Autogramm Bentley Bentayga Diesel Ein letzter Anschein von Bescheidenheit

Seit 98 Jahren baut Bentley Autos und machte bislang immer einen Bogen um den Dieselantrieb. Jetzt jedoch fährt mit dem Luxus-SUV Bentayga das erste Modell der Marke mit Ölbrenner vor.

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Der erste Eindruck: My car is my Palace. Während andere Geländewagen oft wie Trutzburgen auf Rädern aussehen, hat Bentley den Bentayga palastartig herausgeputzt.

Da sagt der Hersteller: Wenn Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer über den ersten Dieselmotor in der Geschichte von Bentley spricht, dann geht es nicht ohne die üblichen Superlative. Dieser Bentayga sei die Spitze in seinem Segment und nicht nur eines der stärksten, sondern auch der schnellste Diesel-SUV der Welt. So weit, so bekannt. Doch dann schlägt Dürheimer ungewohnte Töne an. Er lobt den Koloss zugleich als sparsamsten und effizientesten Bentley in der Palette und zudem als den mit der größten Reichweite.

Allerdings relativiert er das gleich selbst wieder: Ums Tanken kümmere sich ein Bentley-Eigner in der Regel ohnehin nicht selbst. Und auch wenn die Kunden zwar durchaus sensibel seien, gelte das nicht "für den Spritpreis oder den Verbrauch." Deshalb rechnet Dürheimer in Europa mit lediglich 15 Prozent Verkaufsanteil für das Dieselmodell; in wichtigen Regionen wie China oder den USA wird er gar nicht erst angeboten. Dort setzen die Briten auf einen Plug-in-Hybrid mit V6-Benziner, der 2017 folgen wird.

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Autogramm Bentley Bentayga Diesel: Standesungemäß

Warum dann überhaupt einen Diesel, Herr Dürheimer, wo doch der Antrieb seit dem VW-Skandal kein technologisches Aushängeschild mehr ist? Antwort: "Weil sich einige Kunden vor allem in Deutschland eher mit einem Selbstzünder sehen lassen möchten als mit einem Zwölfzylinder. Es gehe - gerade in einem exponierten Auto wie dem Bentayga - um den letzten Anschein von Bescheidenheit.

Das ist uns aufgefallen: Das vier Liter große Triebwerk ist so gut gekapselt und so dick gedämmt, dass man auf den Drehzahlmesser schauen muss, um zu wissen, ob der Motor läuft. Hören nämlich kann man die Maschine erst beim Kickdown, wenn es in der Ferne leise knurrt. Der Reiz des Aggregats liegt vor allem darin, dass der Diesel das maximale Drehmoment von 900 Nm schon knapp jenseits der Leerlaufdrehzahl bereit stellt. "Uns trennen nur noch 1000 Touren vom Elektroantrieb", sagt Dürheimer, weil nur E-Maschinen noch früher zupacken.

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Dass der Bentayga einen extremen Punch hat, verdankt er einem technischen Kunstgriff: Statt sich allein auf die Leistung der beiden konventionellen Turbolader zu verlassen, haben die Ingenieure auch noch einen elektrischen Verdichter eingebaut. Gespeist aus einem separaten Bordnetz mit einer Spannung von 48 Volt, braucht er nicht erst den Abgasdruck, um in Fahrt zu kommen, sondern erreicht binnen 250 Millisekunden eine Drehzahl von mehr als 70.000 Touren. Wenn der 2,5 Tonner in 4,8 Sekunden von 0 auf Tempo 100 stürmt oder auf der Landstraße zum Überholen ansetzt, ist von einem Turboloch deswegen nichts mehr zu spüren.

