Youngtimer: Die neue Liebe zu alten Spießer-Autos

Ob Ford Granada, Opel Rekord oder Strich-Achter Mercedes – die Alltagswagen aus den Siebzigern galten viele Jahre als Inbegriff automobiler Spießigkeit. Heute treiben vor allem junge Autofahrer die Preise für die so genannten Youngtimer in die Höhe.

Ford Capri: Etwas merkwürdig geformte Autos mit viel Chrom
GMS

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Castrop-Rauxel/Berlin - Den Alltagswagen aus den siebziger Jahren wie einem Ford Granada oder Opel Rekord trauten nur wenige das Zeug zum Klassiker zu. Doch seit einiger Zeit entwickelt sich ein regelrechter Kult um die einst verschmähten Familienkutschen und Pseudo-Sportler vom Schlage eines Ford Capri. Denn nachdem "echte" Oldtimer vom Zeitgefühl ebenso wie von den Preisen mittlerweile weit entrückt sind, wächst mit den so genannten Youngtimern eine neue Generation von Liebhaber-Autos und auch Autoliebhabern heran.

"Im Bereich der Youngtimer hat es in den vergangenen Jahren einen enormen Zulauf gegeben", sagt Ralf Geisler vom Bundesverband Deutscher Motorveteranen-Clubs (Deuvet) in Berlin. Verantwortlich dafür ist vor allem die Generation junger Autofahrer. "Viele sind über das Thema Lifestyle zu diesen Autos gekommen. Weniger über die Technik oder das Interesse am Auto an sich", sagt Frank Wilke, Analyst beim Marktbeobachter Classic Data in Castrop-Rauxel.

Der Begriff Youngtimer ist eine deutsche Erfindung

Mittlerweile haben sich zumindest grundsätzliche Definitionen durchgesetzt. "Ein Fahrzeug ab einem Alter von 30 Jahren ist ein Oldtimer", so Geisler. Denn in diesem Alter kann das H-Kennzeichen für ein historisches Fahrzeug beantragt werden. "Youngtimer sind Fahrzeuge im Alter von 20 bis 30 Jahren." So weit die Theorie - denn tatsächlich werden ein Anfang der Siebziger gebauter Opel Rekord oder ein Strich-Achter Mercedes weiter als Youngtimer gehandelt.

Opel Commodore B GS/E (1972 bis 1977 gebaut): Kult um verschmähte Familienkutschen und Pseudosportler
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Das Wort an sich ist übrigens ein reines Phantasieprodukt. "Der Begriff Oldtimer ist ebenso wie Youngtimer eine typisch deutsche Erfindung", so Johannes Hübner, Klassiker-Fachmann des Automobilclubs von Deutschland (AvD) in Frankfurt/Main. Während elitäre Oldtimer-Liebhaber ihre Blech gewordenen Träume am liebsten vor jedem Staubkorn schützen, wird an Youngtimern viel geschraubt, um sie möglichst oft fahren zu können.

Auswahl an Youngtimern ist noch relativ groß

Youngtimer sind immer noch vergleichsweise günstig - auch wenn die Preise schon angezogen haben. Laut Frank Wilke müssen für einen Ford Granada GXL 2,3 aus der 1972 bis 1977 gebauten Generation in gutem Zustand 3100 Euro angelegt werden. Das klingt nicht nach viel Geld für ein Auto - vor einem Jahr lag der Preis laut Wilke allerdings bei nur 2500 Euro. Noch deutlicher ist der Sprung beim beliebten Strich-Achter von Mercedes. Vor einem Jahr wurden laut Wilke für einen guten 200er-Benziner aus der Bauserie 1973 bis 1976 rund 4000 Euro verlangt. Derzeit sind es etwa 5300.

Mercedes Strich-Achter: Die Preise für Youngtimer ziehen an
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Dass es überhaupt möglich ist, ein solches Wunschauto zu erstehen, liegt auch daran, dass die Auswahl an Autos in diesem Alter noch vergleichsweise groß ist. Laut dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg waren am 1. Januar diesen Jahres noch 119.159 Autos der Baujahre 1974 bis 1978 unterwegs, hinzu kommen 310.811 aus den Jahren 1979 bis 1983.

Teuer wird es vor allem bei wirklich gut erhaltenen Autos. Und es hängt auch vom Typ ab. So werden zwar die ersten Modelle des VW Golf nun 30 Jahre alt. "Aber irgendein Golf in irgendeinem Zustand ist nicht mehr als ein Gebrauchsauto", so Johannes Hübner. Er weist zudem darauf hin, dass es noch andere Wege gibt, als auf den Trend zu den jetzt schon so gefragten Modellen aufzuspringen. Denn es steht bereits die nächste Generation an Youngtimern vor den Tür. "Noch entwickelt zwar niemand beim Anblick eines Mercedes 190 nostalgische Gefühle - aber das kann in vier bis fünf Jahren anders sein." Der Baby-Benz wird immerhin auch schon 22.

Von Heiko Haupt, gms

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