Von Tom Grünweg
Es klingt ein wenig nach Selbstkritik. "Natürlich hätten wir dieses Auto gerne früher gehabt", sagt VW-Vertriebsvorstand Michael Kern. "Doch Priorität hatten die Volumenmodelle Golf, Golf Plus und Passat." Nachdem die Wolfsburger mit zwei Studien das Interesse der Öffentlichkeit geweckt hatten und die Kundschaft sogar den Namen des Autos mitbestimmen durfte, geht das Modell Tiguan nun an den Start.
Mit dem Tiguan setzen die Wolfsburger auf ein Auto, das zwar nagelneu ist, einem aber trotzdem sattsam bekannt vorkommt. Denn bei dem Geländegänger kombiniert VW Designelemente der Modelle Touareg und Golf. Im Innenraum wirkt der Tiguan wie ein Golf Plus. Kritiker monieren, dass vom Esprit früherer Studien nicht mehr viel geblieben ist und das kompakte Sports Utility Vehicle (SUV) auf dem Weg zur Serienfertigung im niedersächsischen Nieselregen zu einem Langeweiler wurde.
Allerdings trifft der zahme Tiguan den Geschmack der breiten Masse damit vermutlich besser als die Konkurrenzmodelle. Das Format zum Beispiel ist geschickt gewählt. Montiert aus zahlreichen Modulen des Golf-Baukastens, ist der Tiguan bei einem fast unveränderten Radstand von 2,60 Meter gut 20 Zentimeter länger. Außerdem geht der kleine Bruder des großen VW-SUV Touareg im Vergleich zum Golf ein wenig in die Breite und Höhe. Auf der einen Seite erzeugen die Entwickler auf diese Weise jenes erhabene Gefühl, das Kunden bei Geländewagen schätzen. Auf der anderen Seite bleibt der Tiguan kompakt und handlich genug für das Dickicht der Großstadt.
Wer die Golf-Klasse kennt, kennt den Tiguan
Innen haben sich die Niedersachsen vor allem selbst kopiert: Wäre da nicht die etwas bessere Kopf- und Schulterfreiheit, könnte man sich auch in einem Golf Plus wähnen. Das Armaturenbrett hat zwar neue Farben, aber die alten Formen. Und wie im Golf Plus gibt es auch hier die variable Rückbank, bei der nicht nur die Lehnen verstellt, sondern beide Sitzhälften um bis zu 16 Zentimeter verschoben und natürlich auch umgelegt werden können.
Dazu gibt es serienmäßig sechs Airbags und ESP sowie ein paar nette Extras gegen Aufpreis. Ein großes Panoramadach lässt die Sonne herein. Mit der Rückfahrkamera fühlt man sich beim Rangieren auf dem Waldparkplatz ein bisschen wie Tierfilmer Heinz Sielmann und auch einen Einpark-Assistenten hat der Tiguan als wohl einziger SUV.
Zur Wahl stehen mittelfristig drei Benziner mit 1,4 oder zwei Litern Hubraum und 150, 170 oder 200 PS und zwei Zweiliter-Diesel mit 140 und 170 PS, die als erste Vierzylinder aus Wolfsburg von der Pumpe-Düse- auf die Common-Rail-Technik umgestellt werden. Das senkt nicht nur den Lärmpegel, sondern auch das Schadstoffniveau, so dass beide Selbstzünder schon jetzt die Euro-5-Norm erfüllen. Auch der schwächste Motor beschleunigt die Fuhre auf 186 km/h, der schnellste bringt es auf 211 Sachen.
Wie immer: Ein Allradler, den niemand wirklich nutzt
Auch wenn es nach Einschätzung von VW Sprecher Hans-Gerd Bode wahrscheinlich 95 Prozent der Kunden nie ausprobieren werden, taugt der Tiguan, tatsächlich fürs Gelände. Vor allem die Variante "Track & Field" eignet sich für Abenteuer. Sie bekommt eine geänderte Frontpartie mit größerem Rampenwinkel. Der gibt an, bis zu welchem Grad ein Fahrzeug mit langsamer Geschwindigkeit über eine Rampe fahren kann, ohne mit dem Unterboden aufzusetzen. Außerdem gibt es serienmäßig einen Schalter, der alle elektronischen Systeme bündelt. Auf Knopfdruck werden damit ESP, ABS, Bergabfahrhilfe, Motorsteuerung und die Getriebeelektronik auf Gelände getrimmt.
Die Claims im Feld der kleinen Geländewagen waren auch ohne VW schon abgesteckt. Der Nachzügler Tiguan muss kämpfen, helfen könnte der Preis: Solange es noch keine abgespeckte Version mit Frontantrieb gibt, geht es bei 26.700 Euro für die Benziner und 28.800 Euro für die Diesel los. Damit ist der Tiguan 8000 Euro billiger als der BMW X3, und zugleich nur 100 Euro teurer als ein Toyota RAV-4.
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