Von Tom Grünweg
Das Beste zum Schluss - nach diesem Motto verfährt Mercedes beim Finale des Supersportwagens SLR. Nach nur fünf Jahren geht die Karriere des Renners, den der damalige Mercedes-Chef Jürgen Hubbert als "Silberpfeil für das neue Jahrtausend" pries, schon wieder zu Ende. "Mit einer normalen Final Edition zum Abschluss wollten wir uns nicht begnügen", sagt Detlef Barthelmes, bei Mercedes verantwortlich für den Verkauf von SLR und Maybach. "Wir wollen einen Abgang, der diesem Auto würdig ist." So entstand die Idee zur Sonderedition Stirling Moss, der als radikaler Roadster die Brücke zum Siegerwagen der Mille Miglia von 1955 schlägt.
Wie damals wurde auch diesmal alles weggelassen, was nicht unbedingt nötig ist: Wer braucht schon eine Frontscheibe oder ein Dach, wenn er um die Bestzeit fährt? Zur Not geht es bei Regen auch mit einer Schutzbrille, und beim Parken lässt sich der Innenraum mit zwei Karbonschalen abdichten. Viel lieber zitieren die Designer ein paar zusätzliche Details des alten 300 SLR: Wie Stirling Moss' Rennwagen trägt auch der neue Roadster riesige Kiemen an der Flanke, die Motorhaube erhält einen markanten Lufteinlass, und hinter den Insassen ragen Höcker auf, die die Luft ableiten und als Überrollbügel fungieren.
Noch werden bei McLaren im britischen Woking die letzten konventionellen Roadster mit Stoffdach gebaut, dann stellen die Werker die Fertigung final um und montieren von Juni bis Dezember die 75 Stirling-Moss-Varianten, bevor endgültig Schluss ist. Für die Zukunft plant Mercedes mit dem SLS das Comeback des Flügeltürers; McLaren wiederum will einen Nachfolger des legendären F1 bauen. Zuvor aber dieses letzte gemeinsame Projekt. SPIEGEL ONLINE hat jetzt die Gelegenheit zu einer kurzen Ausfahrt in der rasenden Sternschnuppe.
Auffallen um jeden Preis - der SLR bietet genau das
Obwohl Antriebstechnik und Fahrwerk gegenüber Coupé und Roadster nahezu unverändert sind, ist das Fahrgefühl im Stirling Moss vollkommen anders: Man kann endlich in alle Richtungen schauen und fühlt sich ein bisschen so wie ein Formel-1-Fahrer beim Start. Allerdings steht man in diesem Auto auch ebenso unter Beobachtung: Selbst nackt in einer rasenden Badewanne würde man kaum mehr Blicke auf sich ziehen.
Aber nicht nur der Fahrtwind und das 360 Grad weite Panorama machen den Unterschied, sondern auch am Lenkrad merkt man die Veränderung. Weil die Karbonflunder rund vier Zentner abgespeckt hat und jetzt nur noch 1500 Kilo wiegt, tut sich der Fahrer sehr viel leichter mit dem gut zwei Meter breiten Donnerkeil. In Kurven lenkt das Auto noch williger ein, und die Keramikbremsen bringen den Wagen vehement zum Stehen. Und schneller als der normale SLR ist der Typ Stirling Moss natürlich auch: 650 PS und 820 Nm ergeben einen Sprintwert unter 3,5 Sekunden, und das Spitzentempo klettert auf 350 km/h - schneller war ein Mercedes in Kundenhand noch nie.
Ein Auto mit dem Fahrgefühl von tausend Nadeln
Mit Genuss haben solche Geschwindigkeiten allerdings nichts mehr zu tun: Solange die Sonne scheint und man gemächlich fährt, ist die Ausfahrt mit dem SLR Stirling Moss tatsächlich ein Vergnügen. Doch kaum kündet das Bollern des Achtzylindermotors von zunehmender Geschwindigkeit, wähnt man sich im Orkan. Der Fahrtwind zerrt an Haaren und Wagen, Regentropfen wirken wie Nadelstiche, Mücken schmerzen wie Schrotkugeln. Und das oberste Gebot heißt: stets den Mund geschlossen halten.
Obwohl der SLR Stirling Moss das teuerste Auto der Republik ist und mit 892.500 Euro etwa so viel kostet wie 24 Modelle vom Typ SLK, macht der Wagen Mercedes nicht reich. "Wir kommen zwar auf unsere Kosten, aber Geld verdienen kann man mit so einer Sonderserie nicht", sagt Barthelmes. Mehr erfährt man nicht zu diesem Thema, das ein heikles ist. Denn seit Mercedes bei der Präsentation Ende 2003 von 3500 Autos in sieben Jahren träumte, gilt der SLR zahlreichen Kennern als Flop, der weit hinter den Erwartungen zurückblieb. In Stuttgart wiederum spricht man von einer Erfolgsstory und begründet dies mit den insgesamt rund 2200 verkauften Exemplaren, die den Wagen aus Mercedes-Sicht zum "meistverkauften Supersportwagen seiner Zeit" machen.
Alle Sondermodelle sind schon verkauft
Die 75 Stirling-Moss-Modelle jedenfalls sind längst verkauft. Für das Projekt mit dem internen Code Z 199 haben sich auch die Entwickler noch einmal ins Zeug gelegt. Weil die Höchstgeschwindigkeit ohne Spoiler erreicht werden sollte, wurde lange an der Aerodynamik gefeilt werden. "Deshalb gibt es bei der Karosserie kein einziges Gleichteil", sagt Barthelmes, "selbst die Außenspiegel mussten wir ändern." Für den Schutz der Passagiere wurden die Überrollbügel vergrößert, die Elektronik ist gegen Regen gewappnet, die Mittelkonsole ist komplett umgestaltet, und weil der SLR kein Radio mehr hat und deshalb keine Antenne braucht, ist jetzt auch der Heckdeckel aus Karbon.
Ein Problem blieb bei der Entwicklung jedoch ungelöst. "Wir wollten von unseren Spezialisten wissen, wie wir das Autogramm von Stirling Moss so ins Auto bekommen, dass es für immer hält", sagt Barthelmes. Die Lösung: Auf dem Mitteltunnel findet sich nun eine Gravur des Namenszugs. "Zusätzlich erhält jeder Kunde ein Dokument mit der Signatur von Stirling Moss", verspricht Barthelmes. Der mittlerweile 79jährige Renn-Rentner wird also demnächst zum Füller greifen müssen.
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