Von Jürgen Pander
Mit dem Boom der Geländewagen einher geht der Verfall des Aufmerksamkeitswerts, den diese Fahrzeuge erleiden. Wer soll sich noch nach einem Sports Utility Vehicle (SUV) umgucken, wenn an jeder Ecke einer steht? Vermutlich ist das ein Grund für den Optimismus, den Nissan für seinen neuen Pick-up Navara hegt. Das Auto ist bis zur A-Säule identisch mit dem Geländewagen Pathfinder, dahinter aber beginnt Neuland: eine verlängerte Kabine nämlich und eine offene Ladefläche. Wer mit diesem Auto vorfährt, wirkt gleich viel kerniger als ein SUV-Chauffeur. Ein Pick-up - das typische Vehikel des Mittleren Westens der USA - ist die automobile Entsprechung des Holzfällerhemds.
In Deutschland ist der Markt für diese Spezies noch sehr klein. Rund 10.000 Exemplare pro Jahr werden verkauft, und Nissan ist mit zuletzt 36 Prozent Marktanteil in dieser Nische ganz gut dabei. Vom Vorgängermodell wurden im vergangenen Jahr 3339 Fahrzeuge verkauft. Seit einigen Wochen steht jetzt der neue Navara bei den Händlern - und gut 2000 Modelle dieses Typs will Nissan bis Silvester noch in Deutschland verkaufen. Ein Großteil wird von gewerblichen Kunden erworben, doch knapp ein Drittel der neuen Pick-ups, so schätzen die Marketingleute, wird in privaten Carports vor Anker gehen. Gerade auf diese Klientel schielt Nissan, denn wer in seiner Freizeit einen Minilaster kutschiert, will damit nicht nur auffallen, sondern auch auftrumpfen können.
Das funktioniert am zuverlässigsten durch die Aufrüstung des Autos mit möglichst vielen Extras - und das freut Hersteller und Händler. Ein Beispiel: Der Grundpreis des Navara beträgt 25.750 Euro für die King-Cab-Version und 27.250 Euro für die viertürige Variante mit Doppelkabine. So ein "Double-Cab"-Modell fuhren wir zu Testzwecken, doch dieser Wagen kostete 39.890 Euro. Der horrende Preisunterschied erklärt sich durch kostenpflichtige Sonderausstattungen wie Metalliclack (590 Euro), Seiten- und Kopfairbags (600 Euro), Klimaanlage plus Radio-CD-Musikanlage (1500 Euro), Fünfstufen-Automatikgetriebe (1500 Euro), DAV-Navigationssystem mit CD-Wechsler und Bluetooth-Schnittstelle (2500 Euro), Lederausstattung (2200 Euro) und noch ein paar Kleinigkeiten mehr.
Ehe man sich versieht, sitzt man also in einem Luxusmobil, das schon durch seine schiere Größe (5,22 Meter lang, 185 Meter breit, 1,76 Meter hoch) auffällt. Und das durch armdicke Chromstreben am Kühlergrill, wuchtige Trittbretter und 17-Zoll-Leichtmetallräder, die in forsch ausgestellten Radhäusern sitzen, noch präsenter wirkt, als es ohnehin schon ist. Unterm feisten Blechkleid sitzt robuste Technik: ein Leiterrahmen mit Einzelradaufhängung vorne und eine Starrachse samt Blattfedern hinten. Motorisiert sind sämtliche Varianten mit einem 2,5-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel, der 174 PS (128 kW) leistet und 403 Newtonmeter an die Kurbelwelle abgibt. Bei Bedarf lässt sich per Drehknopf in der Mittelkonsole der Allradantrieb zuschalten, im Normalfall aber werden die Hinterräder angetrieben.
Das Fahren in diesem Auto vermittelt buchstäblich ein erhabenes Gefühl. Der Motor grollt irgendwo zu Füßen des Fahrers, der bequem im Ledersessel thront und das dicke Lenkrad durch die Hände gleiten lässt wie ein Matrose das Steuerrad - die Metapher von den "Kapitänen der Landstraße" wird plötzlich greifbar. So dampft es sich geräuschvoll und souverän dahin in diesem Auto-Frachter, der in den meisten Fällen wohl nur die Sehnsucht nach einem Highway bis zum Horizont geladen hat. Innerhalb geschlossener Ortschaften verschieben sich die Maßstäbe allerdings: Hier wirkt der Pick-up Navara - jedenfalls für Otto-Normalfahrer am Steuer - wie Gulliver in Liliput.
Der Platz auf der Ladepritsche dürfte für die meisten Transportaufgaben im Alltag eines Privathaushalts ausreichen. Die Fläche ist 1,51 Meter lang und - zwischen den Radkästen - 1,13 Meter breit. Im viersitzigen King-Cab-Modell ist die Ladefläche sogar 1,86 Meter lang. Es gibt mehrere verschiebbare Verzurrösen, so dass die Gegenstände auf der Pritsche ordentlich gesichert werden können. Wer gar nicht so viel Platz für Gepäck benötigt, kann die Fläche zwischen den Bordwänden auch anders nutzen: Nissan bietet für 350 Euro ein Zelt an, das genau auf die Ladefläche passt. Auch dies ein wichtiges Kriterium in der Abgrenzung zum herkömmlichen SUV. Denn wer kann das schon im Allradler-Freundeskreis berichten: Ich baue mein Zelt nicht neben, sondern auf meinem Auto auf.
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