Dabei erweist sich das Super-SUV als souveräner Dauerläufer. Obwohl er sich trotz des immensen Gewichts dank elektrische Stabilisatoren einigermaßen sportlich über eine kurvige Landstraße kämpft, spielt er seine Stärken vor allem auf der Geraden aus, wenn er bei Tempo 180 flüsterleise dahinschwebt und mit immer neuen Reichweitenangaben auf dem Bordcomputer irritiert. Die 1000 Kilometer bei Normverbrauch wird man in der Praxis wohl nie schaffen, doch auch Reichweitenangaben von 600 oder 700 Kilometer sind für Bentley-Fahrer eine neue Diemsion.

Bei so viel Entspannung bleibt Zeit, sich mit den Sekundärtugenden des Bentayga zu beschäftigen. Dabei lernt man im ersten SUV von Bentley die gleiche Opulenz kennen, wie sie den Coupés und Limousinen bereits zu eigen ist - von den Orgelzügen an den Lüftungsdüsen über die pfundschweren Aschenbecher in den Türen bis hin zum dicken Leder und den erlesenen Hölzern überall im Interieur. Zu entdecken gibt es endlich auch auch ein ziemlich fortschrittliches Infotainmentsystem mit gesonderten Tablet-Computern und einer Fernbedienung à la iPhone.

Doch es gibt auch ein paar eklatante Brüche. Denn dass man bei einem Auto mit Extras für 83.000 Euro die Kopfstützen noch von Hand verstellen muss und die Hutablage von den gleichen schnöden Schnüren gehalten wird wie in einem Audi A3, das passt einfach nicht.

Das muss man wissen: Wenn der von außen nur an einer kleinen Plakette zu erkennende Bentayga Diesel ab März 2017 zu Preisen ab 174.335 Euro in den Handel kommt, markiert er noch einen weiteren Superlativ: Das Trumm wird - nun ja - zum billigsten Bentley im Angebot der britischen Nobelmarke. Selbst wenn Bentley-Kunden im Schnitt sieben Autos besitzen, dürfte das den Absatz weiter ankurbeln. Schon jetzt allerdings kommt der zum VW-Konzern gehörende britische Autobauer mit der Produktion kaum hinterher. In diesem Jahr waren 3200 Exemplare des Bentayga geplant, mehr als 5600 wurden bereits gebaut, sagt Dürheimer.

Die Manager freut das, weil es der Marke zum Beispiel in Europa ein zweistelliges Wachstum beschert hat. Doch den Männern am Band verhagelt es den Jahresabschluss - zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird in Crewe über den Jahreswechsel beinahe durchgearbeitet.

Das werden wir nicht vergessen: Das große weiße Warnschild auf der Rückseite des Tankdeckels, das auf den blauen Ad-Blue-Einfüllstutzen für den Stickoxid-Katalysator hinweist. Wäre es nicht so groß angeschrieben, könnte man angesichts der Ruhe fast vergessen, dass unter der Haube ein Dieselmotor sitzt.

