Aston Martin Cygnet: Ein Kleinwagen für James Bond?

Aston Martin testet die Schmerzgrenze der Reichen: Für ihren Kleinstwagen Cygnet statten die Briten einen iQ von Toyota mit Leder und ein paar schmucken Karosserieverzierungen aus - und fordern dafür fast 38.000 Euro. Doch der Unterschied zum Original rechtfertigt den Aufpreis nicht.

Aston Martin Cygnet: Drei Meter für den großen Auftritt Fotos
Tom Grünweg

James Bond im Kleinstwagen - auf den ersten Blick erscheint die Vorstellung gar nicht so abwegig. Immerhin tritt der weltberühmte Geheimagent regelmäßig gegen Gegner an, die ihm mit drückend überlegener Ausrüstung bedrängen. Mit einem winzigen Hubschrauber zum Beispiel setzte er eine ganze Armada von Waffenstarrenden Helikoptern außer Gefecht ("Man lebt nur zweimal") und in "In tödlicher Mission" entkommt er einer Gruppe von Killern sogar mit einem Citroën 2CV.

Aber im Aston Martin? Mit nur etwas mehr als drei Meter Länge, lediglich 1,3 Litern Hubraum und 98 PS? Man darf gespannt sein, ob sich die Filmemacher das trauen. Dafür fehlt dem Auto einfach der Macho-Faktor.

Trotzdem hat der neuen Cygnet einiges zu bieten. Schon der Preis von knapp 40.000 Euro katapultiert ihn direkt in die exklusivsten Zirkel. Dieser Aston Martin ist ganz anders und daher vielleicht das interessanteste Fahrzeug, das die britische Nobelmarke in den vergangenen Jahren auf den Markt brachte.

Während andere Hersteller nur die Motoren verkleinern, stellt Aston-Martin-Chef Ulrich Bez den Sportwagen der Marke einen Kleinwagen zur Seite. Das drückt den Flottenverbrauch in der Welt der Acht- und Zwölfzylinder-Boliden, poliert das Image, erhöht die Stückzahlen und bindet Kunden an die Marke, die für den Stadtverkehr bislang zu Autos anderer Hersteller griffen.

Selbst entwickelt ist das Auto freilich nicht. Als Basis dient der Kleinstwagen Toyota iQ, den Bez - so will es die Legende - seinem Männerfreund Akio Toyoda beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring quasi in der Boxengasse abgeschwatzt hat. Jetzt wird aus dem 12.050 Euro teuren Toyota iQ binnen 150 Stunden Handarbeit im Aston-Martin-Werk Gaydon ein luxuriöses Stadtwägelchen im Aston-Martin-Look. Der Cygnet hat den klassischen Aston-Martin-Kühlergrill, auf der Motorhaube gibt es Kühlrippen, und natürlich trägt der Winzling die bekannten Kiemen im Kotflügel. Das Firmenlogo ist beim Cygnet sogar noch größer, als bei allen anderen Modellen. "Das ist wie bei einem Baby, da ist der Kopf im Verhältnis zum Körper auch größer als bei einem Erwachsenen", sagt Unternehmenssprecherin Manuela Höhne.

Nur am Kleingedruckten erkennt man noch die wahre Herkunft

Auch innen wird der Toyota komplett ausgeschlachtet und danach veredelt. So stecken in dem Kleinwagen neben Karbon, Aluminium und literweise Klavierlack beispielsweise auch die Häute von bis zu sechs Rindern - denn nicht nur Sitze, Armaturenbrett, Lenkrad, Himmel und Türtafeln in mit Leder bezogen, sondern auch die Gurtschlösser tragen eine Lederhülle.

Dass man letztlich doch kein anderes Auto fährt als einen Toyota iQ, erkennt man an ein paar ebenso großen wie billigen Plastikflächen, zum Beispiel rund um die Instrumente und auf der Oberseite der Armaturentafel, die beim Beledern vergessen wurden. Auch die Linienführung der Mittelkonsole hat sich nur geringfügig geändert. Abgesehen von dem opulenten Leder-Aroma ist daher vom Aston-Martin-Stil nicht viel zu sehen. Wer den originalen iQ kennt, findet hier doch eine irgendwie vertraute Umgebung.

