Bentley Continental GT Speed: Elefant in Eile

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Bentley Continental GT Speed: Der Schnellste seiner Art Fotos
Bentley

Schwer wie ein Dickhäuter, schnell wie ein Windhund und giftig wie eine Tarantel: Der neue Bentley Continental GT Speed ist gleichzeitig elegant-gediegener Luxusliner und brachialer Sportwagen. Die Verwandlung vom einen ins andere Extrem ist immer wieder überwältigend.

Der erste Eindruck: Das soll ein Sportwagen sein, mit dem man Ferraris jagen kann? Auf den ersten Blick sieht auch der neue Bentley Continental GT Speed aus wie ein Olympia-Athlet, der irrtümlich im Smoking von der Sportlergala auf die Aschenbahn geraten ist.

Wo andere Tiefflieger auf riesiges Flügelwerk und dicke Schweller, Aggression und Adrenalin setzen, schwört der Bentley weiter auf jene zurückhaltende Opulenz, die ihn vor den Schlosshotels dieser Welt genauso gut aussehen lässt wie in Hunderten von Rap- und HipHop-Videos.

Einzig der düster eingefärbte Kühlergrill, neue 21-Zoll-Felgen und von innen ziselierte Endrohre zeugen vom Kraftakt, der die Kundschaft ab November erwartet. Selbst der Heckspoiler duckt sich die meiste Zeit unter die Rückscheibe und taucht nur bei entsprechendem Tempo auf.

Das sagt der Hersteller: Für Bentley ist der GT Speed die Krönung der Continental-Reihe - und mehr als nur ein Nischenmodell. Immerhin kam die Sportversion in der ersten Auflage auf einen Verkaufsanteil von etwa 50 Prozent, sagt der neue Markenchef Wolfgang Schreiber.

Zugleich sieht die britische VW-Tochter in dem 625 PS starken W12-Coupé ein buchstäblich kräftiges Bekenntnis zum Zwölfzylinder. Zwar bietet sie seit einem Jahr auch einen V8-Motor an, und demnächst soll es bei ihr sogar erstmals einen Diesel geben. Doch seit Bentley 2002 den ersten Continental vorgestellt hat, wurden davon 26.000 Exemplare verkauft, die alle mit der Sechsliter-W12 bestückt waren.

Damit hat Bentley bei den Absatzzahlen des Triebwerk-Ungetüms nicht nur die Konzernmutter VW und die Schwester Audi abgehängt, wo der in W-Form konstruierte Motor auch im Phaeton und im A8 angeboten wird. "Das macht uns zum größten Zwölfzylinderhersteller der Welt", sagt Schreiber.

Das ist uns aufgefallen: Dass der Bentley zwei Autos in einem ist: hier der feudale Luxusliner, der edler ausgeschlagen und komfortabler abgestimmt ist als sein in diesem Vergleich fast schon billiger Plattformbruder VW Phaeton. Und da der kraftvolle Wadenbeißer, der jeden Lamborghini locker vor sich herscheucht. Das Beste daran: Für den Wechsel vom einen ins andere Extrem braucht es kaum mehr als ein paar Millimeter Pedalweg und den Griff zum Schaltknauf, den man eine Raste weiter in die Sportstellung schiebt.

Dann fängt der eben noch so vornehme Zwölfzylinder plötzlich lustvoll an zu grölen. Sobald die famose Achtgang-Automatik herunterschaltet oder man den Fuß ein wenig lupft, grollt es in den beiden Endrohren, als würde gleich ein gewaltiges Gewitter aufziehen. Und als wäre die Schwerkraft auf Knopfdruck mal eben außer Dienst gestellt, schwänzelt der 2,3 Tonnen schwere Brite mit seinem Allradantrieb plötzlich behände durch die Kurven.

Am imposantesten ist aber der Spurt auf einer langen Autobahngeraden etwa am Ende einer Baustelle: Wenn man in 4,2 Sekunden auf Tempo 100 ist, in 9,0 schon 160 und einen gefühlten Augenblick später 330 Sachen auf dem Tacho hat, wähnt man sich in einem Jumbo beim Start. Nur dass sich dieser Tiefflieger immer fester an die Fahrbahn saugt, statt seine breite Schnauze in den Himmel zu heben.

Nicht minder bemerkenswert ist allerdings die sogenannte Negativbeschleunigung. So nennen die Ingenieure das Bremsen, das bei so einem rasenden Koloss eine besonders schwere Übung ist. Die optionalen Karbon-Keramik-Scheiben sind deshalb groß wie eine Familienpizza. Und wenn man kurz vor dem nächsten Tempolimit in die Eisen steigt, dann fühlt sich die Verzögerung so heftig an, als wollten die Augäpfel gegen die Frontscheibe knallen.

Kein Wunder also, dass bei einer Vollbremsung genügend Energie frei wird, um damit mehrere Stunden ein Einfamilienhaus zu heizen, wie die Entwickler stolz vorrechnen. Irgendwie schade und auch ein wenig gestrig, dass es im Bentley kein Hybrid-System gibt, das sie wieder auffängt.

Das muss man wissen: Bestellen kann man den GT Speed schon seit ein paar Wochen. Und wer brav die stolze Summe von 204.561 Euro überweist, der kann ab November auf seinen Wagen hoffen.

Unter der Haube steckt der bekannte W12-Motor mit sechs Litern Hubraum, der gegenüber dem normalen Continental noch einmal 50 PS und 100 Nm zugelegt hat. Zwar feiert Bentley den rasenden Riesen sogar beinahe als Spritspar-Modell, weil der Verbrauch zumindest gegenüber dem nur 15 PS schwächeren Vorgänger um 15 Prozent gesunken ist.

Aber erstens sind das dann trotzdem noch 14,5 Liter, und zweitens haben die nicht einmal theoretische Bedeutung. Allein die glorreiche Fanfare beim Anlassen braucht wahrscheinlich so viel Sprit, dass ein Kleinwagen damit 20 Kilometer fahren könnte.

Damit der Koloss so sportlich um die Kurven kommt, haben die Entwickler ein paar kleine, aber wirkungsvolle Details geändert. So haben sie das Fahrwerk nicht nur versteift, sondern vorab schon mal zehn Millimeter tiefergelegt. Bei 180 km/h duckt sich der Continental weitere 15 Millimeter, und über 255 km/h geht der Kniefall noch einmal sechs Millimeter tiefer. Außerdem fährt bei 145 km/h automatisch ein überraschend dezenter Heckspoiler aus, der bei Vollgas 125 Kilo zusätzlichen Abtrieb erzeugt.

Das werden wir nicht vergessen: Wie ungeheuer leicht gut 2,3 Tonnen werden können, wenn man sie mit 625 PS und 800 Nm über eine kurvige Landstraße und enge Alpenpässe treibt. So muss es sich anfühlen, wenn man mit einem Elefanten Tango tanzt.

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insgesamt 88 Beiträge
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1. Sehr blumig
neuundaltgierig 26.10.2012
Ein sehr schönes Auto, deshalb die Begeisterung des Autors in allen Ehren, aber dennoch über das Ziel hinausgeschossen. Ganz sicher scheucht die panzerschwere Kiste nicht "jeden Lamborghini locker" vor sich her. Zwischen dem Aventador beispielsweise und und dem Bentley liegen fahrerisch mehrere Leistungsklassen. Das gilt auch für den Ferrari F12 und praktisch alle "Supersportler". Dennoch: Ein hervorragender Kompromiss, in der Summe sicher das bessere/beste Auto auf dem Preisniveau.
2. Oh oh
matthias_b. 26.10.2012
SpOn sollte aufhören, über solche Autos zu berichten. Der Ökofraktion hier fällt ja beim Lesen das Müsli aus der Hand.
3. Wie?
spon-facebook-1595251575 26.10.2012
Keine beschwerden? Kein "zu groß, zu teuer, nicht zeitgemäß, Mordwaffe, zu hoher Verbrauch" Fast schon langweilig...darüber kann ich mich sonst so herrlich amüsieren... genau, wie die Phase , wo auf einmal cw-Werte, aerodynamische Gleichungen und sonst was für Berechnungen.... Ich warte mal noch bis zur Mittagspause, dann kann ich unter Kollegen wieder die besten Einträge vortragen. Bis dahin stöber ich nochmal im alten M6 und Veyron Vitessebericht... Zum Auto. Edel, aber nicht mein Ding. Aber eine Runde darin würde ich wohl mal drehen wollen...:) Ansonsten nicht meine Liga.
4. Wahnsinn...
tomteg 26.10.2012
...ein über 200.000€ teurer Phaeton im Bentley-Dress. Sorry aber mehr ist der Continental nicht. Und wer das nicht wahrhaben will ist entweder blind oder hat keine Ahnung von Autos. Navigationssystem, Sitzgestelle, ja sogar die Schaltpaddels am Lenkrad - alles Großserientechnik von VW. Über den W12 brauchen wir da erst gar nicht sprechen. Man erwartet nicht, dass die Spiegel Redaktion einen kritischen Bericht über Autos schreiben kann, aber es tut ja überhaupt keiner. Es kommt so vor, als wenn auch die schreibende Konkurrenz nur darauf aus ist, die Konzernmutter nicht zu verärgern um auch weiterhin den billigen Schrott fahren zu dürfen. Mir geht es nicht in den Kopf. Bei einem so exklusiv aufgezogenen Markennamen wie Bentley z.B. eine Navigationssoftware zu verwenden, wie sie auch im Skoda Octavia eingesetzt wird. Und gerade das große Touch-Navi ist mit das schlechteste was es zu kaufen gibt. Hier wird ein Auto auf veraltetem Stand zu neuesten Preisen vertickert. Man hätte ja auch von der Schwestermarke Audi die MMI-Bedienlogik übernehmen können - aber nein, man nimmt diesen Schrott. Es sind die Details auf die es bei der Preiskategorie ankommt. Und wenn ich beim Fahren ständig auf das Lenkrad mit Markenlogo schaun muss, um zu wissen, dass ich nicht in einem "Volkswagen" sitzte, ist irgendwas falsch gelaufen. Aber die degenerierte Käuferschicht der es zu poplig erscheint einen Phaeton zu fahren, dann aber doch nicht solvent genug ist für einen Aston Martin oder Rolls Royce scheint das nicht zu interessieren. Und wieso? Weil sie keine Ahnung haben.
5.
900 26.10.2012
Zitat von sysopBentley Schwer wie ein Dickhäuter, schnell wie ein Windhund und giftig wie eine Tarantel: Der neue Bentley Continental GT Speed ist gleichzeitig elegant-gediegener Luxusliner und brachialer Sportwagen. Die Verwandlung vom einen ins andere Extrem ist immer wieder überwältigend. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/bentley-continental-gt-speed-sportwagen-mit-eleganter-optik-a-861852.html
hübsch, ja, ich finde ihn schön technisch leider ermüdend langweilig: Verbrenner, großer Motor für viel Leistung - gähn ... seit 100 Jahren ... seufz
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Fahrzeugschein
Hersteller: Bentley
Typ: Continental GT Speed (2012)
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: W12-Benziner mit Doppelturbo
Getriebe: Acht-Gang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 5.998 ccm
Leistung: 625 PS (460 kW)
Drehmoment: 800 Nm
Von 0 auf 100: 4,3 s
Höchstgeschw.: 330 km/h
Verbrauch (ECE): 14,5 Liter
CO2-Ausstoß: 338 g/km
Kofferraum: 358 Liter
Gewicht: 2.320 kg
Maße: 4806 / 1944 /1404
Preis: 204.561 EUR
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Bentley Continental GTC: Sunny Side Up


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