. Auch wenn nicht jeder aus meinem Freundeskreis die Entscheidung für richtig hält, alle respektieren sie zumindest. Meine Familie hingegen war nicht gerade begeistert. Sie finden meinen Lebensstil befremdlich und verstehen nicht, warum jemand mit so wenig Dingen auf engstem Raum leben möchte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so toll an diesem beengten, etwas chaotischen Lebensstil?

Nate: Das Gefühl, frei zu sein und die Möglichkeit zu haben, jederzeit überall dort hinzufahren und zu wohnen, wo es mir gefällt. Mein Vorgarten sieht jeden Tag anders aus. Mal wache ich auf und habe die Berge vor der Haustür, ein anderes Mal das Meer. Meine Umgebung verändert sich ständig, und das genieße ich sehr. Mein bisher schönstes Erlebnis war die Tour durch den Glacier Nationalpark in Montana. Das war ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Ich war völlig hin und weg von der Schönheit der Natur und den riesigen Wäldern. Hätte ich mich nicht dafür entschieden, in meinem Van zu wohnen, wäre ich wahrscheinlich nie dort hingekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wo hast Du vorher gewohnt?

Nate: Ich habe vorher zusammen mit zwei Freunden in einem Haus in New Orleans gewohnt. Irgendwann hatte ich es satt, jeden Monat fast 1000 Dollar für eine Wohnung auszugeben, in der ich nur wenig Zeit verbrachte, weil ich für die Miete ja viel arbeiten musste. Deshalb bin ich im Februar 2016 in meinen Van gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Dir in Deiner mobilen Unterkunft nie zu eng?

Nate: Nein, denn das Auto bietet erstaunlich viel Platz. Die Innenfläche ist zwar nur etwas mehr als drei Quadratmeter groß, aber das genügt völlig. Ich verliere sogar ständig Sachen und finde sie oft erst Tage später wieder. Vor ein paar Wochen habe ich beispielsweise meinen Löffel verloren. Da ich Minimalist bin, habe ich nur einen Löffel. Ich habe also das ganze Auto durchwühlt - leider ohne Erfolg. Fortan aß ich mein Müsli mit der Gabel. Eine Woche später fand ich den Löffel in meinem Kulturbeutel zwischen der Zahnbürste und der Seife. Ich habe keine Ahnung, wie der da hingekommen ist, aber so etwas passiert mir ständig.

Innenansichten eines Vans
Element Van Life

Innenansichten eines Vans

SPIEGEL ONLINE: Wo parkst Du Dein Auto eigentlich, wenn Du schlafen möchtest?

Nate: Den Winter verbringe ich jetzt in New Orleans. Dort wechsle ich jeden Abend den Ort, an dem ich schlafe. Meist parke ich dann in stillen Wohngebieten in der Stadt oder auf großen Supermarktparkplätzen. Ich parke niemals mehr als einmal wöchentlich am selben Ort, damit ich nicht zu viel Aufsehen errege.

SPIEGEL ONLINE: Kann das nicht auch mal gefährlich sein?

Nate: Nein, eigentlich nicht. Bisher ist zumindest nichts passiert. Nur einmal hat jemand versucht, mein Surfbrett vom Dachgepäckträger zu klauen, er hat mich auf dem Vordersitz gar nicht bemerkt. Als er mich sah, ist er schnell weggelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Was machst Du, wenn Du mal duschen möchtest?

Nate: Ich habe ein kleines Waschbecken im Auto. Das genügt für die Morgenwäsche völlig. Außerdem habe ich eine Mitgliedschaft in einer Fitnessstudio-Kette. Das bedeutet, dass ich in jeder Filiale die Duschen benutzen darf.

SPIEGEL ONLINE: Wieso hast Du einen Honda Element als mobile Wohnung gewählt?

Nate: Tarnung! Kein Mensch vermutet, dass jemand in diesem Van lebt, wenn er ihn von außen sieht. Ich kenne auch sonst keinen anderen, der in einem Honda Element lebt. Aber das Auto hat innen wirklich viel Platz und es ist mir gelungen, einen Camper zu bauen, der sich von anderen Autos auf dem Parkplatz äußerlich nicht im geringsten unterscheidet. Außerdem war er recht preiswert. Das Auto ist Baujahr 2003 und hatte etwa 73.000 Meilen (rund 117.500 Kilometer) auf dem Zähler, als ich es 2014 für 6000 Dollar (etwa 5600 Euro) gekauft habe. Inzwischen bin ich schon mehr als 56.000 Meilen (etwa 90.000 Kilometer) damit gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Hattest Du schon mal eine Panne?