Ein bisschen Aufschneiderei geht auch mit dem Cygnet

Auch im alltäglichen Straßenverkehr ist der Cygnet eine Übung in Bescheidenheit für typische Aston-Martin-Fahrer. Ganze 11,8 Sekunden nimmt sich der Kleinstwagen Zeit, um auf Tempo 100 zu beschleunigen. Schmerzhafter noch ist der Verzicht auf den Sound eines großvolumigen Triebwerks. Das dunkle Wummern, das Kraft und Schwere suggeriert, fehlt völlig. Der kleine Vierzylinder müht sich redlich, nicht aufzufallen und röchelt nur ganz leise. Aber genau diese etwas rachitisch anmutende Geräuschkulisse ist es, die Kleinwagengefühle auslöst. Vorteil der Bescheidenheit: Der Normverbrauch liegt bei 5,1 Liter. Ein Auto wie der Aston Martin Rapide verbrennt glatt die dreifache Menge.

Auch das Fahren selbst und die Haptik erinnern allzu sehr an das Original. Gemessen an den direkten Konkurrenten gehen Fahrleistungen und Komfort zwar völlig in Ordnung - nur spürt man eben allzu deutlich, dass es kein Aston Martin ist, den man da fährt. Gangwechsel, Lenkung und Schalter arbeiten leichtgängig und spielfrei, doch wenn man die Augen schließt und die Chromrähmchen nicht sieht, bleibt doch nur der Kleinstwagen iQ übrig.

Trotzdem funktioniert der Etikettenschwindel bei unserer Testfahrt perfekt. Der Concierge der Nobelherberge zwischen den Bankentürmen legt beim Cygnet ein devotes Lächeln auf und öffnet dem Fahrer freundlich die Tür. In der vornehmen Goethestraße machen die Verkäuferinnen in froher Umsatzerwartung große Augen, und vor dem In-Italiener stellt der Parkservice den Zwerg zwischen einen Porsche Panamera und eine Mercedes S-Klasse.

Aber genau dafür ist der Cygnet ja gedacht - als eine Art nobler Einkaufswagen. Weil man sich mit einem Supersportwagen im Stadtverkehr immer ein wenig unwohl fühlt, soll das kleine Modell den Stadtflitzer der Oberen Zehntausend geben. Firmenchef Bez nennt den Cygnet das Beiboot zur Luxusjacht, worauf ja schon der Name anspielt: Cygnet ist das englische Wort für einen kleinen Schwan. Ursprünglich sollte das Auto nur an Kunden verkauft werden, die bereits einen großen Aston Martin besitzen. Das wurde verworfen. Die Folge: "Jeder vierte Cygnet-Käufer kommt von einer anderen Marke", sagt Unernehmenssprecherin Höhne.

Ein prima Stadtauto mit mickrigem Gepäckraum

Für den Einsatz zwischen Boutique, Bar und Beauty-Salon ist der Cygnet gerüstet. Aufgrund des kleinen Wendekreises von acht Metern ist er ungeheuer handlich; bei kaum mehr als drei Metern Länge findet man überall einen Parkplatz; und 98 PS sowie 170 km/h Höchstgeschwindigkeit sind auch in Ordnung. Fürs Power-Shoppen ist der Cygnet jedoch wegen des klitzekleinen Kofferraums denkbar schlecht geeignet. Aber die wirklich exklusiven Geschäfte liefern das Zeug bestimmt nach Hause ohne mit der Wimper zu zucken.

Natürlich darf man ein Auto wie den Cygnet nicht nur mit rationalen Maßstäben messen. Dann würde man ja gleich den iQ, einen Smart oder einen Mini kaufen. "Wir sehen im Cygnet weniger ein Auto als ein Accessoire", sagt Sprecherin Höhne. Die Rechnung scheint aufzugehen: Laut Höhne sind bereits 400 Autos bestellt, die Mehrzahl von deutschen Kunden. Für Aston Martin mag das viel sein - im Straßenbild jedoch wird auch dieser Wagen eine Ausnahmeerscheinung bleiben.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Aston Martin
Typ: Cygnet
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Benziner
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.329 ccm
Leistung: 98 PS (72 kW)
Drehmoment: 125 Nm
Von 0 auf 100: 11,8 s
Höchstgeschw.: 170 km/h
Verbrauch (ECE): 5,1 Liter
CO2-Ausstoß: 116 g/km
Kofferraum: 32 Liter
umgebaut: 238 Liter
Preis: 37.995 EUR


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