Autogramm Audi e-tron Vision Gran Turismo Das Playmobil

Für das Computerspiel "Gran Turismo" bauen Autohersteller immer wieder mal Konzeptautos. Doch jetzt holt Audi einen der Digital-Rennwagen real auf die Rennstrecke - als Taxi in der Formel E.

Audi

Der erste Eindruck: Wie im Kino! Mit dem invertierten Kühlergrill, den fiesen LED-Schlitzscheinwerfern und den spektakulären Feuerwimpern der Rückleuchten sieht der Audi e-Tron Vision Gran Turismo aus, als käme er direkt aus einem Science-Fiction-Film. So klingt er übrigens auch.

Das sagt der Hersteller: Für Audi-Designchef Marc Lichte geht mit dem Rennwagen ein kleiner Traum in Erfüllung. Studien für das Computerspiel "Gran Turismo" haben schon viele seiner Berufskollegen gezeichnet, "doch noch keiner hat so ein Auto tatsächlich als funktionsfähigen Rennwagen gebaut", sagt Lichte. "Obwohl man beim Entwurf eines virtuellen Autos viel mehr Freiheiten hat und Dinge konzipieren kann, die in der Realität nur schwer umsetzbar sind, wollten wir dennoch kein rein fiktives Konzept auf die Räder stellen."

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Autogramm Audi E-Tron Vision Gran Turismo: Mehr als nur virtuell

Dass der Wagen aus dem Computerspiel nun Realität wird, hat nicht nur mit der schon knapp zwanzig Jahre währenden Zusammenarbeit von Audi mit den "Gran Turismo"-Machern bei Sony und Polyphony zu tun, sondern vielmehr mit einem unternehmerischen Problem: bei Audi gibt es in Sachen Elektromobilität Nachholbedarf. Zwar hatte die VW-Tochter mit dem R8 e-tron schon mal einen serienreifen Akku-Sportwagen, doch diesem Auto wurde der Stecker gezogen. Zum Jahresende soll mit dem Geländewagen e-tron quattro nun tatsächlich das erste Elektroauto von Audi an den Start gehen, und die Gran-Turismo-Studie dient als perfekter Werbeträger. "E-Mobilität gewinnt rasant an Bedeutung", sagt der vor einem Jahr von Volvo gekommene Audi-Entwicklungschef Peter Mertens.

Das ist uns aufgefallen: Einsteigen und losfahren - was bei herkömmlichen Elektroautos mittlerweile normal ist, funktioniert bei diesem Rennwagen nicht. Bevor der Fahrer den Motor starten kann, muss er erst das aus dem Flugzeugbau kopierte Lenkrad abziehen, sich durch eine enge Luke schlängeln und über einen breiten Tunnel wuchten. Dann plumpst er fast auf Fahrbahnniveau in extrem tief platzierte Rennschalen. Dann noch die Füße im schmalen Tunnel unter dem Cockpit sortieren, das Lenkrad wieder auf die Säule stecken und gleich vier Gurte festzurren. Gut, dass es in der Boxengasse Helfer dafür gibt.

Mit einem normalen Auto hat dieser e-tron nur die vier Räder gemein. Und selbst die sind eigens für den Wagen geschmiedet und mit handgeschnittenen Pneus bereift. Bei zusammen 815 PS Leistung, lediglich 1450 Kilo Gewicht und dem von der ersten Millisekunde an verfügbaren Drehmoment-Maximum der drei E-Maschinen entwickelt der Renner brachiale Fahrleistungen. Wenn man in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 schießt, wirken Kräfte im Wagen, die sonst nur Extremsportler kennen.

Das erscheint umso surrealer, weil es nicht mit dem üblichen Motorengebrüll verbunden ist, das Sportwagen sonst erzeugen. Zwar rasselt, rauscht und knistert es überall, doch vom Antrieb selbst hört man fast nichts.

Nach nur wenigen Metern auf der Rennstrecke ist man dankbar, dass einen die Helfer so fest angegurtet haben. Das Vertrauen in die Straßenlage, in die Haftkraft der Slicks und in die Wunderwirkung der aktiven Fahrdynamikregelung Torque Vectoring ist so groß, dass man prompt auf der Grenze der Fahrphysik balanciert und Fliehkräfte wirken lässt, die eine Achterbahnfahrt lächerlich wirken lassen.

