BMW 5er GT Rätsel mit Rucksack

Dieses Auto ist allen ein Rätsel: Seit BMW den 5er GT enthüllte, fragen sich Autoexperten, wer genau das wunderliche Gefährt eigentlich kaufen soll. Auch die erste Testfahrt liefert darauf keine rechte Antwort, obwohl der große Unverstandene durchaus Fahrspaß bietet.


Spott und Häme begleiten ihn - zum 5er GT fällt einfach jedem ein blöder Spruch ein. "GT - wie gewaltiges Trumm" ist durchaus naheliegend, und auch als "buckliger Biber" wurde das Fahrzeug im Kollegenkreis bereits geschmäht. Schon in den vergangenen Jahren strapazierten manche BMW-Designs das Stilempfinden der Fans - und dieser Gran Turismo ist erneut eine schwere Prüfung für die Kundschaft.

Fünf Meter ist er lang, 1,55 Meter hoch - mit einer Karosserie, die wie eingeklemmt wirkt zwischen der flachen Dachlinie eines Coupés und der hohen Gürtellinie eines SUVs. Mit der Eleganz italienischer oder britischer Zweitürer, die einst die Gattung der großen Reisewagen begründeten, hat dieses Auto nichts gemein.

Die dritte Spielart der 5er-Baureihe, die sich weitgehend aus dem Baukasten des 7ers bedient, will drei Autos in einem sein. "Wir kombinieren den Luxus einer Limousine mit der Variabilität eines Kombis und der erhabenen Sitzposition eines Geländewagens", schwadroniert BMW. Ab 55.200 Euro gibt es das angebliche All-Inclusive-Auto mit zunächst drei Motorvarianten von 245 bis 407 PS; Ende Oktober beginnt der Verkauf.

Damit ist der 5er GT bei vergleichbarer Ausstattung etwa 3000 Euro teuer als der Kombi 5er Touring; jedenfalls in der Theorie. Denn in der Preisliste vom Format einer Zeitschrift finden sich so viele Extras - von Einzelsitzen im Fond über eine Aktivlenkung bis zum Nachtsichtsystem - dass man den Preis einzelner Varianten mühelos ins Sechsstellige treiben kann. Auch darin ist der Gran Turismo einer Luxuslimousine näher als einem Mittelklasse-Kombi.

Auch BMW spielt jetzt mit der doppelten Heckklappe

Auch wenn sich der Sinn dieses Autos nicht von selbst erschließt, hat der Wagen durchaus einen gewissen Reiz. Vor allem für die Hinterbänkler ist der Viertürer ein Genuss, weil sie auf den elektrisch um zehn Zentimeter verschiebbaren Einzelsitzen mehr Schulter- und Beinfreiheit genießen als im Fond vieler Luxuslimousinen. Und obwohl man höher sitzt als sonst, wird es nach oben nicht eng: Zwei Dellen im Dachhimmel sorgen für Kopffreiheit und das riesige Panoramadach auf Wunsch für unbegrenzten Weitblick.

Hinter den Fondsitzen geht es ungewohnt weiter. Erstmals baut BMW hier eine separate Rückwand ein, die sich unabhängig von der Sitzlehne umklappen lässt. Selbst wer innen ein wenig mehr Platz nutzen möchte, kann den Innenraum vor Außeneinflüssen isolieren. Flexibel ist auch die Heckklappe: Ähnlich wie beim Skoda Superb öffnet sich entweder eine Luke bis unter die Heckscheibe oder eine große Klappe bis ins Dach. Das Ladevolumen kann von 440 auf mehr als 1700 Liter erweitert werden; die hohe Stoßstange allerdings verlangt manchen Kraftakt.

