Bentley Continental GT Durchgedreht

Bentley hat seinen Bestseller weiterentwickelt: Im neuen Continental ist der 6-Liter-Zwölfzylinder noch leistungsstärker. Das protzigste Detail des Wagens wird aber von zwei kleinen Elektromotoren angetrieben.

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Natürlich gibt es jede Menge irre Zahlen, anhand derer sich die Exklusivität des neuen Bentley Continental GT ablesen lässt, und sie werden hier auch gleich genannt. Aber wie weit dieser Wagen wirklich von der Alltäglichkeit anderer Autos entfernt ist, lässt sich am besten an einem Detail schildern.

Bentley nennt es offiziell "Revolving Cockpit", aber die Techniker sprechen nur von der "Toblerone".

Es handelt sich dabei um eine große, dreiflächige Walze. Auf einer Seite befindet sich ein Display mit Infotainmentsystem, auf einer zweiten Seite analoge Armaturen, die Zeit, Temperatur und Himmelsrichtungen anzeigen, und auf einer dritten Seite ein blankes Holzpaneel. Auf Knopfdruck rotiert die Walze, angetrieben von zwei Elektromotoren, und dreht die gewünschte Seite nach vorn. Das Video zeigt, wie das funktioniert.

DER SPIEGEL

Natürlich ist Toblerone (nach der gleichnamigen Schweizer Schoki im Dreiecksformat) völlig überflüssig. Aber gleichzeitig demonstriert diese aufwendige Petitesse, dass es in diesem Auto allein um Lust und Luxus geht.

Womit wir schon bei den Zahlen wären: Der neue Bentley Continental wird in seiner Basisversion 200.000 Euro kosten. Auf der IAA in Frankfurt feiert er Premiere und noch in diesem Jahr kommt er in den Handel. Das Modell ist mit einer bisherigen Stückzahl von 70.000 der Bestseller der Firmenhistorie und es war das erste Auto, das nach der Übernahme durch VW entwickelt wurde. Ohne diesen Wagen würde es die Traditionsmarke heute wohl nicht mehr geben.

Das hat gedauert

Mit der zweiten Baureihe hat sich der VW-Konzern extrem viel Zeit gelassen, 14 Jahre sind seit der Einführung des ersten Continental vergangen. Was hat sich jetzt verändert? Hat Bentleys Technik-Chef Rolf Frech recht, wenn er vom "Beginn einer neuen Ära" für den Continental spricht?

Auf den ersten Blick ist eigentlich alles wie immer. Das Design, das schon die erste Baureihe zum Liebling neureicher Rapper und Kicker gemacht hat, ist vielleicht noch eine Spur präsenter und protziger geworden. Durch ein neues Produktionsverfahren wurden die Linien auf den riesigen Alublechen sehr viel feiner. Radstand und Spurbreite sind gewachsen. Die Deckgläser der LED-Leuchten in Bug und Heck sind ganz ähnlich geschliffen wie schwere Whiskey-Schwenker aus Kristallglas.

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Bentley Continental GT: Die Schokoladenseite des Continental

Innen sind rund zehn Quadratmeter Echtholzfurnier verbaut, für das Lederinterieur wurden die Häute einer kleinen Kuhherde verarbeitet. Irgendjemand bei Bentley hat offenbar mitgezählt, jedenfalls heißt es, das Leder sei mit insgesamt 310.675 Stichen abgesteppt. Die von Orgelzügen inspirierten Klimaregler sind ziseliert wie die Lünetten von Luxusuhren und die Metallkonsolen kann man auf Wunsch mit Streifen im Stil der Côtes de Genève bestellen. Chronometer-Connaisseure werden Bescheid wissen: Es handelt sich hierbei um eine besonders edle Verzierung.

Mag ja alles ganz toll sein - eine neue Ära braucht man deswegen aber noch nicht ausrufen. Ein bisschen besser lässt sich das allerdings schon mit den Änderungen unter der Motorhaube des Continental rechtfertigen.

Die Verwandtschaft mit dem Porsche Panamera

Dazu muss man wissen, dass der Bentley sich nun eine Plattform mit einer anderen Luxuslimousine aus dem VW-Konzern teilt: dem Porsche Panamera. Aus Zuffenhausen übernimmt der Continental neben einigen zeitgemäßen Assistenzsystemen auch die Dreikammer-Luftfeder, die Doppelkupplung sowie den Allradantrieb, bei dem die Vorderachse nur bei Bedarf zugeschaltet wird.

Weil die Marke Bentley aber besonders prestigeträchtig ist und Porsche in diesem Fall die profaneren Autos baut, hat die Entwicklungsabteilung im Stammsitz Crewe in der Grafschaft Cheshire bei Manchester eine Menge Eigenarbeit in die Technik des Wagens gesteckt. Das gilt vor allem für den Motor: Einen sechs Liter großen Zwölfzylinder-Turbo.