Nate: Ja, vor zwei Wochen ist mein Auto auf einem Supermarktparkplatz liegen geblieben, es sprang einfach nicht mehr an. Ich hatte aber noch Glück, dass mir das nicht mitten im Nirgendwo passiert ist. So konnte ich das Auto abschleppen und in einer Werkstatt reparieren lassen. Ich kenne mich mit Technik zwar ganz gut aus und kann vieles selbst reparieren, aber ich habe schlicht nicht soviel Werkzeug an Bord, um größere Reparaturen zu erledigen. Ich hoffe, in meinem nächsten Auto etwas mehr Platz für Werkzeug zu haben, um dann auf solche Pannen vorbereitet zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie finanzierst Du Dein Leben im Van?

Nate: Ich bin selbstständiger Webdesigner und zudem verdiene ich Geld mit saisonalen Jobs. Im Sommer zum Beispiel habe ich als Surflehrer in San Diego und als Qualitätskontrolleur für Zuckerrüben in North Dakota gearbeitet. Jetzt gerade verdiene ich mein Geld als IT-Techniker in New Orleans.

SPIEGEL ONLINE: Auf was könntest Du niemals verzichten?

Nate: Auf meine Gitarre, den Computer, das Surfbrett und die Skier, die ich höchstens dreimal im Jahr benutze. Wichtig war für mich, nur eine Handvoll Dinge zu behalten, die mir wirklich wichtig sind und die ich genießen kann. Je weniger Dinge man besitzt, desto mehr kann man sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Das Interview führte Christian Frahm

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Seite 1
2cv 12.12.2016
1. Cool für Hippies und Aussteiger...
...aber nicht wirklich prakisch für Normalos. Kein WC, Dusche, keine Heizung im Winter, täglich ein Liter Wasser durch die Atemluft und und und... Ich hab in meinem 2CV schon einige Nächte geschlafen, das funktioniert cool für Events etc. - bin aber dann auf Wohnwagen (noch immer hinter'm 2CV) umgestiegen - "Dübener Ei": geht sowohl von der Anhängelast als auch vom zulässigen Gesamtgewicht (das Ei, der QEK und Eriba Puck sind die einzigen Serienwohnwagen, die 2CV-tauglich sind). Da gibts dann auch Heizung und etwas mehr Komfort. Bin mit dem "Ei" und 2CV schon 1995 im Zentralmassiv zum Citroën-Welttreffen unterwegs gewesen, und anfangs auch mal mit dem . Will sagen: Minimalismus geht - bis zu einem gewissen Maß.
werder11 12.12.2016
2. als freier single
ist das die ideale lebensform - kosten nur für das notwendige und der rest zum leben - optimal, sofern man sich keine familie ans bein dindet und alle, die das runter machen sind garantiert nur neidisch!
lukapp 12.12.2016
3. Bin selbst Camper
Also ein paar praktische Fragen: - Was machst du, wenn du auf's Klo musst? In einem größeren Wagen hat man eine Chemie-Toilette. Wohin wird entleert? - Postzustellung (es geht ja nicht alles per Email)? Generell: Ohne feste Adresse ist man ein Nobody (wenigstens Autoversicherung und Zulassung müssen sein). - Stromversorgung? - Was geschieht, wenn das Auto in die Werkstatt muss? - Was ist mit Büchern (geht ja auch nicht alles per Lesegerät)? Und warum der Widerspruch: Nicht auf Skier verzichten, obwohl sie nur wenig gebraucht werden? Passt das zu einem Minimalisten? Kurz: Scheint mir alles sehr geschönt. Es ist ähnlich wie bei Walden, der im vorigen Jh. in seiner Holzhütte in den Wäldern wohnte: Für genau 2 Jahre im Alter von ca. 30 Jahre. Noch heute schwärmen die Leute davon. Nachmachen kann man es nicht. Es ist einfach nicht auf Dauer angelegt. Trotzdem wünsche ich ihm eine schöne Zeit.
hardeenetwork 12.12.2016
4. Mit Dusche und WC
Ist dies eine großartige Art zu leben. Also ein etwas größeres Auto (mit Dusche und WC) und die Sache ist perfekt. Und hat man irgendwann keine Lust mehr, so kann man sich wieder eine Wohnung mieten. Man hat ja Zeit sich eine in aller Ruhe zu suchen, da man ja ein "Haus" besitzt.
vogel0815 12.12.2016
5. Das würde in Deutschland schon an den Regulierungen scheitern und am Mobilfunk
In Deutschland benötigt man für mobiles Breitband-Internet entweder 200€ im Monat oder eben einen Festnetzanschluss. Weiterhin ist das "Wildcampen" in Deutschland vielerorts (oder evtl überall?) verboten.
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