Von Tom Grünweg
Der Toyota Land Cruiser brachte uns die Welt ins Wohnzimmer: Fast immer, wenn TV-Reporter, Forscher und Abenteurer in die wilden Flecken des Globus vordrangen, waren sie mit einem Auto diese Typs unterwegs. Selbst als Geländewagen auf öffentlichen Straßen noch exotisch waren und kein Mensch ahnte, was ein Sports Utility Vehicle ist, hatte Fernsehdeutschland schon ein ziemlich konkretes Bild dieses urtümlichen Allradautos vor Augen. In anderen Ländern war es ähnlich, und Toyota wusste die Popularität des Autos beim Export geschickt zu nutzen. Der Land Cruiser wurde zur weltweiten Allrad-Ikone - und verkaufte sich besser als jeder andere Wagen dieser Art. Mehr als sechs Millionen Exemplare wurden in den vergangenen 60 Jahren gebaut - und viel spricht dafür, dass die Geschichte noch lange fortgeführt wird.
Der Stammbaum der Baureihe ist inzwischen ähnlich fein verästelt, wie der des japanischen Königshauses. Doch zumindest der Anfang ist klar markiert: Die Geschichte begann im Jahr 1951 mit dem "Toyota Jeep BJ", den die Japaner für eine Ausschreibung des US-Militärs bauten. Konstruiert auf einem Leiterrahmen, mit Starrachsen und Blattfedern, zuschaltbarem Allradantrieb und einem Reihensechszylinder ging das Modell kurz drauf in gleich fünf Varianten in Serie. Erst hieß der Wagen BJ, ab 1954 wurde er zum Land Cruiser und startete in Pakistan und Saudi Arabien seine internationale Karriere. Bereits 1955 erfolgte eine Überarbeitung, fortan hieß das Auto Land Cruiser 20 und eroberte die USA, Südamerika, Afrika und weite Teile Asiens.
So Richtig in Fahrt kam die Baureihe allerdings erst 1960 mit dem Land Cruiser 40, den Fans nur "J4" nennen. Mit dem leicht gerundeten Lego-Design, dem meistens weiß lackierten Dach und den eng beieinander liegenden Rundscheinwerfern war er es, der bei nahezu jeder TV-Reportage aus der Wildnis irgendwo im Hintergrund parkte und den Namen Land Cruiser zum Inbegriff des Abenteuermobils machte. Das Modell erarbeitete sich den Ruf des unverwüstlichen Fortbewegungsmittels, was auch daran gelegen haben mag, dass die J4-Generation erst nach 19 Jahren zaghaft modernisiert und schließlich bis 1986 gebaut wurde.
Die klassischen Modelle werden für bis zu 25.000 Euro gehandelt
Auch im bis in die hintersten Winkel asphaltierten Deutschland hat der Klassiker fürs Grobe, der ab 1977 offiziell ins Land kam, heute eine große Fangemeinde. Je nach Zustand und Alter werden diese Autos aktuell für Preise zwischen 5000 und 25.000 Euro gehandelt wird, sagt Land-Cruiser-Experte Alexander Wolfarth. Und wer einmal auf den winzigen Sitzen im schlichten Cockpit Platz genommen hat, kann das bestens verstehen. Selbst wenn man sich mit dem Allrad-Dinosaurier nur über einen ehemaligen Truppenübungsplatz wühlt, fühlt man sich wie Heinz Sielmann auf dem Weg durch die Serengeti.
Um den Toyota am dürren Lenkrad auf Kurs zu halten, muss man ordentlich zupacken. "Nicht umsonst heißt es Kraftfahrzeug", ruft Wolfarth bei der Testfahrt dazwischen. Leise Töne sind nicht gefragt, denn der 3,9 Liter große Reihensechszylinder klingt ziemlich asthmatisch. Doch die 125 PS und 284 Nm Drehmoment des Benziners reichen dicke, um den Wagen über Stock und Stein zu treiben. Vorsicht ist jedoch geboten, denn manchmal schlägt das Lenkrad abrupt aus und bricht leichtsinnigen Fahrern fast die Finger. Man hopst im Gelände in den Sitzen derart, das es öfter Berührungen mit dem Dach oder dem Überrollbügel unterm Softtop gibt. Und bei der Fahrt quer zum Hang muss man seinen Beifahrer schon mögen, so weit fällt man ihm entgegen. Andererseits werden so auch bescheidene Offroad-Ausflüge zum Abenteuer auf Rädern.
Toyota erkannte früh, dass der Bedarf an Expeditionsautos begrenzt und auch allein mit Militäraufträgen nicht genügend Geld zu verdienen ist. Deshalb führten die Produktplaner bereits 1967 den Land Cruiser 50 (J5) ein und machten den Allradler fit für den Alltag auf der Straße. Zum ersten Mal gab es jetzt einen Station Wagon mit erhöhtem Freizeit- und Nutzwert. An dieser Tradition hielt die Marke bis heute fest, weshalb auch in der aktuellen Generation zwei Modelle im Angebot sind: der Land Cruiser 200, der im internen Code J20 genannt wird, und den Land Cruiser 150, der entsprechend als J15 läuft.
Die neuen Typen sind luxuriöse Allrader - mit alten Offroad-Qualitäten
Auf den ersten Blick haben diese Autos mit dem Urahn bis auf den Namen nicht mehr viel gemein. Von Nutzfahrzeug sind sie zu Prunkschiffen mit Lack- und Leder-Ausstattung geworden, in denen Elektromotoren den Insassen jeden Handgriff abnehmen. Unter der Haube stecken Dieselmotoren mit bis zu acht Zylindern, 4,5 Litern Hubraum und 286 PS. Und auch der Preis ist längst nicht mehr bodenständig, zwischen 37.450 und 87.900 Euro kostet ein moderner Land Cruiser.
Wer mir dem Auto ausnahmsweise mal abseits der Straße fährt, erlebt dann doch so etwas wie Familentradition: Denn auch die aktuellen, feinen Land Cruiser wühlen sich zäh durch den Dreck - wie die rustikalen Vorfahren. Bedeutete das früher noch richtig Arbeit für den Menschen am Lenkrad, kann sich der Fahrer jetzt gelassen im Ledersitz lümmeln und die Offroadpartie auf dem Monitor der vier On-Board-Kameras verfolgen. Auch in schwerem Gelände nämlich lässt sich ein Land Cruiser heute mit dem kleinen Finger dirigieren.
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