BMW Active Hybrid 7 Faustschlag mit dem Samthandschuh

Öko geht anders: Der BMW Active Hybrid 7 hat einen wuchtigen V8-Motor und ein eher possierliches Elektroaggregat an Bord. Dafür fährt er der Konkurrenz von Mercedes und Lexus locker davon. Wie gut der Teilzeitstromer ist, klärt eine erste Ausfahrt von SPIEGEL ONLINE.


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BMW Active Hybrid 7: Das grüne Alibi fährt mit
Keineswegs habe man die Hybridentwicklung verschlafen und oder die Prioritäten falsch gesetzt, nein nein. Man habe sich einfach mehr Zeit gelassen, um die Arbeit gründlich zu erledigen. So erklärt BMW-Manager Oliver Walter den Umstand, dass die Münchner fast ein Jahr hinter Mercedes herhinken, wenn sie im April 2010 unter dem etwas sperrigen Namen Active Hybrid 7 die teilelektrisierte Variante ihres Flaggschiffs auf den Markt bringen.

Obwohl der Elektromotor, der Lithium-Ionen-Akku und die Steuerelektronik in Gemeinschaftsarbeit mit Daimler entstanden, wollte BMW das bei Mercedes eingesetzte Konzept nicht ein zu eins übernehmen. "Bislang waren Hybridfahrzeuge immer geprägt von Kompromissen", mäkelt Produktmanager Walter an der Konkurrenz herum. Mal bleibe die Funktionalität auf der Strecke, mal die Fahrdynamik. "Fahrspaß stand bei Hybridmodellen bislang eher nicht im Vordergrund, und auch wir haben uns damit sehr schwer getan", räumt der BMW-Mann ein.

"Weltweit ist der 7er die dynamischste Art, einen Hybrid zu fahren", behauptet BMW-Sprecher Dirk Arnold. Man ahnt was er meint, wenn man den gewaltigen V8-Motor unter der Haube sieht, dessen Leistung auf 450 PS aufgebohrt wurde. Ist auch der 20 PS starke Elektromotor im Einsatz, steigt die Systemleistung auf 465 PS und das maximale Drehmoment auf 700 Nm.

Damit ist der Hybrid dem klassisch motorisierten 750i um rund 60 PS und 100 Nm voraus - und auch mit dem Hybridmodell der S-Klasse nicht mehr zu vergleichen. Wo Mercedes einen Sparer im Smoking konzipiert hat, ist der BMW eher ein Leistungssportler mit elektrischem Schrittmacher und ist dem Konkurrenten mit dem Stern auf der Haube um 200 PS voraus.

Der BMW-Hybrid ist schneller, der Mercedes-Hybrid vernünftiger

Logischerweise ist der BMW dadurch der schnellere Hybrid, und ebenso logisch ist es, dass der Mercedes das vernünftigere Auto ist: Der Durchschnittsverbrauch der S-Klasse liegt mit 7,9 Litern um 1,5 Liter niedriger als jener des 7ers, und beim Preis sind es rund 20.000 Euro Differenz. Der BMW Active Hybrid 7 kostet 105.900 Euro in der Normal- und 112.500 Euro in der Langversion - teurer war Hybridfahren noch nie.

Bei der ersten Ausfahrt rund um München überzeugt das Auto mit einem gewaltigen Antritt. Obwohl die Hybridtechnik das ohnehin stattliche Gewicht um weitere hundert Kilo erhöht, wirkt der Wagen agil und aggressiv. Wer das Pedal durchdrückt, spürt in der Magengrube eine Art Faustschlag mit dem Samthandschuh, die Reifen scharren über den nieselfeuchten Asphalt, die Traktionskontrolle regelt fleißig, und der Luxusliner legt los. In 4,9 Sekunden jagt er auf Tempo 100. Hybrid-Fahren war ursprünglich mal ganz anders gedacht.

Unter zehn Liter zu kommen, dürfte im Alltag schwierig werden

Und so wird der offizielle Normverbrauch von 9,4 Litern zur Makulatur. Natürlich kann man das Auto mit eiserner Selbstbeherrschung auf der Landstraße tatsächlich mit acht oder neun Liter Verbrauch fahren. Und auch zehn Liter im Schnitt auf der Autobahn wären kein Hexenwerk. Doch verleitet der Wagen eben auch zur Kraftmeierei - und damit steigt der Durst. BMW jedoch argumentiert unverdrossen, dass im Vergleich zum 750i ohne Elektromotor der Verbrauchsvorteil von rund zwei Liter je hundert Kilometer erhalten bleibe, unabhängig von der Gangart.

Beim Fahren spürt man den Einsatz des im achtstufigen Automatik-Getriebe integrierten Elektromotors kaum: Er schiebt den Wagen geräuschlos an und arbeitet im Schubbetrieb kaum merklich als Generator. Nur wenn er beim Ampelstopp den Verbrenner erst anhält und dann wieder anwirft, macht er sich bemerkbar.

Einige Kompromisse muss man natürlich doch eingehen

So kompromissfrei wie es Produktmanager Walter verspricht, ist der Hybrid-7er freilich nicht. Einerseits fehlt dem Wagen ein rein elektrischer Fahrmodus. Auch wenn das vielleicht nicht die effizienteste Art der Fortbewegung ist, bleibt es doch die eindrucksvollste, allein schon wegen der fast lautlosen Bewegung.

Zweiter Haken ist die sogenannte Hybrid Power Unit, jene gekühlte Lithium-Ionen-Batterie, die BMW nur dürftig verkleidet in den Kofferraum gepackt hat. Weil das Ding fast so groß ist wie eine Kiste Mineralwasser, schrumpft das Ladevolumen von 500 auf 460 Liter; immerhin bleibt die Durchreiche durch die Rücksitzlehne weiter nutzbar.

Zwar hat sich BMW reichlich Zeit gelassen für das erste Hybridmodell, doch nun soll es Schlag auf Schlag gehen. Schon in ein paar Tagen wird die Hybridvariante des X6 vorgestellt. Und auch andere Modelle sollen bald elektrische Verstärkung erhalten. Vorstandschef Norbert Reithofer sagt: "Bis hinunter zum 3er kann ich mir die Hybridisierung gut vorstellen."



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