ZF Advanced Urban Vehicle Wende-Legende

Sieht aus wie ein Unfallschaden, ist in Wahrheit aber ziemlich clever: Mit einer innovativen Lenkung und einem rekordverdächtigen Wendekreis hat Zulieferer ZF das "Advanced Urban Vehicle" zum wahren Kurvenstar gemacht.

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Das wird doch nie was! Die Straße ist keine zehn Meter breit, ein Wendemanöver in die Gegenrichtung muss zwangsläufig eine Rangierorgie werden. Wird es nicht, denn das "Advanced Urban Vehicle" (AUV) des Friedrichshafener Zulieferers ZF ist kein normales Auto.

Man merkt es sofort: Das Lenkrad lässt sich kurbeln und kurbeln und kurbeln, und was dann kommt, kennt man so nur vom Autoscooter: Fast im rechten Winkel rollt der Wagen aus der Parklücke, schon kurz nach der Mittellinie zeigt der Bug in die Gegenrichtung. Selbst der neue Smart wirkt dagegen sperrig und ungelenk.

Möglich macht das eine neuartige Lenkung, die ZF in diesem Prototypen zum ersten Mal verbaut hat. Eine modifizierte McPherson-Achse mit zusätzlichem Querlenker und mehr Freilauf lässt deutlich größere Winkel zu, erläutert Gerhard Gumpoltsberger aus der Entwicklungsabteilung: "Statt üblicherweise um 40 oder bestenfalls mal um 50 Grad, kann man die Vorderräder damit um 75 Grad einschlagen", beschreibt er den Vorteil des Systems und beziffert den Wendekreis auf 6,50 Meter - Weltrekord für ein Auto dieses Formats. Ein VW Polo zum Beispiel braucht rund vier Meter mehr und selbst der Smart Fortwo als aktuell wendigstes Serienauto kratzt erst auf 6,95 Metern die Kurve.

Einparken per Fernsteuerung geht auch

Von außen betrachtet sieht das System so aus, als sollte man möglichst schnell in die nächste Werkstatt fahren, so weit stehen die Reifen bei einem Volleinschlag aus dem Radkasten. Doch der ansonsten eher schlichte Prototyp auf Basis des Opel Agila kreiselt überraschend hurtig aus der Parklücke.

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Parken wird so zum Kinderspiel, und man fragt sich unweigerlich, wozu man all die Assistenzsysteme braucht, die uns das Rangieren seit Jahren leichter machen wollen. Die Antwort liefert ZF gleich mit, immerhin lebt das Unternehmen auch vom Verkauf solcher Systeme: So, wie in Serie aktuell nur der BMW Siebener, kann man auch das Auto von ZF mit der Fernbedienung einparken.

Erst sucht sich der Wagen mit den Ultraschallsensoren der normalen Park Distance Control eine passende Lücke, dann zirkelt er sich auf Knopfdruck selbst hinein - natürlich in einem Zug. Ob man dabei im Wagen bleibt, auf dem Bürgersteig steht oder in der nahen Eisdiele sitzt, macht für das System keinen Unterschied: So lange die WLAN-Verbindung nicht abreißt und man brav den Finger auf dem entsprechenden Menüpunkt von Smartwatch oder Tabletcomputer lässt, erledigt der Parkpilot brav seinen Job.

Bitte warten

Dazu gibt es im AUV noch weitere Technologie-Premieren: einen winzigen Bildschirm im Kranz des Lenkrades, der sich mal zur günstigen Alternative für ein Head-up-Display mausern könnte. Sensoren im Lenkrad, die, etwa für das autonome Auto von morgen, prüfen, ob und wie lange man die Hände in den Schoß legt. Anonymisierte Fahrprofile in der Cloud machen selbst neue Routen zu Stammstrecken: Wer zum Beispiel dort, wo alle sonst nur 60 fahren, plötzlich mit 80 Sachen um die Kurve will, den kann der PreVision Cloud Assist warnen oder sicherheitshalber gleich einbremsen.

Doch auf all das muss man vermutlich noch eine Weile warten. Zwar spricht Entwickler Gumpoltsberger bei der neuen Lenkung von einem vergleichsweise simplen System, das problemlos ins Produktionsbudget für einen kleinen Stadtwagen passt. Und mehr als zwei, drei Jahre für die Serienentwicklung braucht ZF auch nicht mehr.

Doch mit der Lenkung allein ist es nicht getan, räumt Gumpoltsberger ein. Weil die Räder so stark einschlagen, wird es vorn so eng, dass der Motor am besten nach hinten in den Kofferraum wandert. Aber Kleinwagen mit Heckmotor, die dafür infrage kämen, gibt es bislang nur drei: den neuen Renault Twingo und die von ihm abgeleiteten Smart Fortwo und Smart Forfour. Vor allem letzteren würde die Technik zwar gut zu Gesicht stehen, weil Smart sich gerne als Champion der City positioniert. Doch alle drei Autos sind nagelneu und müssen deshalb jetzt erst einmal ein paar Jahre laufen.

Den passenden Antrieb liefert ZF gleich mit

Um den Herstellern anderer Kleinstwagen den Umstieg schmackhaft zu machen, hat ZF auch einen passenden Antriebsbaukasten entwickelt - mit Elektromotoren. Elektric TwistBeam nennen die Entwickler die Verbundlenker-Hinterachse mit zwei nah an den Rädern montierten E-Maschinen von jeweils 40 kW, die dazwischen Platz für einen Akku lassen.

Dieses Konzept ist nicht nur gut für den knappen Bauraum im Kleinwagen, sondern es unterstützt noch einmal die Agilität, "weil wir jeden Motor einzeln ansteuern können", erläutert Gumpoltsberger. Zwar gibt es, anders als bei Panzern und Planierraupen, keinen Gegenlauf, weil das den Entwicklern dann doch nicht ganz geheuer war. Aber wenn das so genannte Torque Vectoring außen mehr Leistung freigibt als innen, dann gibt das dem AUV schon einen zusätzlichen Drall.

Aber die neue Lenkung löst nicht nur Probleme beim Parken, sie schafft außerhalb der Stadt auch neue, für die Gumpoltsberger und sein Team die Elektronik entsprechend umprogrammieren mussten: "Denn so sehr man sich über den kleinen Wendekreis im Stadtverkehr freut - bei 150 Sachen möchte niemand so kleine Kreise fahren."



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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
Mertrager 01.12.2015
1. McPherson ist schick
Wie anders ist es sonst zu erklären, dasz mir keiner mehr erklären kann, wieso das noch ein "McPherson" ist. Keine andere Vorderachskonstruktion halt namesmässig so nach, obwohl sie kaum mehr zu erkennen, bzw, zutreffend ist. Diese Kontruktion verdient einen eigenen Namen,
picassoundich 01.12.2015
2. Feine Sache
Sehr inovativ, gefällt mir. Wenn das System Zustimmung findet, hoffe ich, dass diejenigen, die eh Probleme mit dem Einparken haben, sich nicht überschlagen damit, smile. Im Ernst, gute Sache, wenn der extreme Winkel hoffentlich nur geschwindigkeitsabhängig verfügbar ist, sprich, nur bis Tempo 30 Km/h z.b. Weiter so!
irukandji 01.12.2015
3. typisch egoistisch gedacht
Technisch tolle Lösung nur ... Die anderen die ausparken wollen haben einProblem. Und juristisch ist das dann eine Behinderung oder Ordungswidrigkeit. Blockieren anderer Fahrzeuge ist justitiabel.
ding.dong 01.12.2015
4. Ein Hubstabler wended auf der Stelle!
Fahre gelegentlisch einen Hubstabler. Der dreht auf der Stelle.
weinstock111 01.12.2015
5. Alter Hut Neu aufgebügelt
Schon seit 1948 haben London Taxis einen Wendekreis von nur 7,60m - und ZF verkauft so etwas als Neuerung ? Abgesehen davon ist die Lenkung von ZF enorm aufwändig und kostenintensiv - halt eine simple Sache "verkomplizieren" - darin sind wir Weltmeister.
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