Prototyp BMW Dreier Die Kurve gekriegt

Für Hersteller ist es nicht leicht, einen Klassiker wie den Dreier zu erneuern. Ist die Veränderung groß, wenden sich viele Fans ab. Ist sie zu klein, sind alle enttäuscht. BMW hat bei der Mittelklasse vieles richtig gemacht.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Dreier ist für BMW das, was für VW der Golf und für Porsche der 911er ist: Auf ihm fußt das Image der Marke, das seit Jahrzehnten "Freude am Fahren" verspricht. Die Mittelklasselimousine wird nun bereits in der sechsten Generation gebaut und steht kurz vor dem nächsten Modellwechsel.

Intern wird die Baureihe - etwas unglücklich - G20 genannt. Zum Jahresende feiert sie ihr Debüt und wird ab März 2019 ins Rennen gehen gegen die frisch renovierte Mercedes C-Klasse und den zumindest im Detail aufgewerteten Audi A4. Einmal mehr soll der Dreier deshalb zur ultimativen Sportlimousine werden, sagt Jürgen Brack aus dem Entwicklungsteam.

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Prototyp BMW Dreier: Neue Hardware

Er selbst treibt den Prototypen über eine Strecke, die gemeinhin als Gradmesser für Fahrdynamik gilt: die legendäre Nordschleife des Nürburgrings. Die gut 20 Kilometer in der Eifel sind so fordernd, dass man dort ein Autoleben im Zeitraffer simulieren kann. Nach ein paar Dutzend Runden auf der Berg- und Talbahn wissen die Entwickler, ob ein Bauteil im Alltag viele Zehntausend Kilometer halten wird. Doch Brack und seinen Kollegen geht es weniger um Dauerhaltbarkeit, sondern vor allem um Durchschnittsgeschwindigkeiten, Kurvenkräfte und Federwege - kurz: um maximale Dynamik.

50 Kilo leichter als der Vorgänger

Bei vielen anderen Herstellern wird der größte Teil des Entwicklungsbudgets mittlerweile in Software investiert, doch die Bayern haben diesmal viel Geld für neue Hardware ausgegeben und das Fahrwerk gründlich auf Vordermann gebracht, sagt Brack. Der Dreier ist 50 Kilo leichter geworden, hat einen zehn Millimeter niedrigeren Schwerpunkt und eine 30 Millimeter breitere Spur. Ein neues Dämpfersystem soll durch einen zusätzlichen Kolben bis zu 50 Prozent mehr Dämpfkraft erzeugen. Das Ergebnis ist eine entspannte und gelassene Art von Dynamik, die den Zielkonflikt zwischen Sportlichkeit und Komfort entschärft. "Hart machen kann ein Fahrwerk jeder", sagt Brack. "Aber komfortabel und trotzdem verbindlich zu sein, ist eine Kunst, die wir hier beim neuen Dreier mit den neuen Dämpfern auf das nächste Level heben", wirbt er.

Das Ergebnis ist tatsächlich eine Art Rundum-sorglos-Gefühl in einer Limousine, die man ohne Bedenken und vor allem ohne Anstrengung mit mehr als 200 km/h über die Autobahn bewegen kann - oder wenn's sein soll auch über die Nordschleife.

Was unter den Tarnmatten im Innenraum herausschaut, wirkt sehr vertraut und typisch BMW
BMW

Was unter den Tarnmatten im Innenraum herausschaut, wirkt sehr vertraut und typisch BMW

Ganz ohne Software geht das natürlich trotzdem nicht. Die Lenkung und in den gehobenen Ausstattungen auch die Dämpfer sind elektronisch geregelt und zum ersten Mal bekommt der Dreier ein elektronisches Sperrdifferenzial an der Hinterachse. Damit kann die Kraftverteilung im Heck noch besser gesteuert und der Wagen entsprechend schneller ums Eck gebracht werden.

Gralshüter der Fahrfreude

Zwar wissen auch die Bayern, dass die Digitalisierung unaufhaltsam ist und im Zweifel große Bildschirme, schnelle Datenverbindungen und schlaue Assistenten den meisten Kunden wichtiger sind als hohe Kurvengeschwindigkeiten. Doch Männer wie Jos van As wollen die alten Werte der Autoindustrie noch nicht verloren geben.

Der Niederländer ist so etwas wie der Gralshüter der Fahrfreude in der Entwicklung von BMW und will sich nicht allein auf die Überzeugungskraft der Programmierer verlassen. Software ist austauschbar, und die Assistenzsysteme sind im Grunde überall ähnlich, kommen bisweilen sogar von denselben Zulieferern, argumentiert er. Deshalb sei es am Ende eben doch die Fahrdynamik, die den Unterschied mache, sagt der Testfahrer und startet seinen 330i. Die Limousine mit Vierzylinder unter der Haube kommt auf 258 PS und 400 Nm, sie soll rund fünf Prozent weniger verbrauchen als bisher.

