Von Tom Grünweg
Die Ortswahl hat durchaus eine gewisse Symbolik. Seinen Geländekombi 9-3X stellt Saab auf einem zugefrorenen See in Lappland vor. Als die PR-Strategen der schwedischen GM-Tochter diese Veranstaltung austüftelten, wollten sie mit der Location wohl unterstreichen, wie spur- und straßentauglich ihr Allradler ist. Weil Saab aber vor wenigen Tagen Insolvenz anmelden musste, schwirrt den meisten Anwesenden eher die Metapher vom dünnem Eis durch den Kopf. Es könnte, das ist allen klar, die vielleicht letzte Pkw-Präsentation der Unternehmensgeschichte sein. "Wir lassen uns nicht auszählen", sagt Vizechef Knut Simonsson trotzig. "Wir haben eine starke Marke, wir haben einen soliden Plan mit drei neuen Autos in den nächsten zwölf Monaten. Wir haben eine Zukunft." Seine Vision sieht so aus: Das Saab-Stammwerk in Trollhättan holt die zu Magna Steyr nach Österreich ausgelagerte Produktion des 9-3 Cabrios zurück und auch die Fertigung des neuen 9-5, die ursprünglich bei Opel in Rüsselsheim erfolgen sollte. Mittelfristig sieht er die Marke, die 2008 weniger als hunderttausend Autos verkauft hat, bei 150.000 Fahrzeugen im Jahr.
"Doch können wir auch mit sehr viel weniger Exemplaren profitabel sein", sagt Simonsson. Das Streben nach schierer Größe sei ein Irrtum. "Nicht die kleinen Hersteller haben derzeit die größten Probleme, sondern die Branchenriesen", lautet seine Botschaft. Man sähe das auch in Deutschland, so Simonsson: "Nicht VW hat Porsche gekauft, sondern umgekehrt."
Was braucht Saab jetzt ganz dringend? "Bargeld"
Was aber braucht Saab, damit der Plan umgesetzt werden kann? "Bargeld", sagt Simonsson. Mittelfristig sollen das neue Investoren mitbringen, die angeblich Interesse haben. "Wir reden mit einem halben Dutzend potentieller Partner", berichtet Simonsson, es seien Unternehmen aus Skandinavien, Europa, Russland und China - mehr mag er nicht preisgeben. Weil sich solche Verhandlungen aber hinziehen können, müsse jetzt erst einmal der Staat einspringen. Das ist ziemlich unwahrscheinlich - die schwedische Regierung hat bereits dankend abgelehnt.
Lange hatte Saab kaum neue Modelle herausgebracht, dieses Jahr sollte der Befreiungsschlag erfolgen: Der neue 9-5, eine Ableitung des Opel Insignia, befindet sich im finalen Teststadium. Die Weltpremiere ist im September auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt geplant, 2010 soll der Wagen auf den Markt kommen. Und kurz danach soll das Modell 9-4X im Segment der kleinen Geländewagen Modellen wie dem Volvo XC60 oder dem BMW X3 auf die Pelle rücken. Allerdings basiert dieser Allradler auf dem Cadillac SRX von General Motors.
Ein hochbeiniger Kombi als rettendes Modell?
Bis also etwas wirklich Neues kommt, retten sich die Schweden mit Kleinigkeiten wie dem 9-3X über die Zeit. Der auf dem eisigen See präsentierte vermeintliche Hoffnungsträger, ist in Wahrheit kaum mehr als ein höher gelegter Kombi mit Allradantrieb. Das Konzept passe das in die Zeit, behauptet Produktplaner Andreas Eskingren. "Viele Menschen wünschen sich die hohe Sitzposition und den erweiterten Aktionsradius eines Geländewagens, wollen aber nicht angefeindet werden und an der Tankstelle keinen Aufschlag zahlen."
Dieser Kundschaft mit SUV-Skrupeln möchten die Schweden also demnächst für 600 Euro Aufpreis gegenüber dem normalen Allrad-Kombi einen schmucken Lifestyle-Laster verkaufen, der mit wuchtigen Stoßfängern und breiten Schwellern nicht nur besser aussieht - er kann auch mehr, als die meisten Kunden je von ihm verlangen werden.
Dass der 9-3X dabei nicht die Bodenhaftung verliert, ist ein Verdienst des Allradantriebs XWD, der einen Tick schlauer ist als andere Systeme. Denn die Kraft wird nicht nur situationsgerecht auf Vorder- und Hinterachse verteilt, sondern in Kurven auch unterschiedlich auf das rechte und linke Hinterrad dosiert. Das macht den Wagen im Slalom flott und zugleich sehr spurtreu.
Nur den Turbo-Benziner gibt es mit Allradantrieb
In Fahrt bringt das Auto der zwei Liter große Turbomotor mit 210 PS, den Saab im 9-3X erstmals auch in der Ethanol-Variante mit Allradantrieb anbietet. Der Motor hat im Kombi fürs Grobe einen etwas kernigeren Klang und schiebt den Wagen mit 300 Nm ordentlich voran: Knapp neun Sekunden von 0 auf 100 und ein Spitzentempo von 230 km/h sind Beleg dafür.
Noch besser allerdings fühlen sich Alltagsabenteurer an der Tankstelle: Der Saab 9-3X gibt sich mit 8,3 Litern im Schnitt zufrieden. Und es geht noch sparsamer. Denn um 3000 Euro billiger gibt es das Auto auch mit einem 180 PS-Dieselmotor, dessen Durchschnittsverbrauch bei 5,5 Liter liegt. Allerdings gibt es diese Version nur als Fronttriebler.
Wie der Wagen bei der Kundschaft ankommt, ist offen. Doch selbst, wenn es gut läuft, reicht ein Auto wie der 9-3X allenfalls für ein kleines Strohfeuer. Das Eis wird sehr dünn, Saabs Chancen schwinden. Doch zumindest die Fans stehen zu ihrer Marke: Auf der Website Rescue-Saab.com haben sich in den vergangenen Tagen bereits 12.000 Menschen registriert.
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