Bentley Mulsanne "James, wir können dann"

Die großen Bentley-Limousinen waren in den vergangenen 80 Jahren eigentlich modifizierte Rolls-Royce-Modelle. Das ist nun vorbei. Denn die Briten haben wieder ein eigenständig entwickeltes Flaggschiff, den 2,6-Tonner Mulsanne. SPIEGEL ONLINE war mit dem Auto unterwegs.

Aus Edinburgh berichtet Jürgen Pander

Jürgen Pander

Hat man ein "Full Scottish Breakfast", also ein Frühstück mit Brat- und Blutwurst, Speck und Spiegelei, Bohnen, Kartoffelpie, Pilzen und Grilltomate verzehrt, kann man sich gar nicht vorstellen, jemals wieder Appetit zu bekommen. Unter Autos ist der neue Bentley Mulsanne so etwas wie ein schottisches Traditionsfrühstück. Ein "Mehr geht eigentlich nicht"-Wagen, der auf raffinierte Art schlicht, üppig und edel zugleich ist. "W.O. Bentley, der Gründer unseres Unternehmens", behauptet der heutige Bentley-Chef Franz-Joseph Paefgen, "wäre stolz auf dieses Auto."

Um dies zu verdeutlichen, parkt vor dem Privat-Golfclub in der Nähe von Edinburgh, in dem derzeit die Mulsanne-Premiere stattfindet, auch der letzte Dienstwagen des Firmengründers - ein Bentley 8 Litre des Baujahres 1930. Das schwarz glänzende Automobil ist zugleich der letzte Typ der Marke, der ein ganz und gar selbständig entwickeltes Fahrzeug war. Kurz darauf ging Bentley in Konkurs und die Koexistenz mit Rolls-Royce begann.

Auch das bisherige Top-Modell Arnage, dessen Nachfolge der Mulsanne jetzt antritt, war eigentlich ein Rolls-Royce Silver Seraph mit Bentley-Emblem auf dem Kühler. Seit 1998 gehört die Marke zum VW-Konzern. Unter Wolfsburger Regentschaft wurde zunächst die neue, schlankere Baureihe Continental entwickelt, der wuchtige Arnage aber blieb im Programm und wurde bis vor wenigen Monaten gebaut.

Ab Herbst sollen die ersten Modelle des Mulsanne ausgeliefert werden. Die erste Jahresproduktion, etwa 700 Autos, sei bereits reserviert, frohlockt Vertriebsvorstand Stuart McCullough. Der Grundpreis in Deutschland liegt bei 289.170 Euro, der reale Durchschnittspreis dürfte aber eher bei 350.000 Euro liegen - es locken als Extras eine speziell angerührte Außenfarbe, eine besonders üppige Holzvertäfelung im Innenraum oder die leistungsstärkste Musikanlage in einem Serienauto überhaupt, ein 2200-Watt-System des Herstellers Naim.

Wer möchte, kann den Wagen tagelang konfigurieren

Insgesamt 450 Stunden Bauzeit sind nötig, um das 5,57 Meter lange und nahezu zwei Meter breite Highend-Trumm auf die 20-Zoll-Räder zu stellen. Allein 170 Stunden sind die Mitarbeiter damit beschäftigt, den Innenraum einzurichten. 17 Lederhäute werden dabei verarbeitet und so viel Holz wie bei keinem anderen Modell. Teppiche, Nähte und sogar die Sicherheitsgurte lassen sich ganz nach Geschmack farblich abstimmen. "Es gibt", sagt McCullough, "theoretisch mehr als eine Milliarde Varianten, einen Bentley Mulsanne auszustatten."

Unter der Haube sitzt ein 6,75-Liter-V8-Motor, also eine Maschine mit den klassischen Bentley-Werten, jedoch von Grund auf neu entwickelt. 512 PS leistet das Aggregat, viel wichtiger aber ist das maximale Drehmoment von 1020 Nm, das bereits ab 1750 Kurbelwellenumdrehungen pro Minute anliegt. Auf die Straße gebracht bedeutet das ein Spurtvermögen von 0 auf Tempo 100 in 5,3 Sekunden und eine mögliche Höchstgeschwindigkeit von 296 km/h.

Bei gemütlicher Fahrt arbeiten nur vier Zylinder

Bentley-Chef Paefgen betont, neben der "mühelosen Kraftentfaltung" sei durchaus auch "die Steigerung der Effizienz des Motors" ein Entwicklungsziel gewesen. Daher kämen nun eine Nockenwellenverstellung und eine Zylinderabschaltung zum Einsatz; letztere schaltet bei gemächlicher Fahrt vier Zylinder ab. Außerdem hilft die Achtgang-Automatik beim effizienteren Umgang mit dem Brennstoff. "Insgesamt senkt das den Spritverbrauch um 15 Prozent", sagt Paefgen.

16,9 Liter sind der offizielle Durchschnittswert, und das ungefähr berechnete auch der Bordcomputer unseres Testwagens nach gelassener Fahrt durch die schottischen Lowlands. Der CO2-Ausstoß beträgt folglich 393 Gramm pro Kilometer. Eine Start-Stopp-Automatik hätte den Verbrauch weiter senken können, wurde aber verworfen. "Die Kunden haben uns gefragt, ob man so etwas wirklich brauche", berichtet Paefgen aus Gesprächen mit Bentley-Eignern. Wirklich brauchen tut man eine Start-Stopp-Automatik natürlich ebenso wenig wie man einen Bentley Mulsanne braucht. Aber es wäre doch ein Zeichen gewesen, ein kleines Symbol ökologischen Bewusstseins.

Wer baut die erste grüne Luxuslimousine?

Die Chance, die erste grün angehauchte Luxuslimousine zu bauen, hat Bentley beim Mulsanne also vertan. Fahrerisch ist das Auto allerdings ein Prachtstück. Die variable Luftfederung trägt das durchaus elegant geformte Bollwerk wie ein rohes Ei über die teils rustikalen Straßen. Und auch wenn forciert gefahren wird, bleibt der große Wagen stoisch auf Kurs. Zum gediegenen Fahrgefühl kommt die große Ruhe im Innenraum, was an reichlich Dämmmaterial rund um den Antriebsstrang liegt und an der Doppelverglasung.

Trotz der gewaltigen Motorkraft ist der Mulsanne ein Auto, das Gelassenheit und Zurückhaltung ausstrahlt. Es fehlt an nichts, außer vielleicht an etwas mehr Platz in den vorderen Fußräumen. Das wird aber kaum einen Käufer stören, denn die sitzen in einem solchen Wagen üblicherweise im Fond, strecken die Beine aus und sagen: "James, wir können dann!"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher, 30.04.2010
1. Grauenvoll
Einfach nur grauenvoll!
tfdfdp 30.04.2010
2. Wunderbar
Netter Artikel, wunderbares Fahrzeug - leider etwas außerhalb meiner Rechweite :) Aber mal an den Autor: Bentley´s waren stets für den "sportlichen Herren- bzw. Selbstfahrer" konzipiert, anders als die Fahrzeuge von Rolls-Royce. Daran dürfte sich wenig geändert haben. Wenigstens soweit sollte man über eine Marke informiert sein, wenn man schon als Tester und Autor in deren Genuss kommt.
Sabi 30.04.2010
3. einfach
Einfach nur grauenvoll! Meine Anbtwort auf die obige Aussage : einfach nur neidvoll ! "Neid macht hässlich !" sagen die Ärzte !
weltsensation 30.04.2010
4. Automobile Kostbarkeiten sind oekologisch!
Wenn man sich die Oekobilanz eines Fahrzeugs ansieht, sollte die Herstellung, Reparaturen und auch die Verschrottung eine Rolle spielen. Viele dieser leider suendhaft teuren Automobile waren und sind auch und gerade Liebhaber- und Sammlerstuecke und werden oft ueber Jahrzehnte gefahren und liebevoll gewartet. Ueber 90% aller jemals gebauten Rolls-Royce fahren noch oder koennten es zumindest!
TeaRex 30.04.2010
5. Schön ist was anderes
Motto "isch mach disch platt"? Sieht jedenfalls unangenehm dumpf-agressiv aus die Kiste. Ein feines Auto ist was anderes. Aber in China und Kasachstan zielt man wohl auch eher auf den neureichen mehr-oder-weniger-Mafioso als auf den gutbetuchten englischen Gentleman.
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