Eine Zylinderabschaltung hatte das Aggregat bereits, jetzt ist es außerdem mit einem doppelten Einspritzsystem ausgestattet: Zwölf Düsen pumpen den Sprit unter Hochdruck direkt in die Zylinder und erhöhen so einerseits die Leistung und senken andererseits den Verbrauch. Zwölf weitere Düsen blasen den Treibstoff mit niedrigerem Druck in den Ansaugkrümmer, was die Emissionen vermindern soll.

Von null auf Tempo 100 braucht der Zweitonner 3,7 Sekunden
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Von null auf Tempo 100 braucht der Zweitonner 3,7 Sekunden

Hier also noch ein paar der irren Zahlen, die eingangs versprochen wurden: Der Continental hat nun 635 PS und 900 Newtonmeter Drehmoment, eine Beschleunigung von 0 auf Tempo 100 in 3,7 Sekunden (bei einem Fahrzeuggewicht von mehr als zwei Tonnen!) sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 333 km/h.

Im Vergleich zum Vorgänger hat sich der offiziell gemessene Spritverbrauch außerdem um 16 Prozent verbessert, der Normwert liegt bei unter zwölf Litern. Allerdings ist die Technologie dieses Aggregats nun so komplex, dass der W12 als erster Serienmotor der Welt mit zwei Steuergeräten ausgestattet ist. Ein einziger Rechenprozessor reicht laut den Entwicklern nicht aus, um die Datenflut zu bewältigen.

"Aufwendigster Bentley aller Zeiten"

Weil im Rest des Autos für das Heer von Assistenz- und Komfortsystemen, für das Infotainment und das erste digitale Cockpit in einem Bentley weitere 88 Steuergeräte verbaut sind, spricht Technik-Chef Frech vom bislang "aufwendigsten Bentley aller Zeiten". Das stimmt. Aber ist der Wagen auch zeitgemäß?

Zum VW-Konzern, der sich nach dem Dieselskandal gerne einerseits als bescheiden und andererseits als Vorreiter bei alternativen Antrieben positionieren will, kann ein Auto wie der Continental eigentlich nicht mehr so richtig passen. Aber Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer muss sich da wohl keine Sorgen machen. Denn VW kann Autos mit der Gewinnspanne eines Continental derzeit ganz gut brauchen. Außerdem soll 2018 eine Continental-Variante mit Plug-in-Hybrid auf den Markt kommen. Sogar ein rein elektrischer Sportwagen ist bei Bentley angedacht.

Um den verschwenderischen Luxus - immerhin eine Art Markenkern von Bentley - muss man sich trotzdem nicht sorgen. Solange es weiterhin Gimmicks wie die rotierende Toblerone im Cockpit gibt, ist die Welt in Crewe noch in Ordnung.



insgesamt 105 Beiträge
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TheFunk 05.09.2017
1. Wunderschön.
Aber statt digitaler Instrumente gerne einen gewöhnlichen Tacho, das wäre was. So jetzt werde ich Profi-Fussballer und dann kaufe ich mir diesen Bentley.
observerlbg 05.09.2017
2. Mutig oder provokant?
Herr Grünweg, danke für einen Blick auf meinen Traumwagen: so möchte ich mal fahren. Geh mir weg mit Ferrari, Lambo usw. Aber hier folgen sicher sofort wieder die typischen Kommentare bezüglich Vernunft, Umwelt, Schwanzverlängerung..... Nur soviel: von diesem Fahrzeug werden so wenig hergestellt, dass sie sicher nicht für den Klimawandel verantwortlich gemacht werden können. Sie schaffen aber viele Arbeitsplätze, binden Geld, dass sonst eher in wilde Spekulationen, Immobilien, Waffen, Drogen investiert werden würde. Und ja, diese Fahrzeuge sind dekadent. Ähnlich wie schnöde Fernreisen, Rosen aus Südamerika, frische Erdbeeren im Winter, 400qm-Wohnungen für zwei Personen..... Und nein, wegen solcher Luxusgüter werden keine Kriege angezettelt. Stolz und Ehre befeuern den Wahnsinn, rettet keine Leben, beendet aber Gewaltsam Milliarden Existenzen.
coroona 05.09.2017
3.
Ein richtig nices Auto mit einem richtig nicen Motor. 6L 12 Zylinder Turbo ♥♥♥ VW hat alles richtig gemacht.
Radlermass 05.09.2017
4. Partnerlook
ein wunderschoenes Auto, wirklich! Nur an der Rueckansicht ist der Partnerlook von Rueckleuchten und Auspuff etwas irritierend, finde ich. Aber ich wuerde es verschmerzen, den Anblick habei ich im Cockpit ja nicht und so viele werden nicht direkt vor mir fahren....
rsl1411 05.09.2017
5.
Ein Spon-Artikel über einen Bentley und bisher ausschließlich Kommentare von normalen Leuten? Liegt wohl an der Uhrzeit, die Wir-werden-alle-sterben-Neidhammel schlafen wohl alle noch. Irgendwie bezeichnend... @VW Schönes Auto mit Liebe zum Detail, gefällt mir.
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