Aus Malibu berichtet Tom Grünweg
Auf seinen Ford Crown Victoria lässt Officer Eninguez nichts kommen. "Ein solider V8-Motor und Hinterachsantrieb - alles andere ist doch nach ein paar Monaten Schrott", sagt der Highway-Sheriff. Wenn sich der freundliche Herr mit der grimmig gestylten Uniform da mal nicht irrt. Schließlich arbeitet er in Kalifornien, jenem Sonnenstaat an der US-Westküste, in dem Firmen wie Tesla Motors vor ein paar Jahren die elektrische Revolution des Autos auslösten. Und jetzt muss Eninguez auch noch die Straße sperren für ein Elektroauto.
Für ihn sind das nur Spielzeuge. Erst recht der silberne Audi E-Tron Spyder, der da auf dem Mullholland Highway oberhalb von Malibu in der Sonne glänzt. Gemessen an seinem "Crown Vic" ist der 4,06 Meter lange und 1,11 Meter hohe Zweisitzer, der selbst hinter einem TT noch verschwinden würde, ein sehr kleines Auto. Und aufgrund der Elektromotoren klingt er auch noch wie ein Spielzeugmodell. "Cool ist er schon", räumt der Officer immerhin ein.
Vor einem Jahr auf dem Autosalon in Paris wurde der Prototyp erstmals präsentiert, jetzt startet er zur Jungfernfahrt in den Hügeln von Hollywood. Ein bisschen beengt aber durchaus bequem sitzt man in dem E-Renner nochmals tiefer als im R8, erfreut sich an dem betont schlicht gestalteten Cockpit, das den Blick nicht von der Straße ablenkt, und späht durch die flache Frontscheibe wie Officer Eninguez durch die obligatorische Ray Ban.
Der Prototyp schießt in 4,4 Sekunden von 0 auf Tempo 100
Die fällt ihm fast von der Nase, als sich der E-Tron Spyder in Bewegung setzt. Trotz eines großen Lithium-Ionen-Akkus wiegt der aus Karbon und Aluminium gebaute Zweisitzer nicht einmal 1,5 Tonnen und fährt dem Streifenwagen mühelos davon. Während das Dickschiff aus Detroit gewichtig schwankend auf Richtungswechsel reagiert, nimmt der Audi jede Kehre wie ein Carver. Der elektrische Sprinter klebt förmlich auf dem Asphalt, dreht sich beinahe wie von selbst in die Kurve und lässt den Streifenwagen im Rückspiegel auf Daumengröße schrumpfen. Immerhin schafft das E-Auto den Sprint von 0 auf 100 in 4,4 Sekunden.
Theoretisch würde der E-Tron danach bis Tempo 250 weiter beschleunigen. Aber dagegen hat nicht nur Officer Eninguez von Amts wegen etwas einzuwenden, sondern auch Uwe Haller. Haller ist der Projektleiter, der mitsamt einem 15-köpfigen Team den Wagen in nicht einmal drei Monaten fahrtüchtig gemacht hat. Und das soll behutsam passieren, denn sonst müsste Haller der Versicherung einen Schaden von zwei Millionen Euro erklären.
Ein Dieselmotor im Heck sorgt für Reichweite
Was den Sheriff wiederum am meisten verblüfft, ist das sonore Grollen, das aus den Tiefen der Karbon-Karosse rollt. Denn mit den beiden jeweils 44 PS starken E-Maschinen an der Vorderachse ist es bei diesem Prototypen nicht getan. "Ja Mann, das ist gar kein Elektroauto. Zumindest keines, der reinen Sorte", erklären wir dem Mann, dessen Mine sich mit jedem Gasstoß aufhellt.
Der Audi E-Tron-Spyder ist ein so genanntes Plugin-Hybrid-Auto, bei dem die E-Motoren an der Vorderachse und der mit den 20-Zöllern im Heck verblockte und längs hinter den Sitzen platzierte V6-Dieselmotor ein schlagkräftiges Trio bilden. Laut und ungefiltert grölt der drei Liter große Biturbo ein raues Lied von Lust und Leistung, das von 300 PS und 650 Nm erzählt. "Mit diesem Spyder kann man problemlos über den Rodeo-Drive oder den Sunset Boulevard stromern," sagt Haller. Bis zu 60 km/h und 50 Kilometer Reichweite schafft der E-Tron tatsächlich als Batterie-Bolide. "Und hier draußen in den Hügeln kann man mit dem Auto auch richtig Spaß haben. Und zwar ohne auf die Reichweite achten zu müssen."
Das ist der wesentliche Unterschied zum Tesla Roadster, der hier in den Hollywood Hills seinen Siegeszug begann. Wo beim Elektroflitzer aus Palo Alto die Reichweite bei jedem Gasstoß dahinschmilzt wie der Frozen Yoghurt in der kalifornischen Sonne, könnte der E-Tron beinahe ewig so weiterfahren: Bei einem Normverbrauch von 2,2 Litern reicht der Dieseltank für knapp 1000 Kilometer. Was der E-Tron auf 100 Kilometer verbraucht, reicht dem Streifenwagen von Officer Eninguez wahrscheinlich nicht einmal zu Anlassen.
Mit mehr Schwung noch flotter durch die Kurven
"Das Konzept ist aber nicht nur sportlich und sparsam", sagt Haller, "es gewährt uns auch neue Freiheiten für die Fahrdynamik". Dass der Spyder so sehr nach Kurven giert und so leichtfüßig durch die Hollywood Hills fliegt, verdankt er auch dem sogenannten Torque Vectoring. Statt via ESP einzelne Räder in kritischen Situationen einzubremsen, dreht der Audi - zumindest in der Theorie - sogar noch ein wenig auf. Kein Wunder also, dass er so zum Kurvenkönig wird.
Als der Officer beim Fotostopp wieder aufschließt, sieht er die Sache mit den Stromern nicht mehr ganz so kategorisch. Im Gegenteil. "Den würde ich glatt nehmen", sagt er und bietet nur halb im Scherz seinen Dienstwagen zum Tausch an. Aber Projektleiter Haller muss den Officer genau wie alle anderen Interessenten enttäuschen. Details wie das Bediensystem, das Design der Frontpartie, den elektrischen Quattroantrieb und das Plug-In-Prinzip werde man zwar schon bald in Serie sehen, sagt der Projektleiter. Doch der Spyder selbst bleibt wohl auf ewig ein Einzelstück. Auch wenn Audi ein Sportwagen zwischen den Modellen TT und R8 gut zu Gesicht stünde, ist Haller skeptisch.
Aber wer weiß: In Hollywood sind schon manche Träume wahr geworden.
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