Wohnwagen-Studie Caravisio Wonne wagen

Wohnwagen gelten als uncool. Seit Jahren sinken die Verkaufszahlen in Europa, die Branche wirkt ratlos. Jetzt stemmt sich die deutsche Firma Knaus Tabbert gegen den Trend und zeigt einen Caravan, der mit dem Klischee vom heimeligen Haus am Haken nichts mehr zu tun hat

Von Jürgen Pander

Knaus Tabbert

Campingplätze haben ein Nachwuchsproblem. Und mit ihnen die Hersteller von Wohnwagen. Wenn sich überhaupt Menschen im Alter diesseits der Rente zum Campen entscheiden, dann mit trendigen Wohnmobilen oder auf die klassische und billige Art, nämlich mit dem Zelt.

Wohnwagen jedoch sind immer weniger gefragt, allein im vergangenen Jahr gingen die Caravan-Verkäufe in Europa um 9,6 Prozent auf rund 73.000 Exemplare zurück. Das hat auch die Firma Knaus Tabbert erkannt. "Neuartige Konzepte" seien nötig, heißt es in einem Papier des Wohnmobil- und Wohnwagenherstellers aus dem niederbayerischen Jandelsbrunn, "um vor allem branchenfremde Zielgruppen für die Urlaubsform Camping zu interessieren".

Man habe "deshalb das Projekt 'Caravisio - Der Caravan der Zukunft' ins Leben gerufen", teilt Knaus Tabbert mit. Die Wohnwagen-Studie wird offiziell am 30. August auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf vorgestellt.

Das Werbemittel wirkt noch leicht verkrampft

Das Ding hat mit den gewohnten Wohnwagen kaum noch etwas zu tun. Das fängt mit der glatten, leicht zugespitzten Grundform an, setzt sich fort bei der ungewöhnlichen Grafik auf dem Korpus und endet mit einer integrierten Veranda am Heck des Caravans. Dort können während der Fahrt beispielsweise Fahrräder transportiert werden.

Am Zielort dann kann die Terrasse per Knopfdruck abgeklappt werden, während das Sonnendach hochfährt. "Neue Zielgruppen können so auf das klassische Vorzelt verzichten und signalisieren sofort eine andere Urlaubskultur", heißt es etwas verkrampft in der Pressemitteilung zur Caravisio-Studie. Wenn lässige Hipster die "neue Zielgruppe" sind, sollte man zumindest am Werbematerial noch etwas feilen.

Denn der Camper selbst wirkt überzeugend. Drinnen gibt es all das, was man aus Wohnwagen kennt - also Betten, Duschbad mit Toilette, Küchenzeile und Wohnraum - allerdings ist Mobiliar endlich mal so gestaltet, dass man nicht gleich rückwärts wieder rausgehen möchte. Helles Eichenfurnier, mattweiße Oberflächen, dunkel getöntes Glas und kastanienbraunes Parkett, der Caravan sieht aus wie eine Designerwohnung im Kleinformat.

Die Sitzpolster sind mit Luft gefüllt und lassen sich so stufenlos in ihrem Härtegrad regulieren. Der Wohnraum kann auch als Minibüro genutzt werden. Unter der Decke sorgt eine schwarze Stoffbespannung für ein angenehmes Raumklima, weil die Lüftungs- und Heizungsdüsen ebenfalls oben angebracht sind. Und schließlich gibt es einen integrierten Beamer, der sein Bild auf die große Glasscheibe am Heck wirft; man kann das Gerät auch so einstellen, dass das Bild spiegelverkehrt erscheint. Dann, so die Begründung der Entwickler, könne man von außen auf der Terrasse "ein kleines Public Viewing" veranstalten.

Zugang per Finger-Scan

Technisch setzt das Konzeptfahrzeug natürlich auf Vernetzung, will heißen: Zahlreiche Funktionen lassen sich über eine App per Smartphone oder Tabletcomputer steuern. Zum Beispiel die Stützen des Caravans, die sich übrigens automatisch immer so weit ausfahren, dass die Wohnfläche eben steht. Zudem lässt sich der komplette Wohnwagen bis fast auf Bodenhöhe absenken, um einen komfortablen Zugang nach drinnen zu ermöglichen. Und die Türen und die von außen zugänglichen Staufächer haben keine klassischen Schlösser mehr, sondern öffnen oder schließen sich per Fingerscan.

