Aus Portimão berichtet Jochen Vorfelder
Wie passend, dass BMW Motorrad nicht weit von Capo Sao Vicente sein Supersport-Modell S 1000 RR vorstellt. Mit diesem Modell soll Geld verdient werden, in einem für die Bayern bisher unerreichten Neuland.
Der Supersportler-Markt ist ein Haifischbecken, in dem sich die vier Hersteller Honda, Yamaha, Suzuki und Kawasaki tummeln. Sie haben bisher im Kampf um Marktanteile noch jeden Eindringling verscheucht. Das Segment lohnt sich: In guten Jahren - die nach der Branchenkrise wieder kommen sollen - werden jährlich bis zu 90.000 Stück der PS-Boliden abgesetzt.
Für BMW ist die Klasse der Supersportler bisher unkartiertes Weißwasser-Gebiet. Doch mit der S 1000 RR haben die Bayern jetzt volle Segel gesetzt. Stefan Zeit, dem jungen Projektleiter, ist der Stolz über das Produkt bei jedem Satz anzumerken. Er hatte mit seinem Team nur vier Jahre, um das neue Flaggschiff in Fahrt zu bringen.
Zeit sagt: "Alle haben die Augenbrauen gehoben, als BMW den Hut in den Ring geworfen hat. Da wussten wir: Unser erster Schuss muss sitzen." So viel sei hier schon einmal vermerkt: Er sitzt, der Schuss. BMW hat bei Null angefangen und den stärksten Motor und das beste Fahrwerk der Klasse abgeliefert.
Rollender Elektronikfachmarkt
Auf den ersten Blick wirkt die S 1000 RR wie eine Kopie der Konkurrenz-Racer, der Fireblades dieser Welt: kompakt, gedrungen, voll verkleidet, getrimmt auf optimale Leistung, geeignet für sportliche Performance. Der Unterschied liegt im Detail: Der wassergekühlte BMW-Vierzylinderreihenmotor mit Titaninnereien wiegt nur knapp 60 Kilogramm, aber leistet 193 PS bei 13.000 Umdrehungen und setzt mit diesem Spitzenwert ein erstes Ausrufezeichen.
Das Herzstück des Fahrwerks besteht aus einem Aluminiumbrückenrahmen; die Führung des Hinterrads übernimmt eine lange, beidseitige Schwinge, die aus einer Gussunterschale und verschweißten Aluminiumblechen gefertigt wird. Am Vorderrad wird die S 1000 RR von einer Upside-down-Gabel mit 46 mm-Standrohren und einer Brembo-Doppelscheiben-Bremsanlage in der Spur gehalten.
Die wahren Werte der Maschine sind allerdings nicht zu sehen: Sie verstecken sich in den unscheinbaren elektronischen Bauteilen und Steuerungselementen, mit dem der BMW-Supersportler bestückt ist. Die Bremsen werden von einem nur 2,5 Kilogramm schweren BMW Race ABS gesteuert - als Sonderausstattung, man muss ja Geld verdienen. Der ABS-Nutzungsgrad und die Feinjustierung werden automatisch auf das Wirken des zweiten elektronischen Helfers an Bord, der Traktionskontrolle DTC, abgestimmt.
Die DTC, die von den ABS-Sensoren und einem speziellen Schräglagen-Fühler mit Steuerdaten versorgt wird, ist über eine einzige Taste an der rechten Gas-Armatur zu bedienen. Ein Klick, und der Pilot kann auch während der Fahrt vier Abstimmungsmodi anwählen: Für den Straßenbetrieb sind der "Rain"-Modus, bei dem die Leistung auf 150 PS gedrosselt und mit einen sanfteren Einsatz des Motors kombiniert wird, und der agilere "Sport"-Modus vorgesehen.
Wer die S 1000 RR auf der Rennstrecke bewegen will, kann zwischen "Race" und "Slick" wählen - der letztere Abstimmungsmodus gibt die Fahrerbefehle ungeschminkt an die Kraftmaschine weiter und lässt optimale Rundenzeiten zu. Wer es ganz hart mag, mit dem Vorderrad Bremsspuren malen will und auf Seitenabdrift wegen ausbrechendem Hinterrad steht, kann beide elektronischen Systeme abschalten.
Das Sofa unter den Supersportlern
Die S 1000 RR ist für BMW ein Business Case mit sauber kalkulierten Investitionen, einem Break-even-Punkt und einer fest umrissenen Laufzeit. Dabei wird so wenig wie möglich dem Zufall überlassen. Der Projektleiter Stefan Zeit weiß deshalb auch, dass nur 20 Prozent der 2.000 bereits bestellten und den zukünftig verkauften Maschinen auf der Rennstrecke laufen werden. Der Rest geht an Fahrer, die den Supersportler auf öffentlichem Geläuf, auf der Autobahn und auf Landstraßen, bewegen werden. Also Fahrer wie mich.
Was haben wir von einem Geschoss zu erwarten, das direkt von BMWs Factory Racer aus der Superbike-Rennserie abstammt? Auf einer 300 Kilometer langen Rundfahrt durch das Umland der Rennstrecke Portimão hat die S 1000 RR angenehm überrascht. Langsame Schleichfahrten sind möglich, und die Ergonomie - soweit man solche von einem Supersportler erwarten kann - stimmt auch für hoch aufgeschossene Piloteure.
Auf halber Strecke der Rundfahrt, unten an Columbus' Capo de Sao Vicente, sind alle noch ganz locker. Kein übliches Kniezwicken, keine Verkrampfungen. Auch Stefan Zeits Miene ist völlig entspannt, als er aufs offene Meer hinausspäht. BMWs neues Flaggschiff ist unterwegs. Jetzt muss es nur noch Land und Gold finden.
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