Von Tom Grünweg
Das macht schon gewaltig Eindruck: Da sitzt man irgendwo im Süden vor einem netten Straßencafe, drückt lässig einen kleinen Knopf am Zündschlüssel und ein paar Meter weiter auf dem Parkplatz beginnt ein Schauspiel, an dem man sich einfach nicht satt sehen kann. Während man den Espresso leert, verwandelt sich der rote Astra Twin Top von einem eleganten Coupé in ein luftiges Cabrio. Klar, das können - vielleicht nicht immer mit Fernbedienung - Autos wie der Peugeot 206 cc oder der Mercedes SLK auch. Doch Opel spielt das Stück in Überlänge und zeigt dabei mehr Einsatz als sonst jemand in dieser Klasse. Denn anders als die Wettbewerber haben die Hessen ein Dach aus drei statt aus zwei Elementen entwickelt, das eine entsprechend aufwendige Choreographie aufführt.
Dabei tanzen zwei Dachplatten, die gläserne Heckscheibe, die beiden C-Säulen und ein halbes Dutzend Abdeckungen, angetrieben von fünf Elektromotoren, acht Hydraulikzylindern, 13 Sensoren und einer 14-Gelenk-Kinematik einen Tanz, den Projektchef Klaus-Rudolf Reuter kokett "Lambada" nennt. Doch so schnell die Show begonnen hat, so schnell ist sie auch wieder vorbei: 25 Sekunden nachdem sich zur Ouvertüre der Kofferraumdeckel geöffnet hat, ist das gesamte Verdeck im Heck verstaut, alle Abdeckungen sind an ihrem Platz und ein leises "Ping" signalisiert das Ende der Vorstellung.
"Es ging uns keineswegs um den Showeffekt", beteuert Reuter, der sich trotzdem über die bewundernde Blicke freut. "Unsere Ziele waren die kompromisslose Übernahme des schnittigen Astra-Designs und die Suche nach einer Silhouette, die man zu Recht als Coupé-Linie bezeichnen darf", sagt Reuter, der großen Wert auf die Reihenfolge der Entwicklung legt. "Wir haben erst die Form gestaltet und dann das passende Dach dafür gesucht." Weil dabei die bislang gebräuchlichen, zweiteiligen Verdecke ausschieden, haben die Hessen gemeinsam mit ihrem Zulieferer kurzerhand eine Lösung mit drei Dachelementen entwickelt.
Doch so neu und einzigartig, wie es Opel gerne darstellt, ist das nun auch wieder nicht. Der Volvo C70 wird mit einem ähnlichen Verdeck ausgeliefert, aber er spielt eine Liga höher. Und der VW Eos wird ebenfall mit einem ähnlichen Faltdachprinzip auf den Markt kommen, ist aber wegen bereits eingestandener Probleme bei der Feinabstimmung zwischen Verdeck und Karosserie noch nicht auf dem Markt.
Reuter dagegen ist sich sicher, dass Opel den avisierten Termin der Markteinführung am 20. Mai einhalten wird, obwohl der Twin Top in nur 17 Monaten entwickelt wurde. Als Gründe dafür führt er ein schlagkräftiges Team, eine flexible Organisation und die Unterstützung zahlreicher Supercomputer an. Außerdem wird das Auto, anders als der Vorgänger, nicht mehr als Auftragsarbeit bei Bertone, sondern im Astra-Werk in Antwerpen gebaut. Dort wird offenbar ganze Arbeit geleistet, denn die Betriebsanleitung erlaubt ausdrücklich die Bedienung des Verdecks auch während der Fahrt. "Wenn man an der Ampel von Grün überrascht wird oder im Stop-und-go-Verkehr nicht anhalten will, kann man bis Tempo 30 trotzdem das Dach öffnen oder schließen", präzisiert Reuter.
Vernünftiges Platzangebot in Reihe zwei
Aber das aufwendige Verdeck ist nicht nur gut für die Show und die Silhouette. Es hat auch praktische Vorteile: Weil Opel die technischen Bauteile nicht in der Brüstung platziert, lässt die schmale Karosseriewand im Fond mehr Platz für die Schultern der Passagiere, die - einen rücksichtsvollen Vordermann vorausgesetzt - auch bei großem Wuchs hinten leidlich untergebracht sind. Und weil das Sandwich aus Dach und Scheiben im Kofferraum besonders eng zusammenrückt, bleiben von den 440 Litern Ladevolumen des Coupés im Cabrio-Betrieb immerhin 205 Liter übrig. Damit man die auch nutzen kann, haben Reuter und sein Team einen speziellen Lastenaufzug entwickelt. Auf Knopfdruck wird das Verdeckpaket soweit angehoben, dass aus dem schmalen Schlitz eine echte Ladeluke wird und zumindest ein Rollkoffer auch bei offenem Dach in den Kofferraum passt.
Ach ja, nur bevor wir es vergessen: Irgendwann sollte man sich mal vom Verdeck losreißen, den Zündschlüssel drehen und das Cabrio-Coupé in Fahrt bringen. Allerdings ist das lange nicht so spektakulär, wie der Lambada überm Kofferraum. Denn fahren lässt sich der Twin Top wie jeder andere Astra auch. Schließlich hat Opel nicht nur das Design, sondern auch die Technik aus dem geschlossenen Modell übernommen. Also rollt das Open-Air-Modell auf einem ähnlich strammen Fahrwerk, kann auf Wunsch mit der aktiven Dämpferkontrolle ausgestattet werden und erhält ausschließlich bekannte Motoren. Los geht es mit einem 1,6-Liter, der 105 PS (77 kW) leistet. Darüber rangiert ein 140 PS (103 kW) starker 1,8-Liter, und an der Spitze steht der Zweiliter-Turbo, den Opel mit 170 PS (125 kW) und 200 PS (147 kW) anbietet. Außerdem gibt es auch einen Diesel mit 150 PS (110 kW) und serienmäßigem Rußpartikelfilter. Reuter: "Schon vom Vorgänger haben wir jedes vierte Cabrio mit Selbstzünder verkauft."
Preiskalkulation mit Blick nach Wolfsburg
Obwohl Opel viel Technik in den Astra gesteckt hat, sind die Preise ausgesprochen scharf kalkuliert. Vor allem mit Blick auf die Konkurrenz aus Wolfsburg. "Unserem wichtigsten Wettbewerber sind wir bei einem Startpreis von 23.650 Euro ausstattungsbereinigt rund 3000 Euro voraus", sagt Reuter. Was die Einstiegspreise betrifft, sind es rechnerisch zwar nur 2300 Euro, doch dabei ist die Ausstattung noch nicht berücksichtigt. Der Astra tritt nämlich mit vier Airbags, ESP automatisch ausfahrenden Überrollbügeln elektrischen Fensterhebern, Klimaanlage, Tempomat, CD-Radio, Zentralverriegelung, Lederlenkrad und einer Durchreiche in der Rückbank an.
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