Wenn van As ausnahmsweise mal auf den Beifahrersitz wechselt, erlebt man als Gastfahrer den neuen Dreier tatsächlich als aufgewecktes Auto. Er fährt sich strammer und sportlicher als die Mercedes C-Klasse oder der Audi A4, ist dabei trotzdem nicht bretthart und ermüdend wie ein Sportwagen.

Videokamera, die dem Fahrer vom Cockpit aus in die Augen schaut

Ein Assistenzsystem im Cockpit hätten sich die Bayern deshalb wahrscheinlich sparen können - die Videokamera, die dem Fahrer vom Cockpit aus in die Augen schaut und seine Aufmerksamkeit überwacht. Denn wenn Brack und van As ihren Job ordentlich gemacht haben, sollte der Dreier die letzte Limousine sein, in der man schläfrig wird.

Anm.: Wir haben die Generation des BMW Dreiers im Text korrigiert.


Zusammengefasst: Der Dreier ist das mit Abstand sportlichste Auto in seiner Klasse. Für die Neuauflage, die ab März 2019 beim Händler stehen wird, investierte BMW maßgeblich in die Hardware, um die Fahrdynamik weiter zu verbessern. Dazu gehört ein neues Dämpfersystem, welches das Fahrwerk zusätzlich komfortabel machen soll.

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insgesamt 90 Beiträge
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vormaerz 16.08.2018
1. Fährt er mit fossilem Brennstoff?
Ach ehal: Das Ergebnis ist tatsächlich eine Art Rundum-Sorglos-Gefühl in einer Limousine, die man ohne Bedenken und vor allem ohne Anstrengung mit mehr als 200 km/h über die Autobahn bewegen kann - oder wenn's sein soll auch über die Nordschleife.
quark2@mailinator.com 16.08.2018
2.
"... einer Limousine, die man ohne Bedenken und vor allem ohne Anstrengung mit mehr als 200 km/h über die Autobahn bewegen kann ..." Na das hört sich ja revolutionär an. Sorry, aber selbst in den 90ern hatten wir das schon. Das Problem mit 200++ km/h ist nicht das Auto, sondern das die Piste nicht leer ist und man vorhersehen muß, was kommen könnte. Und wenn einem das mal abgenommen wird und das Auto das selbst macht, dann fährt man nicht mehr selbst (autonom), sondern dann fährt einen das Auto (was komischerweise "autonom" genannt wird). Wir halten also fest, es bleibt alles beim Alten ... BMW kann auch weiterhin konkurenzfähige Autos bauen ... was auch gut ist :-) ...
goombasko 16.08.2018
3. Ob BMW den Turbolader nun hinbekommen hat?
Ich habe beim 3er den ersten Turbolader bei ca. 120.000 Km und den zweiten in einem weiteren(!) dreier bei ca. 150.000 Km Schaden defekt. Bei einer ganz normalen Fahrweise. Beim zweiten Fall hat es den Motor gleich mit gerissen. Antwort von BMW: Schulterzucken. Willkommen im Club der toten Turbolader. Das Web ist voll mit Infos dazu. Fazit: Nein, danke ohne eine Garantie, dass der Motor auch mehr als die hälfte der Lebenszeit mit dem Turbolader geht.
phiasko76 16.08.2018
4. Verkaufszahlen..
Die Verkaufszahlen des 3er sind seit 2002 eingebrochen, haben sich in Deutschland nahezu halbiert. Ein Erfolgsmodell ist der 3er hierzulande schon lange nicht mehr. A4 und C-Klasse schlagen sich da in den letzten Jahren wesentlich besser..
Dreamwalker1984 16.08.2018
5. Instrumententafel und Motorisierung
Das Gute vorab: Den 3er wird es wohl bereits von Beginn an auch als Plugin-Hybrid geben. Konkret unter den Modellbezeichnungen 330e und 325e. Für 2020 ist auch ein komplett batterie-elektrisch angetriebenes Modell mit 500km Reichweite geplant. Unabhängig davon: Die Instrumententafel ist ... gewöhnungsbedürftig. Es mag jetzt nach "alte Schule" klingen: Aber ich bevorzuge nach wie vor eine runde Darstellung von Geschwindigkeits- und Drehzahlanzeige. Da es sich, soweit erkennbar, um ein vollständig digitales Anzeigeninstrument handelt habe ich noch die Hoffnung, dass sich das Ganze über Profile einstellen lässt.
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