Cadillac Coupé de Ville, Baujahr 1970: Blaues Monster aus Texas

Man muss nicht unbedingt die legendäre US-Route 66 fahren, um eine automobile Wunschreise wahr werden zu lassen. Mit einem 1970er Cadillac Coupé de Ville Convertible wird jeder Weg zum Ziel. Davon können die SPIEGEL-ONLINE-Leser Tina Groebel und Stefan Ziebell berichten.

Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch viel älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichten Tina Groebel und Stefan Ziebell aus Nürnberg über ihren sage und schreibe 350 PS starken Cadillac Coupé de Ville Convertible aus dem Baujahr 1970.

Tina Groebel und Stefan Ziebell:
Einen vierwöchigen Urlaub in Texas könnte man problemlos nur mit dem Betrachten von Wildblumen verbringen, die Vielfalt ist einzigartig. Das jedenfalls erzählt uns das deutsche Ehepaar, mit dem wir uns den Flughafen-Shuttleservice in Dallas teilen. Unser Urlaubsziel scheint die beiden dagegen weniger zu begeistern. Wir wollen auf einem "Swap Meet", einem riesigen Flohmarkt für altes Blech, nach einem Oldtimer suchen und damit rund 2500 Kilometer nach New York fahren. So schnell erstickt Urlaubs-Smalltalk schon im Keim.

Ein "Swap Meet" ist an sich schon eine riesige Angelegenheit, aber ein "Swap Meet" in Texas ist selbstverständlich noch eine Nummer größer. Stand neben Stand mit Automobilklassikern, Einzelteilen und Devotionalien. Eine Oldtimershow der Privatanbieter und Händler unter freiem Himmel. Irgendwo gibt es noch ein Showprogramm oder Versteigerungen. Doch die Hauptsache sind die Autos, so wie sie auf dem Platz stehen. Eins neben dem anderen. Stoßstange an Stoßstange.

Währen die ersten Barbecue-Grills angeheizt werden, brechen wir zu einem vorsichtigen Rundgang auf. Alle Zweifel über die locker ins Blaue hinein geplante Weiterreise per Oldtimer verflüchtigen sich beim Sichten des Angebots: Vom Ford Model T in ehrwürdiger Patina bis zum getunten Baracuda im Retro-Design der siebziger Jahre – hier gibt es alles, was die amerikanische Automobilindustrie in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat.

In einer Lücke, eingezwängt zwischen zwei Anhängern, springt uns ein blaues Monster an. Die meisten Besucher strömen weiter. Ein Cadillac fällt in dieser Umgebung nicht weiter auf. Außerdem liegen die Doppelscheinwerfer in der Frontpartie dieses Modells nebeneinander, es ist also ein Fahrzeug aus den Siebzigern. Die Klassiker aus den Sechzigern mit den übereinander liegenden Scheinwerfern werden wesentlich öfter gesucht. Außerdem haben wir "nur" das kleinere, 5,70 Meter lange Coupé de Ville vor uns, nicht die luxuriöse Eldorado-Version. Wir bleiben stehen, schließlich ist es ein Cabrio und mit 7,7 Litern Hubraum V8-Power ohne Zweifel einen zweiten Blick wert.

Wo man mit so einem Auto auffällt? An jeder Ampel!

Der Besitzer ist ein ausgefuchster "Swap-Meet"-Hase und kommt jedes Jahr mit mindestens einem Fahrzeug aus seiner Sammlung hierher. Diesmal fiel ihm die Auswahl eines Verkaufsobjekts sichtlich schwer: "It’s a Cadillac, you know..." Doch bei ihm zu Hause steht der Caddy neben seinen anderen fünf Autos und den drei Sportflugzeugen sowieso nur in der Garage herum und langweilt sich. Also wechselt das blaue Monster seinen Besitzer. Dass dem Wagen nun eine Zukunft in Deutschland blüht, findet der Verkäufer interessant bis bedenklich. Schließlich hat der Cadillac die texanischen Staatsgrenzen noch nie überschritten. Da wird er auf seine alten Tage noch Einiges von der Welt sehen.

Am nächsten Tag starten wir in Richtung New York. Ein Cadillac mag ein amerikanisches Auto sein, aber mit diesem Exemplar fallen wir doch auf. An der Ampel zeigt man sich beeindruckt, in der Tankstelle gibt es den Kaffee grundsätzlich umsonst. Mit offenem Verdeck, gefangen in riesigen weißen Ledersitzen, die - vom eigenen Alter unbeeindruckt - immer noch puren Luxus verströmen, beginnt die Entspannung. Der Verkehr gleitet dahin, und wir gleiten mit.

Am Abend halten wir an einem der typischen Motels am Straßenrand. Wahrscheinlich will die Frau an der Rezeption unser Autokennzeichen wissen, aber der Südstaatenakzent ist sogar für unsere an breitestes Texanisch gewöhnten Ohren zu viel. Sie grinst an uns vorbei aus dem Fenster und meint, das ginge schon in Ordnung. Auf dem Anmeldeformular steht in der Spalte Fahrzeug nur "CADILLAC" – tatsächlich in Großbuchstaben.

In den nächsten Tagen überqueren wir die Great Smoky Mountains und fahren die Ostküste entlang. Der Cadillac hält tapfer durch. Ein wenig Kühlwasser, ein paar Streicheleinheiten mit dem Schraubenzieher, und die gemächliche Fahrweise af den Highways hält auch den Benzindurst in Grenzen. Schon wieder fallen wir auf: Wir jammern nicht an der Tankstelle, die deutschen Benzinpreise glaubt uns sowieso keiner. Je näher wir allerdings dem Ziel unserer Reise kommen, desto klarer wird: Ein neuer Verteiler muss her, der alte ist am Ende. Die Ersatzteilbestellung sorgt für den zweiten (positiven) Preisschock der Reise. Denn 1970 ist das älteste Baujahr, für das man noch direkt über jede Werkstatt Teile bei General Motors bestellen kann. Einen Austauschverteiler kaufen wir in Long Island für 30 Dollar. Manhattan, wir kommen!

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  • Datum: Donnerstag 09.11.2006 | 12:53 Uhr
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