Die Zeche für den Freiraum im Fond zahlen die Passagiere in der ersten Reihe. Weil die vorderen Türen kürzer sind als die hinteren, und weil die Verschiebbarkeit des Gestühls eingeschränkt ist. Überhaupt machen einige Details stutzig. Warum etwa kann man bei einem um die Rücksitze herum entwickelten Auto den leeren Beifahrersitz nicht vom Fond aus verstellen? Warum ziehen sich die rahmenlosen Türen nicht wie im 7er automatisch zu? Warum konnten die Aerodynamiker die lästigen Windgeräusche nicht beseitigen? Warum sieht man durch den Innenspiegel weniger als durch eine Schießscharte? Und warum muss man hinten bei Einsteigen erst den Kopf einziehen, eh man dann aufrecht und ausgestreckt sitzen kann?

Wenn der Wagen losfährt, fallen die zwei Tonnen Gewicht scheinbar ab

Derartige Fragen wirken kleinlich, sobald man hinter dem Steuer sitzt. Als seien die überflüssigen Pfunde abgefallen, wird der barocke Bayer dann scheinbar handlich und klein - und es geht sportlich dahin. Zwei Tonnen Leergewicht sind wie weggeblasen, wenn das adaptive Fahrwerk mit luftgefederter Hinterachse das Auto auf den Asphalt heftet und das lenkende Heck selbst engen Kurven, schnellen Spurwechseln oder kniffligen Parkhäusern den Schrecken nimmt. Allradantrieb, bislang noch nicht verfügbar, soll binnen Jahresfrist nachgereicht werden.

Zur Motorenpalette: Zwar gibt es für Unverbesserliche den 550i für 75.300 Euro mit einem 407 PS starken V8-Motor, doch die kleineren Maschinen sind schon groß genug. Der neue Sechszylinder-Direkteinspritzer mit Doppelturbo im 535i (ab 55.700 Euro) leistet 306 PS. Maximal 400 Nm lassen das Dickschiff in 6,3 Sekunden scheinbar mühelos auf Tempo 100 rauschen - und danach geht es weiter bis zum Limit bei 250 km/h. Der Verbrauch? Liegt in der Theorie der Prüfbedingungen bei 8,9 Litern.

Zu allen Motoren gibt es eine neue Achtgang-Automatik

Sparsamer, kaum weniger dynamisch und obendrein 500 Euro billiger ist das Modell 530d. Dessen Sechszylinder-Diesel kommt auf 245 PS, erreicht Tempo 100 nach 6,9 Sekunden und treibt das Auto auf maximal 240 km/h. Die schlagenden Argumente sind der Durchschnittsverbrauch von 6,5 Liter und die Reichweite von fast 1100 Kilometern.

Alle drei Motoren kombiniert BMW mit einer neuen Achtgang-Automatik, die es sonst bislang nur in der V12-Version des 7ers gibt. Sie wechselt die Gänge sehr sanft, reduziert lästige Drehzahlsprünge und leistet obendrein einen Beitrag zu den eher zurückhaltenden Trinksitten des Luxusdampfers.

Mit solchen Vorteilen kann BMW die potentiellen Kunden des Gran Turismo nur überzeugen, wenn sie sich überhaupt erst einmal hinters Lenkrad locken lassen. Vorhersagen ob der 5er GT, wie von vielen prognostiziert, ein Flop wird, sind aktuell noch Kaffeesatzleserei. BMW darf trotz der verbreiteten Skepsis optimistisch sein. Auch das Geländecoupé X6 wurde anfangs nicht recht verstanden - heute ist das Auto der einzige BMW mit Lieferfrist.

