Von Tom Grünweg
Wer ihn sieht, guckt gleich noch einmal hin - und kann sich vermutlich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn derlei Formen hat man noch nie gesehen. Der Nissan Juke ist kaum größer als ein VW Polo, bläht sich aber auf, als sei er ein bulliger Geländewagen mit Rennauto-Genen.
Der 4,14 Meter lange Viertürer mit den weit in die Mitte gerückten Scheinwerferaugen, dem vermeintlich kopfüber angebrachten Kühlergrill und den unkonventionellen Rückleuchten wirkt überzeichnet wie eine Designstudie - ist jedoch ein Serienmodell. Ab Oktober soll das Auto der Renault-Schwestermarke Nissan auf den deutschen Markt kommen. Der Preis des kleinen Bruders des Qashqai ist selbstbewusst kalkuliert. Das billigste Modell gibt es für 16.990 Euro. Für das Geld könnte man auch einen VW Golf oder einen Opel Astra kaufen - doch die sehen längst nicht so cool aus.
Der schräge Look setzt sich auch im Innenraum des Juke fort. Zwischen den vorderen Sitzen ist eine Mittelkonsole in Form eines liegenden Baumstamms platziert, die in manchen Varianten poppig bunt lackiert ist. Das Armaturenbrett ist weich geschwungen, über den Cockpit-Instrumenten schwebt ein Dach, geformt wie die Flügel einer Fledermaus.
Leider ist die Materialauswahl nicht annähernd so phantasie- und liebevoll wie das Design. Graue Kunststoffe bestimmen das Bild. Außerdem ist der Wagen nicht besonders geräumig. Auf den vorderen Plätzen sitzt man noch ganz ordentlich, aber im Fond muss man schon arg die Knie anziehen und sollte hinten besser nicht zu dritt einsteigen. Der Kofferraum dagegen ist mit 251 Litern annehmbar - zumal es im Souterrain noch ein zweites Staufach für Kleinkram gibt.
Unterm mit Verve geformten Blech sitzt Standardtechnik
Der von Nissan formulierte Anspruch an den Wagen ist riesig. "Der Juke belebt den Markt durch einen Schuss Abenteuergeist. Er offeriert etwas radikal Neues im traditionellen Segment der Kleinwagen", behauptet Pierre Loing, oberster Produktplaner bei Nissan Europa.
Das ist freilich vor allem Marketing-Poesie. Denn unter der Oberfläche bietet der Juke lediglich biedere Hausmannskost, die aus den Baukästen der Kleinwagen Renault Modus und Nissan Note stammt. Als Motoren stehen ein 1,6-Liter großer Benziner mit 117 PS und ein 1,5-Liter-Diesel mit 110 PS parat.
Obwohl das Auto auf Geländewagen macht, gibt es den Juke mit diesen beiden Motorisierungen ausschließlich mit Frontantrieb. Der interessantere Motor ist der 1,6 Liter große Benzin-Direkteinspritzer mit Turbo. Der bringt es auf 190 PS und wird auf Wunsch auch mit Allradantrieb angeboten.
Mit dem Topmotor kostet der Wagen mehr als 25.000 Euro
Der Haken an dieser Kombination: Der Preis des Wagens klettert dann auf happige 25.620 Euro, und zudem gibt es diese Version nur mit einem stufenlosen Automatikgetriebe. Auf dem japanischen Markt mag das ja ein Renner sein, aber in Europa sind solche Räderwerke mit immanentem Gummizug-Effekt nie richtig akzeptiert worden.
Deshalb dürfte für die hiesige Kundschaft der Diesel die beste Wahl sein. Der Motor ist kultiviert und laufruhig und hat mit 240 Nm allemal genug Kraft für den 1,3 Tonnen schweren Juke. In Kombination mit einem gut gestuften Sechsgang-Schaltgetriebe beschleunigt die Maschine den Wagen in 11,2 Sekunden auf Tempo 100 und macht eine Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h möglich. Der Normverbrauch von 5,1 Litern ist jedoch graue Theorie - wenn man dem Bordcomputer glauben darf, gönnt sich der Motor bei zügiger Fahrt locker drei Liter mehr.
Moderne Spritspartechnik fehlt dem Hipster
Zwar bietet Nissan - anders als Konkurrenten wie Mini oder VW - weder ein Start-Stopp-System, noch eine Bremsenergierückwinnung an. Doch eine kleine Innovation hat Nissan in den gehobenen Modellvarianten immerhin parat: Sie heißt Dynamic Control System. Über ein paar Tastenklicks auf dem witzig gestalteten Bordmonitor kann man damit den Charakter des Autos verändern. So richtig groß sind die Unterschiede nicht, doch wer etwa "Sport" wählt, braucht danach etwas mehr Kraft am Lenkrad und erreicht bei den Automatikgetrieben höhere Drehzahlniveaus. Und im "Eco"-Modus läuft zumindest die Klimaanlage auf Sparflamme und hilft so ein wenig beim Spritsparen.
Beim Fahren eher unauffällig, ist der Nissan Juke beim Abstellen überall ein Hingucker. Das wird noch ein Weilchen so bleiben, denn in den letzten drei Monaten dieses Jahres Jahr plant Nissan den Absatz von nur 2300 Autos in Deutschland. Zumindest 2010 ist der Wagen damit im Straßenbild ein echter Exot.
Auf anderen Social Networks posten:
Die hässlichste und geschmackloseste Karre, die jemals gebaut wurde. Die A-10 Thunderbolt der Straße. Eine Beleidigung für jedes ästhetisch geschulte Auge. Für das Ding sollte es definitiv eine Sondersteuer geben. mehr...
Das letzte deutsche Auto, das vom Design her interesnt war war der Opel Tigra. Seit dem nicht viel passiert, langweilige Autos für Langweiler, die mit dezenter Eleganz (Lesart: Feigheit) bestechen. Nissan weiter so! mehr...
So jetzt habe ich ihn! Erste Eindrücke: ganz schön harte Federung, trotz des insgesamt "durchgestylten" Innenraums auch einige billig erscheinende Teile, wie die Innenleuchten, Zündschloss (sieht sogar ausgesprochen [...] mehr...
Seit Oktober sind 45000 Jukes ausgeliefert worden. Bestellt sind noch wesentlich mehr. Mein im November 2010 bestellter 4x4 kommt frühestens im Mai 2011. Soviel zum Thema Flop.. mehr...
Danke für diese Einschätzung! :-) Ich selber mochte auch sehr den Fiat Multipla (ohne ätzendes Facelift) und sehe den auch heute noch gerne auf der Strasse. Zu meiner Zeit war der "rote Golf" (II) ein geflügeltes [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Tests | RSS |
| alles zum Thema Fahrberichte | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH