Von Jürgen Pander
"Wie kann man Qualität sichtbar machen?" fragt Chris Bird in die Runde. Dann lächelt er, und man ahnt, dass der Designdirektor von Ford Europe gleich selbst die Antwort liefern wird. "Wir glauben, es funktioniert mit einem Auto, das Solidität ausstrahlt." Beim neuen Ford Focus fällt tatsächlich als Erstes seine Größe, sein gewachsenes Volumen auf. Der Wagen wurde im Vergleich zum Vorgänger um 17 Zentimeter länger (4,43 Meter) und um vier Zentimeter breiter (1,84 Meter), der Radstand wuchs um 2,5 Zentimeter, die A-Säule rückte gar um zehn Zentimeter nach vorne. Dieses "Vorne kurz, hinten lang"-Prinzip bedeutet einen enormen Raumgewinn im Innern. Man steigt in das Auto ein und denkt spontan: Der ist ja richtig groß geworden.
Was das Design betrifft, passt das Wort "erwachsen" besser. Denn Chris Bird und sein Team schliffen die wilden Ecken und Kanten des ersten, 1998 vorgestellten Focus außen wie innen ab. Jetzt steht ein seriöser Kompaktwagen da. Eleganter und kraftvoller als der Vorgänger, aber optisch auch langweiliger. Die dreieckigen Heckleuchten zum Beispiel wichen braven, lang gezogenen Rechtecken; das kühn geschwungene Armaturenbrett wurde von einer nüchtern geformten Bedienkonsole verdrängt. Einzige Überraschung: Ford bietet die Armaturentafel auch in Blau an. "Das soll Frische und Sportlichkeit in den Innenraum bringen", sagt Bird.
Sportlich wollen sie alle sein, die neuen Kompaktautos, doch in Wahrheit kommt es auf ganz andere Qualitäten an: zum Beispiel auf ein ordentliches Platzangebot, vernünftige Ausstattung, solide Technik und einen günstigen Preis. In diesen für die Kundschaft wirklich wichtigen Kategorien punktet der neue Focus. Denn es gibt viel Platz im Innenraum für Passagiere und Gepäck (bis 1245 Liter), sämtliche Modelle sind mit sechs Airbags und ESP ausgerüstet, die Motorenplatte ist breit, und das schon beim Vorgänger tolle Fahrwerk wurde noch ein wenig besser abgestimmt. Beim Preis schließlich spielen die Kölner den Vorteil aus, als Letzter des ewigen deutschen Kompakttrios VW Golf, Opel Astra und eben Ford Focus auf den Markt zu kommen. 14.375 Euro kostet das Einstiegsmodell. "Das sind 300 Euro weniger als das bisherige Basismodell", frohlockt Ford-Chef Bernhard Mattes. Sein Kalkül: Es sind vor allem ein paar Hunderter weniger als bei der Konkurrenz.
Während beim Preis, bei der Ausstattung und beim Design die Autos aus Köln, Wolfsburg oder Rüsselsheim doch deutlich unterscheidbar sind - im Fahrverhalten sind sie es nicht mehr. Jedenfalls nicht für den ganz normalen Autofahrer, der zur Arbeit, zum Sportverein, zur Schwiegermutter oder zum Kindergarten unterwegs ist. Etwaige Unterschiede bei den Fahrwerken können wohl nur noch Experten auf speziellen Teststrecken erspüren. Für alle anderen gilt: reinsetzen, Probe fahren, den Bauch entscheiden lassen.
Uns gefiel die Kombination aus 1,6-Liter-Dieselmotor und stufenloser CVT-Automatik sehr gut, die übrigens ausschließlich mit diesem Aggregat angeboten wird. Der Wagen kostet zwar mindestens 20.950 Euro, bietet jedoch ein sehr angenehmes und entspanntes Fahrgefühl bei lediglich 5,5 Liter Spritverbrauch im Schnitt. Übrigens: Ein Partikelfilter für die Dieselmodelle kostet 600 Euro extra. Wer viel auf Kurzstrecken unterwegs ist, sollte allerdings besser zu einem Benziner greifen - vier Motorvarianten von 80 bis 145 PS (59 bis 107 kW) sind im Angebot.
Ab 13. November wird der neue Focus bei den Händlern stehen, und zwar von Beginn an als Drei- oder Fünftürer (mit gleichem Radstand und identischer Länge) sowie kurz darauf auch als Kombimodell Turnier. Wiederum einige Wochen später wird eine viertürige Limousine das Karosseriequartett ergänzen. Und auch danach ist noch Luft. "Eine Cabrioversion oder einen kompakten SUV könnte man sich durchaus auf Focus-Basis vorstellen", orakelt Mattes. Womöglich auch eine extra feurige RS-Variante, denn Golf GTI und Astra GTC drängen demnächst in diese Nische.
Noch in diesem Jahr möchte Ford 3400 Focus-Modelle in Deutschland verkaufen. Im kommenden Jahr sollen es dann 73.000 werden. Der Optimismus wird unter anderem gespeist von einer Strategie, von der die Verantwortlichen glauben, dass sie mit ihr exakt die Wünsche ihrer Zielgruppe erfüllen. Sie heißt: "preiswerte Relevanz". Sie bedeutet, dass Extras nur dann angeboten werden, wenn sie erstens günstig abgegeben werden können und sie zweitens für den Kunden wirklich von Nutzen sind. Das Lieblingsbeispiel der Ford-Mannen für "preiswerte Relevanz" ist ihr Kurvenlicht, das nicht, wie bei anderen Herstellern, ausschließlich mit Xenon-Scheinwerfern angeboten wird, sondern auch mit Halogenlampen. So bleibt das bei Nachtfahrten sinnvolle Extra mit 360 Euro leidlich billig. Ford tut was, um besser anzukommen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Tests | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH