Alfa Romeo Spider, Baujahr 1984 Die Gummilippe

Italienische Autos haben hierzulande nicht den besten Ruf, doch wenn es um Sportwagen geht, stehen sie in der Gunst ganz oben. Was passiert, wenn man als Deutscher mit einem 22 Jahre alten Alfa Spider nach Italien tuckert, weiß SPIEGEL-ONLINE-Leser Oliver Klöpfel.


Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch viel älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Oliver Klöpfel aus Stuttgart über seinen Alfa Romeo Spider 2.0 aus dem Baujahr 1984.

Oliver Klöpfel:
Vor anderthalb Jahren nahm ich einen Job als Vertriebsmitarbeiter an, seelenlosen Firmenwagen inklusive. Nun fuhr ich also höchst unzufrieden ein Auto, von dem andere träumen - allerdings kam ein dieselnder Mittelklasse-Kombi bei mir nur in Albträumen vor. Und dann war da noch die Ein-Prozent-Regel zur privaten Nutzung von Firmenwagen. Ein befreundeter Steuerberater überschlug kurz, dass dieses mir verhasste Modell auch noch rund 1500 Euro jährlich von meinem Konto saugte. Das war zuviel. Ein Privatwagen musste her. Gleichzeitig stellte meine Verlobte den Besitz ihres Autos in Frage, weil sie kaum noch damit fuhr.

Ich ersann folgenden Plan: den Wagen der Verlobten verkaufen, preiswerten Oldtimer mit H-Kennzeichen anschaffen, beim Finanzamt als Privatwagen angeben und unterm Strich Geld sparen. Hinzu sollte der Spaß an einem alten Fahrzeug mit viel Chrom und ohne integrierte Supercomputer kommen. Soweit, so vernünftig. Also hielten wir fortan nach traumhaft günstigen Traumautos Ausschau. Opel Kadett B Coupé, Manta A oder Rekord C Coupé, Ford Capri, Knudsen-Taunus oder Knochen-Escort waren die Favoriten. Immer noch sehr vernünftig, denn das sind zuverlässige, alltagstaugliche Autos mit geringen Anschaffungskosten.

Wochenlang suchten wir Abend für Abend im Internet. Oft waren sehr interessante Modelle dabei – aber immer waren sie 500 Kilometer oder weiter entfernt. Es war ein Frust. Bis eines Tages in unserer Suchmaske ein Alfa Spider auftauchte. Meine Verlobte war gleich begeistert, und ich als Ex-Cabrio-Besitzer bekam einen sonderbaren Glanz in den Augen.

Der Spider-Verkäufer erwies sich als unseriös, aber die Idee, ein bisschen mehr Geld für ein schönes Cabrio auszugeben, war gefestigt. Ein bisschen mehr bedeutet konkret 6000 bis 8000 Euro für ein gutes Modell mit mindestens 30 Jahren auf dem Faltdach-Buckel. Die Unvernunft hatte der Vernunft eine erste schwere Niederlage beigebracht, und es sollte nicht die letzte sein. Trotzdem war dieser Preis eindeutig zu hoch.

Sämtliche Armaturen zeigten Phantasiewerte

Die weitere Recherche ergab, dass die ungeliebte "Gummilippe", der Alfa Spider aus den achtziger Jahren mit dem Plastik-Heckspoiler, erschwinglich war. Allerdings entfiel mit diesem Modell der Oldtimer-Steuervorteil: satte 420 Euro Steuern für ein Auto ohne Kat und doppelten Boden. Zumindest die Versicherung war immer noch sehr günstig, ein schwacher Trost. Zudem kann man bei einem alten Italiener wirklich nicht von zuverlässigem Alltagsauto sprechen. Wieder musste die Vernunft ein herbe Niederlage einstecken.

Denn zwei Wochen später holten wir unsere "Gummilippe" ab. Der Wagen hat ein Fahrwerk, das bei jeder Bodenwelle mit dem Hintern wackelt und zuverlässig jede Bodenrille findet. Das Glas des rechten Außenspiegels suchte sich während der ersten Fahrt über 140 km/h ein neues Zuhause auf dem Standstreifen, das Glas der Fahrerseite verspürte bald Sehnsucht und folgte seinem Pendant. Der Motor sprang im warmen Zustand nur widerwillig an, und sämtliche Armaturen zeigten Phantasiewerte. Wozu braucht man eigentlich eine weiße Rückfahrleuchte? Unsere tat nicht. Zudem: Einmal Verdeck schließen und/oder Einparken ersetzt den Kraftraum.