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insgesamt 53 Beiträge
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mk84 07.09.2009
1. Automobiler Schwachsinn
Anstatt die Modellpalette in Richtung "Kleiner, aber feiner" auszurichten und sich auf die Entwicklung emissionsfreier Fahrzeuge zu konzentrieren, werden gerade von deutschen Herstellern immer wieder die Protz-Bedürfnisse reicher Proleten befriedigt. Gut, wer würde solche unglaublich unsinnigen und hässlichen Fahrzeuge (siehe auch Mercedes CLS) sonst kaufen? Bei den Automobilunternehmen scheint das Geld immer noch recht locker zu sitzen, denn die Entwicklung solchen Schwachsinns auf vier Rädern ist ja bekanntlich auch nicht gerade billig.
tanni95, 07.09.2009
2. Der...
Zitat von mk84Anstatt die Modellpalette in Richtung "Kleiner, aber feiner" auszurichten und sich auf die Entwicklung emissionsfreier Fahrzeuge zu konzentrieren, werden gerade von deutschen Herstellern immer wieder die Protz-Bedürfnisse reicher Proleten befriedigt. Gut, wer würde solche unglaublich unsinnigen und hässlichen Fahrzeuge (siehe auch Mercedes CLS) sonst kaufen? Bei den Automobilunternehmen scheint das Geld immer noch recht locker zu sitzen, denn die Entwicklung solchen Schwachsinns auf vier Rädern ist ja bekanntlich auch nicht gerade billig.
...ist doch "kleiner und feiner" als die üblichen Protzkisten (Q7, Cayenne.... und wie sie alle heißen). Also mir gefällt das Auto, ideal für die mehrköpfige Familie. Nachteil: Wer eine mehrköpfige Familie hat, hat kein Geld mehr für solch ein Auto.
horatio_d 07.09.2009
3. frage des maßstabes
also, die R-Klasse von Mercedes kann der einzige Vergleich sein und dann ist dieses Auto deutlich attraktiver. Außerdem bleibt festzuhalten, dass man, wenn die ganzen "politisch korrekten" SUV, wie Tiguan und Co (deren Sinn vermutlich ähnlich fragwürdig ist wie der eines Touareg und Co) nicht immer als künstlichen horizont haben will, man sich nicht wundern sollte, dass die anderen Fahrzeuge auch höher werden. Da ist ein 5er GT doch die bessere Alternative zu X5, X6 etc. Tanni95 muss ich da uneingeschränkt zustimmen... Wenn ich es zahlen könnte, wäre dies Auto in meiner engeren Wahl. Weniger protzig als ein X5, weniger Status als ein 7er, aber mehr Komfort als der 5er... Und das Aussehen als Anmerkung zu mk84: Geschmack war schon immer eine individuelle Angelegenheit und sollte jedem selbst überlassen sein. CLS gefällt mir auch nicht, doch Einheitsbrei noch weniger. Freundlichen Gruß
varesino, 07.09.2009
4. Arme Auto-Indistrie
Ein anderes Auto so überflüssig wie ein Kropf und die perfekte Antwort auf Fragen die nie gefragt wurden. Ein Dank an die Marketing-Abteilung von BMW. Wie viele Entwicklungsstunden wurden dafür verdummt? Wie groß war das Budget? Aber BMW ist in guter Gesellschaft. Viertürige Coupes, Sports Tourer, Sportbacks, Multi-funktionale Raumkonzepte, etc. pp.. Die Automobil-Krise hat gerade Gestalt angenommen. Gruss Varesino
Timbi, 07.09.2009
5. 5er GT macht Sinn
Ich denke auch das dieses Fahrzueg durchaus seine Berechtigung hat. Design hin, oder her, das kann man eh nicht diskutieren. Ich bin schon häufiger mal SUV's und Van's gefahren. Die höhere Sitzposition ist sehr angenehm. Der 5er GT bietet das auch. Laut bmw.de braucht der 5er GT dann auch noch knapp zwei Liter (6,5 Liter im Drittelmix) weniger wie der X5. Das wäre für mich schon ein Argument, zumal ich kein Fan von SUV's bin. Also ich werde mir das Fahrzeug mal anschaun. Man kann für BMW nur hoffen, dass der 5er GT nicht so ein Flopp wird wie die R-Klasse von Mercedes. Und bitte BMW: KLEINE MOTOREN anbieten, ein Zweiliterdiesel ist doch vollkommen ausreichend. Nicht jeder muss auf dem Nürburgring seinen Mann stehen...
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