Gordon Roadster: Volle Fahrt zurück

Von Tom Grünweg

Zehn Jahre hat es gedauert, doch jetzt ist der Knoten geplatzt: Nachdem schon 1997 der erste Prototyp fertig war, kann man den Gordon nun tatsächlich kaufen. Zwar sieht der Roadster aus wie ein alter Engländer. Aber er kommt nicht von der Insel, sondern aus Tschechien.

Wer an Autos aus Tschechien denkt, dem fällt erst einmal nur Skoda ein. Und danach kommt lange nichts. "Doch das ist ein Irrtum", sagt Eugen Müller nicht ohne Stolz. Denn er gehört zu einer Gruppe von sechs Technikern, die von Pilsen aus den Gegenbeweis antreten wollen. Seit ihrer Studienzeit erledigen sie im Auto Projekt Centrum nicht nur Auftragsarbeiten wie die Entwicklung von Straßenbahnen oder Behindertenfahrzeugen, sondern tüfteln auch an einem klassischen Roadster.

Gordon Roadster: Kein alter Engländer, sondern moderner Tscheche
Tom Grünweg

Gordon Roadster: Kein alter Engländer, sondern moderner Tscheche

Zehn Jahre, eine Reihe von Finanzkrisen und ein paar geschiedene Ehen nach dem ersten Prototypen hat der Gordon nun endlich seine Serienreife erreicht. Für knapp 80.000 Euro wollen die Tschechen den Wagen von ihrem neuen Hauptquartier im Westerwald aus vermarkten und haben dabei bescheidene Ziele: "Schon mit einer Jahresproduktion von zwölf Autos wären wir zufrieden", sagt Müller.

Der offene Zweisitzer sieht genau so aus, wie man sich einen klassischen Roadster vorstellt: Die Haube lang und schmal, die Kotflügel mit wollüstigem Schwung, die Scheibe steil und niedrig, das Heck glatt und gerade und die Gürtellinie so flach, dass man auf die knietiefen Türen eigentlich auch gleich ganz hätte verzichten können. Dazu gibt es stilechte Speichenräder, einen Ersatzreifen auf dem Heckdeckel, sowie ein dünnes Verdeck, das gemeinsam mit den Seitenscheiben zum Stecken bei schlechtem Wetter allenfalls ein Notbehelf ist.

Aber nicht nur das Design stammt aus "der guten alten Zeit, in der Autos noch Kunstwerke waren" (Müller). Auch der liebevoll gestaltete Innenraum zeugt von fingerfertiger Handwerksarbeit: Sitze, Türen und Konsolen werden mit Leder bezogen, dessen Farbe und Verarbeitung jeder Kunde ohne Aufpreis selbst auswählen kann. Das Armaturenbrett aus poliertem Wurzelholz macht seinem Namen alle Ehre, und die verchromten Schalter lassen schmucklose Plastiklandschaften moderner Großserienfahrzeuge ziemlich alt aussehen. Wer sich in die bequemen Ledersessel fallen lässt, atmet nicht nur den Geist der Geschichte, sondern trägt beinahe automatisch auch ein Lächeln im Gesicht.

Verwechslungsgefahr

Zwar ist der Wagen völlig neu, doch kommt er einem trotzdem verdächtig bekannt vor: "Hab ich so etwas nicht schon einmal gesehen?", heißt die Frage, die einem unweigerlich in den Sinn kommt und fast zwangsläufig zur britischen Kultmarke Morgan führt. Natürlich ist auch Müller diese Frage gewohnt, und auch wenn er schon tausend Mal beantwortet hat, hört er sie noch immer nicht gerne. Denn zu berühmt ist der klassische Holzrahmen-Roadster aus dem Königreich, und zu nahe liegt der Verdacht, die Tschechen hätten diese Idee nur kopiert. Solche Kritik weist Müller zurück. "Unser Auto basiert auf dem Aero 30, der von Ingenieuren eines tschechischen Flugzeugherstellers bereits in dreißiger Jahren entwickelt wurde." Damit ist das Vorbild sogar ein paar Jahre älter als der Klassiker aus dem Königreich.

Der Name Gordon ist eine Notlösung, die während einer langen Nacht in Büro oder Werkstatt entstanden ist, berichtet Müller. Denn auch wenn sie von den Erben ihrer geistigen Väter vielleicht sogar die Bezeichnung "Aero" hätten kaufen können, fürchteten sie den Ärger mit Saab, weil die Schweden so ihre sportlichsten Turbos nennen. Und auch die traditionsreiche Manufaktur "Reichenberger Automobil Fabrik", die in den zwanziger Jahren sogar Autos für den Kaiser baute, schied als Taufpate schnell wieder aus. "Denn das Kürzel RAF wäre wohl nicht überall verkaufsfördernd gewesen", gibt Müller zu.

Doch ganz egal, wer nur die älteren Rechte hat und woher die Idee stammt. Auf jeden Fall haben die sechs Tschechen sie gut umgesetzt: Denn auch wenn der Gordon aussieht, als wäre er von gestern, muss er im Gegensatz zu vielen anderen Kleinserienfahrzeugen von engagierten Bastlern und Manufakturen den Vergleich mit modernen Autos kaum scheuen. Zwar fehlen ihm neumodische Fahrhilfen wie ABS oder ESP, eine Klimaanlage gibt es nur gegen Aufpreis, und Airbags sind erst in der Planung, doch das Fahrverhalten ist vollkommen in Ordnung. Die Federung ist grundsolide, die Abstimmung wahrt die Balance zwischen Rasen und Reisen, und wenn die Entwickler nach den beiden ersten Autos bei der Lenkung jetzt noch etwas die Servounterstützung drosseln, werden auch enge Passstraßen zu Spaßstraßen.

Quell der Freude ist ein ausgesprochen konventioneller V6-Motor, den Gordon nicht etwa bei Skoda, sondern bei Ford einkauft. Der Dreiliter kommt auf 226 PS und hat mit dem nicht einmal 1100 Kilogramm schweren Retro-Roadster buchstäblich leichtes Spiel. Wer es drauf anlegt, kann deshalb in 5,7 Sekunden auf Tempo 100 spurten und mit bis zu 220 Sachen in die Vergangenheit jagen. Doch gedacht ist der Gordon weniger zum Rasen als zum Reisen: Schon bei gemütlichem Tempo wird es drinnen so laut und stürmisch, dass einem die Autobahnauffahrt kaum als Verlockung erscheint. Für Müller steht das dem Genuss nicht im Wege: "Denn Roadster im ursprünglichen Sinne fühlen sich ohnehin auf der Landstraße zu Hause."

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  • Datum: Mittwoch 11.04.2007 | 09:15 Uhr
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Fahrzeugschein

Hersteller: Gordon
Typ: 102
Karosserie: Cabrio/Roadster
Motor: V6-Benziner
Hubraum: 2.967 ccm
Leistung: 226 PS (166 kW)
Drehmoment: 280 Nm
Von 0 auf 100: 5,7 s
Höchstgeschw.: 220 km/h
Verbrauch (ECE): 9,3 Liter
CO2-Ausstoß: 237 g/km
Kraftstoff: Super
Preis: 77.992 EUR
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