Ob und wann ein Wohnwagen wie der Caravisio Wirklichkeit werden könnte? Bei dieser Frage hält sich Knaus Tabbert bedeckt. Man wolle erst einmal auf eine "Problemstellung reagieren, eigene Antworten geben und zum Nachdenken anregen".

Die "Problemstellung" wird allerdings vermutlich auch dann nicht gelöst, wenn der Caravisio in Serie geht. Denn selbst wenn in dessen Innerem der Muff der Spießigkeit gründlich ausgemerzt wurde: Im Ernstfall wartet er dann direkt vor der Tür.

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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 20.08.2013
1. Ideale Bude...
Zitat von sysopKnaus TabbertWohnwagen gelten als uncool. Seit Jahren sinken die Verkaufszahlen in Europa, die Branche wirkt ratlos. Jetzt stemmt sich die deutsche Firma Knaus Tabbert gegen den Trend und zeigt einen Caravan, der mit dem Klischee vom heimeligen Haus am Haken nichts mehr zu tun hat http://www.spiegel.de/auto/aktuell/wohnwagen-studie-caravisio-neues-design-und-schlaue-funktionen-a-916954.html
...für den Singlehaushalt. Billiger als ne Eigentumswohnung und wenn die Umgebung nervig wird (Landschaft, Nachbarn) dann fahr ich halt woanders hin. Warum nicht? Und über die Einrichtung muss man ja nicht streiten :-)
rennflosse 20.08.2013
2. Teuer?
Zitat von sysopKnaus TabbertWohnwagen gelten als uncool. Seit Jahren sinken die Verkaufszahlen in Europa, die Branche wirkt ratlos. Jetzt stemmt sich die deutsche Firma Knaus Tabbert gegen den Trend und zeigt einen Caravan, der mit dem Klischee vom heimeligen Haus am Haken nichts mehr zu tun hat http://www.spiegel.de/auto/aktuell/wohnwagen-studie-caravisio-neues-design-und-schlaue-funktionen-a-916954.html
Ich würde denken, dass jüngere Zielgruppen vor allem etwas Bezahlbares suchen. Wohnwagen sind heute einfach zu teuer. Und für Leute, die mit Auto und Zelt unterwegs sind, wäre vielleicht der Klapphänger attraktiv, bei dem man Anhänger und Zelt kombiniert hat.
trude2004 20.08.2013
3.
Der Absatz sinkt? Warum wohl ? Bei den Spritpreisen und den teuren Campingplatz Gebühren kann man Auch All inclusive Hotel glücklich werden. Es ist alles teuer und ein zugfahrzeug allein ist ein großer Kostenfaktor. Wir haben es früher auch gern gemacht aber jetzt fliegen wir lieber in den Urlaub und legen die Beine hoch mit allem drumm und drann. Die Camping Branche ist größtenteils selbst Schuld.
chickenkiller 20.08.2013
4. Das ist das Problem ...
Zitat von sysopKnaus TabbertWohnwagen gelten als uncool. Seit Jahren sinken die Verkaufszahlen in Europa, die Branche wirkt ratlos. Jetzt stemmt sich die deutsche Firma Knaus Tabbert gegen den Trend und zeigt einen Caravan, der mit dem Klischee vom heimeligen Haus am Haken nichts mehr zu tun hat http://www.spiegel.de/auto/aktuell/wohnwagen-studie-caravisio-neues-design-und-schlaue-funktionen-a-916954.html
Die Zeiten werden schlecht! Jetzt können schon die Single-Hipsters die Wohnungsmieten nicht mehr bezahlen!!! Der o.a. letzte Satz des Artikels bringt es auf den Punkt: solange die meisten Campingplätze als Schrebergartenvereine mit Jägerzaun um den Hänger zweckentfremdet werden, sollte ein neues Design eher in Richtung "Backsteinwohnwagen" mit angebeamter "Fotomarkise" (wahlweise Mutti oder "Mutti") und "Geranienblumenkasten-App" gehen! Ansonsten möge Firma Tabbert designtechnisch lieber an kinderreiche Familien denken, bei denen sich Wohnwagen zukünftig als Urlaubsersatz anbieten werden.
a_friend 20.08.2013
5. Tolle Studie...
die anschließend vom Vorstand wieder in gewohnt spießig-muffiger Biedermann-Manier zerpflückt wird. Den Mut, ein Konzeptauto zur Serienreife zu entwickeln, haben selbst Autohersteller nur extrem selten - bei einem Wohnwagenbauer glaube ich das schon dreimal nicht...
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