Autogramm Aston Martin DB11 Neustart mit 608 PS

Nach Jahren kreativer Pause stellt Aston Martin endlich wieder ein komplett neues Auto vor. Und was für eins: Der DB11 ist das Beste, was die Sportwagenmarke seit Langem gebaut hat.

Aston Martin

Der erste Eindruck: Vorne geil, hinten Keil - der DB11 ist ein Blickfang, der mit schlichten Linien überzeugt und sich jegliche Effekthascherei verkneift. Weder Spoiler noch Schweller verschandeln die Silhouette.

Das sagt der Hersteller: Für Aston-Martin-Chef Andy Palmer ist der DB11 das wichtigste Auto, das Aston Martin in den 103 Jahren seit Gründung der Firma auf den Markt gebracht hat. Nicht nur, weil es die erste Neuheit unter seiner Amtsführung und das erste Modell mit einer neuen Architektur ist, sondern weil mit dem Gran Turismo nach einer Phase der Ungewissheit und des Umbruchs nun ein Aufbruch folgt.

"Wir sind am Ende vom Anfang und starten jetzt richtig durch", sagt Palmer selbstbewusst. In jedem der kommenden Jahre soll auf Basis des DB11 ein neues Modell debütieren. 2017 der neue Vantage, 2018 der Vanquish-Nachfolger und 2019 das offensichtlich unverzichtbare Cross-Over-Modell, das bei Aston Martin das Kürzel DBX trägt.

Damit auch wirklich alles passt beim DB11, kümmert sich der Chef persönlich um die Autos. "Das darf man wörtlich nehmen", sagt Palmer und berichtet von einer Checkliste mit etwa 150 neuralgischen Punkten, die ihm bei Testfahrten aufgefallen sind. Die will er bei den ersten 1000 Autos persönlich kontrollieren. Eine von Palmer signierte Plakette soll für die Qualität bürgen - erst dann werden die Sportwagen ausgeliefert.

Das ist uns aufgefallen: Der DB11 aus der Feder von Designer Marek Reichmann sieht nicht nur zum Niederknien gut aus, dieser Aston Martin ist seit Langem mal wieder auf der Höhe der Zeit. Die Vorgänger verdeutlichten die Hilflosigkeit zwar exklusiver, aber eher kleiner traditioneller Autohersteller angesichts der rasend voranschreitenden Digitalisierung. Jetzt ist das Cockpit komplett animiert, über der Mittelkonsole thront ein vernünftiges Navigationssystem und die Bedienung per großem Rändelrad auf dem Mitteltunnel und Sensorfeldern gibt keine großen Rätsel mehr auf.

Mehr Details zum Aston Martin DB 11 im Video:

Tom Grünweg

Trotz solcher Digitalitäten ist der DB11 innen in einem klassischen Sinne elegant und luxuriös, ohne dass er zu dick auftragen würde. Er verströmt weder den eiskalten Technokraten-Charme eines Lamborghini Huracán noch die barocke Opulenz eines Bentley Continental. Und er passt wie angegossen. Zwar sind die beiden winzigen Sitzschalen im Fond weiterhin eine Zumutung, und die Sicht nach hinten ist katastrophal, doch vorn sitzt man so bequem, dass man mit dem Gran Turismo tatsächlich auf große Touren gehen kann.

Ganz ohne fremde Hilfe ist den Briten der Spagat zwischen Tradition und Moderne nicht gelungen. Die Elektronik stammt aus einem Deal mit Daimler. Die Schwaben haben sich mit fünf Prozent an Aston Martin beteiligt, liefern jetzt erst einmal Elektronik und Assistenzsysteme und in einem zweiten Schritt auch den V8-Motor von AMG für künftige Modelle. Aston Martin hat bei AMG jedoch tiefer ins Regal gegriffen, als es für ein Auto wie den DB 11 nötig wäre. Die 360-Grad-Kamera fürs bequemere Rangieren mag noch in Ordnung sein, doch eine elektronische Einparkfunktion ist bei einem Auto dieses Kalibers genauso überflüssig wie eine Start-Stopp-Automatik.

Was die Briten ganz allein verantworten, ist das faszinierende Fahrverhalten. Der DB11 fährt viel schneller und schärfer, als man ihm auf den ersten Blick zutraut. Das liegt an der Aluminiumkonstruktion, weshalb der Zwölfzylindersportwagen vergleichsweise leicht ist, an der im Heck positionierten Achtgangautomatik, was die Gewichtsverteilung ausgeglichener macht, und es liegt an einer ausgeklügelten Aerodynamik mit gezielten Verwirbelungen an den vorderen Radhäusern und im Kofferraumdeckel versteckten Luftkanälen, die das Heck anstelle eines Spoilers auf die Straße pressen.

