Audi RS 6 Der Golfbag-Express

Der Audi RS 6 verknüpft Raumgefühl und Komfort einer Limousine mit dem Leistungsvermögen eines Sportwagens - und der Preis sichert eine gewisse Exklusivität. SPIEGEL ONLINE hat das jüngste Modell aus dem Hause Quattro getestet.

Von Jürgen Pander


Komfort einer Limousine mit der Power eines Sportwagens

Komfort einer Limousine mit der Power eines Sportwagens

Stephan Reil, Technikchef der Audi-Tochter Quattro GmbH, spricht am liebsten von der "Performance" des neuen Topmodells. Wer den Gasfuß streckt, katapultiert den Wagen und sich selbst in weniger als fünf Sekunden auf Tempo 100, und wer bei dieser Geschwindigkeit beherzt aufs Bremspedal tritt, steht binnen 2,6 Sekunden. Reil könnte ziemlich lange solche Daten referieren, denn bei Fahrzeugen dieses Kalibers gehören Angaben über das Spurtvermögen von 0 auf 200 km/h (17,6 Sekunden) oder die Beschreibungen der Drehmomentkurven als "Silhouette eines Tafelberges" zur üblichen Techniktheorie.

Insgesamt sei der RS 6 ein "Bekenntnis zu Leistungsvermögen ohne laute Signale", versucht Reil das Wesen des Wagens in Worte zu fassen, und er liefert damit eine recht gute Definition des neuen Vollgas-Modells.

Vollwertiges Familienauto mit Platz für zwei Golfbags

Vollwertiges Familienauto mit Platz für zwei Golfbags

Von außen nämlich stehen der RS 6 und die Kombiversion RS 6 Avant (die ist 2100 Euro teurer, bietet bis zu1590 Liter Ladekapazität und ist ansonsten technisch identisch) sehr zurückhaltend auf den 18-Zoll-Rädern mit 255er-Bereifung.

An der Frontpartie sind die Kühlöffnungen mit einem schwarzen Wabenmuster vergittert, an der Seite sitzen dezente Schweller, die Fenster sind mit mattem Aluminium eingefasst, ebenso die beiden Außenspiegel, und am Heck gibt es einen Minispoiler auf dem Kofferraumdeckel und zwei verchromte, ovale Auspuffendrohre. Audi pflegt auch bei den sportlichen Topmodellen einen beinahe schon aufgesetzt wirkenden Minimalismus. Optischer Krawall jedenfalls ist dem RS 6 völlig fremd.

Die Musik spielt im verborgenen

Die Musik spielt im verborgenen

Die Musik spielt im verborgenen. Wird der Zündschlüssel gedreht, kommt Leben in den von der englischen Audi-Tochter Cosworth auf Höchstleistung getrimmten V8-Motor mit Doppelturbo. Gurgelnd bullert das Triebwerk im Leerlauf, ein leichter Tipp aufs Gaspedal lässt den Geräuschpegel kurz anschwellen, doch insgesamt bleibt der Motor vornehm leise. Bloß nicht provozieren, könnte das Entwicklungsziel dieses Wagens gewesen sein.

Denn das tut das Auto schon alleine deshalb, weil es fährt wie der Teufel. Fahrer der Porsche-BMW-Jaguar-Mercedes-Fraktion mit ebenfalls mehr als genug Motorkraft unter der Haube werden vom RS 6 entweder düpiert oder zumindest herausgefordert. Das Auto beschleunigt, als gäbe es keine Widerstände - und keine endlichen Rohölreserven. 15,2 Liter Sprit verbrauchte der Wagen auf unserer Testfahrt, drunter dürfte sich der RS 6 wohl kaum bewegen lassen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Audi
Typ: RS 6
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Benziner
Hubraum: 4.172 ccm
Leistung: 450 PS (331 kW)
Drehmoment: 560 Nm
Von 0 auf 100: 4,7 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 14,6 Liter
CO2-Ausstoß: 346 g/km
Kofferraum: 424 Liter
Versicherung: 23 (HP) / 40 (TK) / 39 (VK)
Preis: 86.500 EUR
Menschen, denen es wichtig ist, im Auto schneller zu sein als andere und dafür reichlich Geld zu investieren, gibt es offenbar genug. Maximal 20 Autos vom Typ RS 6 kann die Quattro GmbH in Neckarsulm pro Tag zusammenbauen. Da die Produktion erst anläuft, werden in diesem Jahr noch rund 1700 Fahrzeuge produziert. Die rund 900 für Deutschland bestimmten Fahrzeuge waren "binnen weniger Stunden ausverkauft", sagt Werner Frowein, Geschäftsführer der Quattro GmbH. Die Käufer seien häufig Unternehmer, die sagen, sie könnten nicht mit einem Porsche bei ihrer Kundschaft vorfahren.

Als wichtige Kaufanreize gelten neben dem Sportwagen-Potenzial die Möglichkeit, den Wagen als vollwertiges Familienauto einsetzen zu können und zwei Golfbags transportieren zu können. Das "Golfbag-Argument", versichern Audi-Leute, werde mit hoher Frequenz genannt. Unerwähnt bleibt, dass es im Golfclub natürlich was hermacht, wenn man über 450 PS und die neue Leichtigkeit auf der linken Spur schwadronieren kann.

Der RS 6 ist mit permanentem Allradantrieb und einer Fünfgang-Automatik, die Audi bereits im A8-Zwölfzylinder-Modell einsetzt, ausgestattet. Die Gangwahl erledigt entweder die Elektronik - und sie tut das sehr geschickt -, oder der Fahrer kann per Tipptasten am Lenkrad schalten wie die Männer in der Formel1.

Serienmäßig ausgerüstet ist der Wagen unter anderem mit dem rein mechanisch über Öldruck arbeitenden Wank- und Nickausgleich DRC (Dynamic Ride Control), mit ABS, ASR, ESP und einem Reifendruck-Kontrollsystem ausgerüstet. Ebenso ab Werk installiert sind sechs Airbags, Recaro-Ledersportsitze, ein Alcantara-Dachhimmel, ein toll geformtes Dreispeichen-Lederlenkrad, Xenon-Scheinwerfer, eine akustische Einparkhilfe und eine 250-Watt-Musikanlage von Bose.

Beinahe schon aufgesetzt wirkender Minimalismus

Beinahe schon aufgesetzt wirkender Minimalismus

Darüber hinaus dürfen Käufer des RS 6 zwischen fünf Lackierungen wählen, die ausschließlich für dieses Modell angeboten werden. Damit auch die Farbe ins Gesamtbild passt, tragen die Schattierungen die Namen von Rennstrecken: Mugelloblau, Daytonagrau, Avussilber, Misanorot und Goodwoodgrün.

Wer weiß, wenn Audi in diesem Jahr erneut beim 24-Stunden-Klassiker in Le Mans triumphiert, kommt vielleicht demnächst noch Lemansgold dazu.



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