Fahrzeugschein
Hersteller: Bentley
Typ: Bentayga Díesel
Karosserie: SUV
Motor: V8-Turbodiesel
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.956 ccm
Leistung: 435 PS (320 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 4,8 s
Höchstgeschw.: 270 km/h
Verbrauch (ECE): 7,9 Liter
CO2-Ausstoß: 210 g/km
Kofferraum: 430 Liter
Gewicht: 2.390 kg
Maße: 5140 / 1998 / 1742
Preis: 174.335 EUR
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insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
mazzmazz 27.12.2016
1. Ein Marketing Gag
Bin gespannt, wie viele Bentayga Diesel verkauft werden. Das Auto ist in meinen Augen zwar genauso indiskutabel wie das Basisfahrzeug Audi Q7, aber wer´s braucht möge seine Freude daran haben. Wer in Europa einen einigermassen stilvollen SUV fahren möchte, fährt Range Rover oder Volvo XC 90. Alle anderen "gehen" sowieso "gar nicht". Dass Bentley nun auch auf den Diesel setzt, wurde sicherlich vor dem VW-Abgasskandal beschlossen. Ebenso wie der alternativlose Einsatz von Dieselmotoren beim hochgelegten Mercedes E. Wird sich alles demnächst ändern. Genau wie 2-Takter werden Diesel schon sehr bald gesellschaftlich geächtet sein.
argonaut-10 27.12.2016
2. Es gelten
nach wie vor die Gesetzmäßigkeiten der Physik. Und da sind 2.5 Tonnen immer schwerer zu bewegen als z.B. 1.5 Tonnen. Und insofern wird ein ausgezeichnetes Aggregat einfach seinem Temperament beraubt. Ob das nun tatsächlich die Käuferschicht interessiert, wage ich zu bezweifeln. SUVs werden eben von ängstlichen und sicherheitsbewussten Menschen mit wenig Sinn für die Mitmenschen gefahren, denen sie Sicht im Verkehr und Platz in der Stadt nehmen. Ich bin wahrlich kein Autogegner und erst recht kein Neider, aber bekommen wir eigentlich noch mit, wie gegensätzlich die Entwicklungen sind? Immer größere Autos für immer weniger Platz, weil wegrationalisiert in den Städten? Wie zum Teufel soll das gehen? Während uns die Automobilbranche immer mehr und immer stärker und größer verkaufen will, gehen die Kommunen und Städte den gegensätzlichen Weg, ganz so, als wenn es bald keine Autos mehr gäbe. Dies wird uns verkauft als mehr Lebensqualität, Tatsache ist aber, dass die Städte es verabsäumt haben, für den zunehmenden Individualverkehr seit 30 Jahren Konzepte zu erarbeiten. Jetzt scheitern sie mit den hohen Stickoxidbelastungen und reagieren mit Ausschluß der Autos. Dazu kommt eine vollkommen unnötige Aufhetzung der Bevölkerung aus den Lagern der Velo-Treter und der PKW Fahrer. Der Großteil der Umweltbelastungen geht heute nicht für den Gebrauch eines Autos drauf sondern für die Parkplatzsuche und dem Stehen im Stau wegen mangelnder Infrastruktur, sowie der Ermangelung von durchdachten Verkehrsleitsystemen. Insofern weiß ich nicht, wo solche Autos eine Zukunft haben sollen. Aber... eines ist sicher... der Individualverkehr wird bleiben (auch mit E-Mobilen). Dann haben wir aber immer noch keine Auto-gerechten Städte. Wenigstens verbringen die Menschen dann nur unnötige Zeit im Auto und verpesten nicht auch noch die Umwelt.
mikaiser 27.12.2016
3. Dieselmotoren passen doch
zur angepeilten Zielgruppe. Die potentiellen Käufer verhalten sich beim Auslegen von Regeln eher auf eine selbstbezogene Art großzügig. Das gilt nicht nur für die Steuererklärung, sondern kann auch bei der Entscheidung für das Antriebsprinzip des eigenen Fuhrparks gelten. Also: Dieselmotoren (bitte mit Defeat-Device, gerne gegen Aufpreis oder als Nachrüstoption) sind passend für das Auto.
noalk 27.12.2016
4. @2: Autogerechte Stadt?
Das ist doch ein Widerspruch in sich. Genausowie fahrradgerechte Autobahn. Allenfalls kann man sich über ein stadtgerechtes Auto Gedanken machen. Das Auto ist nun mal für kurze Strecken in stark bevölkerten Räumen mittlerweile nicht mehr das optimale Fahrzeug. Warum ein Konzept für etwas Überkommenes entwickeln?
iman.kant 27.12.2016
5. Liebe VW Mitarbeiter
denkt doch einfach einmal nach ob Ihr wirklich solche Fahrzeuge noch herstellen wollt. Parkt dieses Auto neben einen Kinderspielplatz - danach wartet Ihr bis ein paar Kinder dort spielen. Dan startet dieses Gerät. Wie stehts dann mit Eurem Gewissen?
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