Insgesamt wirkt der DB11 so ganz anders als seine Konkurrenten: Ihm fehlt das opernhafte Drama eines Ferrari, die fast schon peinliche Brutalität eines Lamborghini, und er wälzt sich auch nicht brachial wie ein Bentley voran. Vielmehr fühlt sich der DB11 auch bei rasanter Fahrweise an, als sei Tempo eine Selbstverständlichkeit. Fahrwerk, Antrieb und die elektrische Servolenkung können per Lenkradknöpfen nach dem persönlichen Geschmack justiert werden.

Das muss man wissen: Treibende Kraft des Spektakels ist ein nagelneuer Motor. Und zwar ein V12-Aggregat, was an sich schon eine Sensation ist in Zeiten vehementen Downsizings. Allerdings kann auch Aston Martin den Zeitgeist nicht völlig ignorieren, und so schrumpft der Hubraum gegenüber dem V12 im vormaligen DB9 um 0,8 auf nun noch 5,2 Liter. Außerdem arbeitet der neue Motor mit zwei Turboladern und verfügt über eine Zylinderabschaltung. Die legt bei milder Fahrt die Hälfte der Brennkammern lahm - der Verbrauch soll dadurch um bis zu 20 Prozent sinken.

Wichtiger sind jedoch zwei andere Zahlen: 608 PS Leistung und 700 Nm Drehmoment nämlich machen den DB11 zum bislang stärksten Aston-Martin-Serienmodell und ermöglichen Fahrleistungen, die auch zu sehr viel kompromissloseren Sportwagen passen würden: Von 0 auf 100 beschleunigt das Auto in 3,9 Sekunden und das Spitzentempo liegt bei 322 km/h.

Während der Motor von Aston-Martin-Spezialisten auf dem Gelände des Ford-Werks in Köln gebaut wird, entsteht das Auto selbst in Gaydon - und wird genau wie das Triebwerk weitgehend von Hand montiert. "Wir haben nur einen einzigen Roboter in der Fabrik", sagt Palmer. Dafür werden Dutzende von Sattlern und Schreinern beschäftigt. Die viele neue Technik und der hohe Grad an Handarbeit haben ihren Preis: Mindestens 204.900 Euro, realistisch aber eher zwischen 250.000 und 300.000 Euro werden fällig, wenn der DB11 ab Oktober in den Handel kommt. Die Kunden scheint das nicht zu stören: Die ersten 2000 Auto sind bereits verkauft.

Das werden wir nicht vergessen: Auch beim Sound üben die Briten beim DB11 Zurückhaltung. Während andere Sportwagen mittels spezieller Schallklappen zu echten Brüllern werden, haben die Entwickler bei Aston Martin eine "Quiet Start"-Funktion vorgesehen. Drückt man den rot glühenden Startknopf etwas länger, verzichtet der V12 beim Anlassen auf den üblichen Aufschrei. So wird der stärkste Aston Martin auf Knopfruck zugleich zum leisesten. Das ist wahres Understatement.

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insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
Sugafoot 12.08.2016
1. 5.2 v12
nun ja, ist nicht mehr wirklich zeigemaess. Exterieuer ist okay, aber nix vgl. mit lambo oder ferrari. Alles in allem, zielich lahm. Kein Wunder, dass AM nix verkauft.
Bin_der_Neue 12.08.2016
2. Boah!
Ein schönes Auto, ein schnelles Auto, ein Auto für Individualisten! Und ja, man(n) braucht so etwas!
provocator 12.08.2016
3.
Insgesamt ein schönes Auto. Schöne Linien, schöner 12-Zylinder, recht ansprechendes Design innen, wenngleich das für meinen Geschmack durchaus deutlich klassischer hätte ausfallen dürfen. Was gar nicht geht, das ist der Digitalkram im Cockpit. Sieht aus wie eine Playstationanimation.
darmspiegelgabsschon 12.08.2016
4.
Schick. Wozu der allerdings eine Zylinderabschaltung hat, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.
sickandinsane 12.08.2016
5. Ein wunderschönes Auto,
Das leider immer ein Traum bleiben wird. Leider sind für meinen Geschmack 1,8t viel zu viel gewicht
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