ABER: Dieses Auto hat einen Motor mit feinster Renntechnik und Weber-Vergaser, einen Sound, der jede Hi-Fi-Installation überflüssig macht. Zwei Liter Hubraum mit 124 PS (auf dem Papier) und ausreichend Drehmoment reichen für die Formulierung "hängt gut am Gas". Das Interieur stammt noch aus den siebziger Jahren, so dass man beim Blick auf zwei chromverzierte Rundinstrumente ein geschüsseltes Holzlenkrad in der Hand hält. Die Kunstledersitze sehen gut aus, und es wird einem nie kalt. Ein Besuch in der Alt-Alfa-Spezialwerkstatt steigerte den Anschaffungspreis um ein Drittel, die Vernunft zuckte ein letztes Mal kurz - und ging dann von uns.

Dann kam die Fußball-WM. Unzählige deutsche Fans im Siegesrausch standen rund um unseren Wagen in Gummi-vernebelter Luft an den Ampeln und jubelten uns zu, denn mit einem Auto ganz ohne Elektronik kann man halt noch einen richtigen "Burnout" in den Asphalt brennen. Dann kickten uns die Italiener aus dem Halbfinale, und wir fuhren in den lang geplanten Urlaub nach - Italien. Es folgten viele "Smalltalks" am Wegesrand, denn die Einheimischen wollten nicht glauben, dass ausgerechnet Deutsche mit einem ihrer Lieblingsmodelle ins Land kamen. Tenor: "Wir sind froh, wenn wir uns ein deutsches Auto kaufen können - und Ihr kommt mit 'nem Alfa an?"

"Bella macchina" wird schlafen gelegt

Ich begann zu verstehen, warum der Fiat-Konzern kurz vor der Pleite stand. Die Nettigkeiten indes nahmen keine Ende: Eine Werkstatt führte eine kurze Kontrolle des Differentialgetriebes gratis aus. Ein Geschäftsmann spendierte nach einem Blick auf den Motor den morgendlichen Cappuccino. Diverse Rollerpiloten nickten anerkennend. Die Dorfälteste in unserem Ferienort, ein Tankwart und ein Fußgänger konnten sich ein herzliches "bella macchina!" – "schönes Auto!" – nicht verkneifen. Jeder dieser kurzen Dialoge war ein echtes Vergnügen.

Nun ist es wieder Herbst, und spätestens mit dem ersten Schnee wird "bella macchina" schlafen gelegt. Im Winter wird dann doch Musik eingebaut und vielleicht das Dach erneuert.

Und wenn ganz viel Zeit ist, werde ich wohl doch mal das Getriebe ausbauen und den Schalter für das Rückfahrlicht austauschen.



insgesamt 4 Beiträge
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Hagbard 24.10.2006
1.
---Zitat von sysop--- Der Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Alfa-Romeo-Modellen? ---Zitatende--- Warum die Einschränkung auf Alfa? Sollen sich die Alfa-Fahrer besonders oder exclusiv angesprochen fühlen? Oder dürfen andere auch? Für den Fall, dass letzeres zutrifft: Ich fahre einen zehn Jahre alten 523iA, bin weitestgehend zufrieden und denke nicht daran, Geld für ein anders Auto auszugeben. Die Werkstattkosten halten sich in erfeulich überschaubarem Rahmen. Davor hatte ich einen 524 tdA, der im Alter von 11 Jahren eine Konfrontation mit einem Sharan nicht überstanden hat. Sonst hätte ich den wohl noch. lg H.
Cucumis, 24.10.2006
2. Alfa mein Romeo
---Zitat von sysop--- Der Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Alfa-Romeo-Modellen? ---Zitatende--- Ich kann eine solche Dominanz alter Modelle nicht bestätigen - ich habe eher das Gefühl auf der Strasse nur von Neuwagen umgeben zu sein. Vor allem von sogenannten SUVs. Bis vor kurzem war auch ich zufriedener Besitzer eines 'alten' Peugeots, mußte ihn dann allerdings nach 9 Jahren wegen anstehender massiver Reparaturen abgeben. Ich bin zur Zeit zufriedener Besitzer eines (neuen) Alfas, aber die heutigen Autos kommen mit dem direkten Fahrgefühl und der technischen Einfachheit früherer Modelle nicht mit. Ich denke immer noch mit Wehmut an die Agilität des Golf I - da reichten 75 PS für den Fahrspass völlig aus. Daher - mein nächster wird wieder ein Alter - da ich nicht viel fahre brauche ich auch kein 'PS-Monster'. Und ich glaube es wird ein Alfa Kantenhauber ...
bik, 02.11.2006
3. Mir glaubt keiner...
Mir glaubt keiner, der meinen Alfa 166 2.4jtd, Bj. 1999, sieht, dass dieser fast 400.000 km hat!
Lempa, 16.11.2006
4.
---Zitat von sysop--- Der Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Alfa-Romeo-Modellen? ---Zitatende--- Hallo, meine Erfahrungen mit alten Alfa Romeo sind gut. Warum auch nicht? Alt werden die nur mit entsprechender Pflege/Wartung, wie andere Autos auch. Also, kein Problem. Aktuell Alfa 156 2.0 TS mit ca. 250000 km. Also, alles easy.
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