Auto

Autogramm Aston Martin DB11 V8

Very schwäbisch

Es gibt kaum ein Auto, das mehr für Großbritannien steht als ein Aston Martin. Mit dem neuen DB11 V8 fährt nun aber ein Aston vor, der im Herzen sehr deutsch ist.

Von

Freitag, 06.10.2017   05:12 Uhr

Der erste Eindruck: Frisch, unverbraucht und befreit vom Design-Muff der Vergangenheit.

Das sagt der Hersteller: "Wir sind wieder da", sagt Firmenchef Andy Palmer, der den mehr als hundert Jahre alten Sportwagenhersteller auf Kurs gebracht hat. Nicht zuletzt dank des bislang bereits 2500-mal verkauften Modells DB11 verdoppelte sich der Absatz der britischen Marke im vergangenen Jahr. Und das letzte Quartal war das dritte profitable in Folge.

So soll es weiter gehen - und der Gran Turismo DB11 mit V8-Motor zum Bestseller der Marke werden. Der Erfolg wird auch ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von Daimler-Benz, die Schwaben liefern bislang Elektronik und das Infotainment-System zu. Die Kooperation wird nun ausgeweitet, denn für den DB11 V8 steuert Mercedes-Haustuner AMG den Motor bei.

Das stört weder Palmer noch Cheftechniker Matthew Becker. "Wir haben viel Aufwand betrieben, um den Mercedes-AMG-Motor zu einem typischen Aston-Martin-Aggregat zu machen", sagt Becker. Selbst die Plakette auf dem Zylinderkopf, auf der normalerweise ein AMG-Mechaniker den Zusammenbau quittiert, wird ausgetauscht. Stattdessen steht da nun beispielsweise: "Final Inspection by Rob Miller."

Das ist uns aufgefallen: Weniger ist mehr, das gilt auch beim DB11 V8. Wer das neue V8-Aggregat statt eines Zwölfzylinders akzeptiert, fährt mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser. 510 PS Leistung und 675 Nm Drehmoment sind fraglos ein Pfund, zumal der Motor mit jetzt zwei Ladern nicht mal mehr eine Turbodelle kennt und eine fast schon explosionsartige Beschleunigung entwickelt. Im Vergleich zum Zwölfzylinder wiegt der Achtzylinder weniger, was sich bei engagierter Fahrweise auf verwinkelter Strecke durchaus bemerkbar macht.

Der abgespeckte Wagen lenkt spürbar leichter ein, und der Fahrer braucht weniger Kraft, um ihn durch die Kurve zu zwingen. "Wir haben 115 Kilo weniger Last auf der Vorderachse", liefert Becker die Begründung. Er nennt den V12 martialisch "Interkontinental-Rakete", weil man in diesem Wagen in hohem Tempo weite Strecken wie im Flug zurücklegt. Aber wenn es um Fahrspaß auf kurzen Strecken geht, ist der V8 besser - und billiger ist er sowieso.

Dabei sind sich die beiden Varianten in vielen anderen Disziplinen ziemlich nah beieinander. Das gilt für den Verbrauch, der beim V8-Modell mit theoretischen 9,9 Litern um 1,5 Liter je 100 Kilometer geringer ist. Auch der Auftritt ist bei beiden ähnlich kultiviert. Denn die Peripherie des V8-Motors von Mercedes wurde von Aston Martin so verändert, dass der DB11 mit dem AMG GT nicht mehr vergleichbar ist. Die Motorlager sind etwas weicher, es gibt eine neue Trockensumpfschmierung, um einen tieferen Einbau zu ermöglichen (und damit einen niedrigeren Schwerpunkt), einen minimal softeren Antritt und einen dezenteren Sound. Im Aston klingt der V8 heller als im AMG GT - und damit weit weniger aggressiv.

Das passt gut zu einem Auto, das auch sonst die leisen Töne pflegt. Der DB11 verkneift sich das wütende Bellen beim Anlassen, zwängt seine Insassen nicht in übertrieben alberne Schalensitze und nimmt sogar Rücksicht auf ihre Bandscheiben. Solange man Motor und Fahrwerk im GT-Modus belässt, kann man den Wagen trotz der baugleichen Motoren eher mit einem S-Klasse Coupé vergleichen als mit dem AMG GT.

Natürlich kann der schnelle Snob auch anders. Man muss nur in den Sport- oder Sport+-Modus wechseln, dann wird der Wagen zum Raubein. Aber selbst dann verschandeln weder auffällige Flügel noch Schweller das filigrane Design. Das Airblade, ein Spoiler für mehr Abtrieb, ist nahezu unsichtbar im Kofferraumdeckel versteckt und wird durch verborgene Luftkanäle in der C-Säule angeströmt. Die üblichen Nackenschläge aus den Tiefen des Fahrwerks und das Donnergrollen aus dem Auspuff gibt es dann aber auch bei diesem Auto.

Das muss man wissen: Der DB11 V8 kommt im Oktober in den Handel und kostet mindestens 184.000 Euro. Damit ist das Auto etwa 25.000 Euro billiger als das V12-Modell. Doch verglichen mit dem AMG GT muss man rund ein Drittel mehr bezahlen. Dabei bekommt Aston Martin nicht einmal die stärkste Variante des schwäbischen Turbo-Triebwerks. Während die Maschine bei der Mercedes-Tochter bis zu 585 PS und 700 Nm leistet, nehmen die Briten die Variante mit 510 PS und 675 Nm. Untermotorisiert ist der Wagen auch damit nicht: Von 0 auf 100 beschleunigt der DB11 in 4,0 Sekunden, und das Spitzentempo liegt bei 301 km/h.

Erst bei Vollgas wird man auch einen echten Unterschied zum 608 PS starken V12 mit 5,2 Litern Hubraum erkennen. Denn während sich am Design nur Petitessen ändern und die Ausstattung ohnehin eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, fährt der V12 noch einmal 21 km/h schneller.

Das werden wir nicht vergessen: Wie weit sich der DB11 durch liebevollen Feinschliff vom Mercedes-AMG emanzipiert hat. Nur in einem Punkt hat Aston offenbar nicht genau hingeguckt: Wer sein Smartphone mit der Freisprecheinrichtung des Wagens koppeln möchte, entdeckt einen Hotspot mit Mercedes-Namen.

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Weitere Artikel
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH