E-Max 90s: Sparschwein auf zwei Rädern

Von Jochen Vorfelder

Klimawandel, hohe Spritpreise - von den großen Motorradherstellern gibt es darauf bislang keine Antworten. Die kleine bayrische Firma E-Max möchte mit ihrem emissionsfreien Elektroroller die Innenstädte erobern. SPIEGEL ONLINE fuhr den kleinen Stromer bereits Probe.

Ran an die Ampel, Handbremse betätigt, und plötzlich ist sie da, die E-Max-Stille. Wo sich bei einem normalen 50-ccm-Roller der Verbrennungsmotor verbirgt, ist beim neuen E-Max 90s ein Akku untergebracht, der den fast lautlosen Elektromotor antreibt. Kein Knattern, kein Scheppern dringt aus der Verkleidung. Man hört plötzlich wieder Amseln zwitschern, technisch beschlagene Fußgänger nicken wohlmeinend herüber. Seit ich mit dem Elektroroller unterwegs bin, wird das Pendeln in die Hamburger Innenstadt zum Wellness-Erlebnis.

Mit einer Spitzenleistung von gut 4 PS ist der Elektroscooter vergleichbar mit einem handelsüblichen 50-ccm-Flitzer. "Sie können an jeder Steckdose, an der Sie vorbeikommen, nachladen", sagt E-Max-Geschäftsführer Thomas Grübel. "Ungefähr drei Kilowattstunden, umgerechnet also etwa 55 Cent, verbraucht der E-Max pro 100 Kilometer." Das hört sich gut an: Ein konventioneller Scooter verbraucht auf der gleichen Distanz bis zu drei Liter Mischung, die derzeit mit rund 4,50 Euro zu Buche schlagen.

Also los: Das Ladegerät wird in einer geräumigen Luke unter der Sitzbank verstaut. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der 90s kaum von seiner Zweitakter-Verwandtschaft: schnelles italienisches Design wie bei einer eleganten Vespa, schnittige Trittbretter und eine voluminöse Sitzbank für zwei auf den üblichen 13-Zoll-Räder. Der Tacho ist übersichtlich und zeigt auch die Restladung und die maximale Reichweite an.

Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man an der bayrischen Elektro-Novität technische Feinheiten wie zwei Scheibenbremsen und die freiliegende Einarmschwinge. Sie wird durch keinen Auspuff verdeckt und führt das Hinterrad, in dessen Nabe der Elektromotor surrt. Er treibt den Roller direkt an, ohne Getriebe und ohne oder die üblichen Verschleißteile wie Keilriemen oder Kette. Kupplung und Schaltung sucht man ebenfalls vergeblich, deshalb ist der Betrieb auch ohne Motorradführerschein kinderleicht: aufsteigen, Schlüssel rein, am Gasgriff drehen und auf geht’s.

Der E-Max schnurrt wie ein Kätzchen, zügig und flott zieht er davon; wer mag, kann den roten "Boost"-Schalter neben dem Gasgriff drücken und extra Leistung zuschalten. Auch die Tücken der Stadtfahrt macht der E-Max klaglos mit: Die Gabel schluckt das Kopfsteinpflaster; die beiden Bremsen geben keinen Anlass zur Klage. Auch zu zweit karriolt es sich munter auf dem E-Max. Leider hält der Fahrspaß nicht lange vor: Die maximale Reichweite liegt bei rund 50 Kilometer. Beim Schwestermodell, dem bis auf die Batterie baugleichen 110s, ist nach 75 Kilometern Schluss.

Ist das tatsächlich ein gravierender Nachteil? Jein. Die durchschnittliche Laufleistung von 50-ccm-Rollern liegt in Deutschland bei etwa 4000 Kilometer pro Jahr. Und Fernfahrten sind die absolute Ausnahme. "Wir bauen keine Langstreckenfahrzeuge," sagt Grübel, "sondern eine kluge Alternative für überfüllte Innenstädte und Büro-Pendler." Und die fahren in der Regel pro Arbeitstag kaum mehr als dreißig Kilometer, kommen abends nach Hause – und hängen den Roller für mindestens 3 bis 4 Stunden ans Netz.

Erprobt wurde das Konzept in China, wo auch der E-Max nahe Shanghai in einer eigenen Fabrik gefertigt wird. Dort wurden allein im Jahr 2006 rund 23 Millionen Stromer gebaut; in manchen versmogten Großstädten sind andere Roller bereits gebannt. Thomas Grübel und seine Partner von System Auto Parts SAP, die den 90s und den 110s ab Mitte Juni zunächst über 120 Partner des Kymco-Händlernetzes bundesweit vertreiben, quittieren den chinesischen Durchmarsch des Elektroantriebs mit einer gewissen Genugtuung.

Als Grübel vor sieben Jahren angefangen hat, den E-Max zu planen, wurde er belächelt. Doch der Bayer war und ist felsenfest davon überzeugt, dass Elektrorollern in der Zukunft des individuellen Nahverkehrs eine wichtige Rolle spielen werden. Und die Kritiker, die darauf verweisen, dass Strom ja per se nicht emissionslos gewonnen werden kann oder gar aus einem AKW stammt? Denen kommt er inzwischen schlitzohrig mit einem Hinweis auf der Roller-Web-Seite entgegen: "Viele Stromanbieter haben spezielle Ökostrom-Pakete im Angebot. So haben Sie die Möglichkeit, die Energie aus Wind, Wasser oder Sonne in Ihren E-Max zu packen."

Nach einer Woche Fahrbetrieb bin auch ich vom E-Max überzeugt, sogar begeistert. Doch uneingeschränkt zum Kauf empfehlen kann man den Roller dennoch nicht: Der E-Max ist zu langsam und damit gefährlich. Allerdings gilt dieser Vorwurf nicht nur für ihn, sondern für alle Zweiräder, die steuerfrei und mit dem kleinen Versicherungskennzeichen gefahren werden dürfen. Sie sind durch die gesetzlich vorgeschriebene Drosselung auf maximal 45 Kilometer pro Stunde rollende Verkehrshindernisse. Statt mit 50 oder 60 locker im fließenden Verkehr mit zu schwimmen, wurde ich von hinten gedrängelt, von der Seite schräg angeschaut und von vorne geschnitten.

Nur an der Ampel, da war es dann wieder da: das E-Max-Gefühl. Das Gefühl, das in der Stille ruht.

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  • Datum: Montag 09.06.2008 | 15:47 Uhr
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Fahrzeugschein

Hersteller: E-Max
Typ: 90s
Karosserie: Zweirad
Motor: 4000-Watt-Naben-Elektromotor
Leistung (E-Motor): 4 PS
Höchstgeschw.: 45 km/h
CO2-Ausstoß: 0 g/km
Kraftstoff: Strom
Kofferraum: 0 Liter
umgebaut: 0 Liter
Preis: 2.995 EUR
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