Auch das liegt zu einem guten Teil an der Elektrotechnik. Denn mit einem Motor an der Vorder - und zweien an der Hinterachse perfektionieren die Bayern das so genannte Torque Vectoring. Torque Vectoring ist quasi die Umkehrung des ESP, indem die Elektronik einzelnen Rädern zusätzlich Drehmoment zuteilt statt sie abzubremsen. Mit zusätzlicher Beschleunigung am äußeren Rad wird der e-tron so noch schneller in die Kurve gezwungen.

Das muss man wissen: Der e-tron Vision Gran Turismo ist einerseits ein Phantasieprodukt, andererseits stammt ein Großteil der Technik aus verschiedenen aktuellen Rennwagen, Chassis samt Karosserie wurden jedoch extra gefertigt. Der Antrieb mit den drei jeweils 200 kW starken E-Motoren und dem 60 kWh-Akku kommt nahezu 1:1 aus dem e-tron-Serienmodell, das zum Jahreswechsel starten wird, sagt Martin Mühlmeier, dessen Team den Rennwagen im Audi-Prototypenbau binnen knapp eines Jahres auf die Räder stellte.

Kaufen kann man den Rennwagen nicht, er bleibt ein Einzelstück. Ans Steuer dürfen ausschließlich die beiden Rennfahrer Rahel Frey aus der Schweiz und Le-Mans-Sieger Dindo Capello aus Italien. Eingesetzt wird der e-tron als Renntaxi im Prolog der Formel E, die Plätze auf dem noch engeren Beifahrersitz sind rar und im Prinzip schon reserviert. Dennoch kann jeder in gewisser Weise ans Steuer. Denn ab sofort steht der Wagen als Download für die Playstation zur Verfügung. Und glaubt man "Gran Turismo"-Produzent Kazunori Yamauchi, dann ist das Erlebnis durchaus vergleichbar.

Das werden wir nicht vergessen: Wie in diesem Auto die Grenzen zwischen Virtual Reality und Realität verwischen - und wie gefährlich das sein kann. Gut, dass normalerweise nur Profis den Wagen fahren dürfen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Audi
Typ: E-Tron Vision Gran Turismo
Karosserie: Sportwagen
Motor: drei Elektro-Maschinen
Antrieb: Allrad
Leistung (E-Motor): 815 PS (600 kW)
Von 0 auf 100: 2,5 s
Gewicht: 1.450 kg
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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
lobivia 28.04.2018
1. Popcorn!
Was freue ich mich wieder auf die Diskussionen darüber, wie oft der Tesla durchbeschleunigen kann und wie er im Vergleich zum 911 GT3 RS auf der Nordschleife ist.
robinlott 28.04.2018
2. Total sinnfrei
Sollen lieber an einem funktionierenden Serienmodell arbeiten.
monolithos 28.04.2018
3. Wofür der VW-Konzern so alles Geld hat ...
Dem "betrogenen VW-Kunden", der letztens mit entsprechendem unübersehbarem Aufkleber auf der Heckscheibe vor mir herfuhr, dürften jetzt die vor Wut zerbröselten Zähne aus dem Mund purzeln. Und jetzt erzählt mir bitte nichts von "Technologieträgern" und sowas!
ardbeg17 28.04.2018
4. @robinlott #2
Aus dem Artikel: "(...)Der Antrieb mit den drei jeweils 200 kW starken E-Motoren und dem 60 kWh-Akku kommt nahezu 1:1 aus dem e-tron-Serienmodell, das zum Jahreswechsel starten wird(...)" Lesen bildet.
gerd0210 28.04.2018
5.
Zitat von robinlottSollen lieber an einem funktionierenden Serienmodell arbeiten.
Das sind doch aber alles Elemente für ein Serienauto: Der 60kWh Akku, das Dreimotorenprinzip, der Vektorantrieb. Jetzt wir getestet, wie sich alles bei hoher Belastung verhält. Immerhin fällt bei den Akkus Wärme im Kilowattbereich an. Auch die Elektronik wird heiß, ob man nun mit 1200 Volt und 500 Ampere fährt, oder mit 600 Volt und 1000 Ampere. Kann man den Akku auch mit 600 kW aufladen, wenn man schon mit 600 kW entladen kann?
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