Autogramm BMW F 700 GS Das Kleinvieh macht Mist

BMW hat seine kleine Reiseenduro umfassend überarbeitet und das Ergebnis überzeugt: Der Fahrer ist sicher und entspannt unterwegs, die Maschine leicht und handlich. Doch so angenehm das Motorrad, so unverschämt die Preispolitik des Herstellers - in der Extra-Liste lauern böse Überraschungen.

BMW

Der erste Eindruck: Schon auf den ersten Blick sieht man der Maschine an, dass ihre Stärken auf längeren Reisen über Asphalt liegen. Und nach einer ersten Sitzprobe ist die Vorfreude auf eine Tour durch das Hamburger Umland groß.

Bei vielen modernen Reiseenduros ist es wie mit SUVs - sie taugen zwar theoretisch für den Ausflug ins leichte Gelände, den treten die Fahrer aber fast nie an. Für sie zählt Komfort - und dazu gehört offensichtlich auch die beruhigende Gewissheit, dass man könnte, wenn man wollte. Das gilt auch für die BMW F 700 GS.

Das sagt der Hersteller: BMW nennt die F 700 GS den "ultimativen Allrounder". Die Maschine soll im Vergleich zum Vorgänger F 650 GS spritziger geworden sein - dank erhöhten Hubraums von 652 auf nun 798 Kubikzentimeter und einer kürzeren Getriebeübersetzung. Der Reihenzweizylinder leistet jetzt 75 statt 71 PS.

Außerdem preist der Hersteller das Motorrad wegen des Gewichts von 209 Kilogramm (vollgetankt), der niedrigen Sitzhöhe und der Möglichkeit zur Tieferlegung auf 765 Millimetern als besonders für Frauen geeignet an. Allerdings bieten auch andere Hersteller vergleichbare Motorräder mit ähnlichen Eigenschaften. So wiegt etwa die Triumph Tiger 800 nur ein Kilogramm mehr als die BMW. Auch die Sitzhöhe lässt sich bei der Triumph verstellen, überragt aber mit minimal 810 Millimetern das Niveau der F 700 GS deutlich.

Neben der Flexibilität schreiben die Bayern auch das Thema Sicherheit groß. Erstmals ist das Modell serienmäßig mit einem ABS ausgerüstet.

Das ist uns aufgefallen: Unser Testmotorrad war ausgerüstet mit der Komfortsitzbank (Aufpreis: 290 Euro) - der Name ist Programm. Das Polster ist so konstruiert, dass der Steiß leicht gestützt wird, weil die Bank gestuft ist. Dadurch sitzt der Sozius auch etwas höher als der Fahrer.

Die Verarbeitung ist - wie von BMW gewohnt - einwandfrei, die Spurtreue und Federung hervorragend, zumal die Dämpfung mit dem optionalen Electronic Suspension Adjustment per Knopfdruck am Lenker auf den jeweiligen Fahrsituation angepasst werden kann. Dafür wird allerdings ein Aufpreis von 290 Euro fällig.

Am gepriesenen Reisekomfort lässt zunächst der winzige Windschild zweifeln. Er überragt das Cockpit nur um wenige Zentimeter. Kann dieses Miniaturscheibchen den Fahrer wirkungsvoll vom Wind entlasten? Ja! Selbst größere Fahrer sind bei Geschwindigkeit bis 130 km/h gut geschützt. Reizt man das Potential des Parallel-Twins voll aus, sollte man jedoch keine Wunder erwarten. Bei Tempo 180 zerrt der Wind kräftig an den Schultern.

Das muss man wissen: Die F 700 GS ist in der Grundausstattung ein absolut robustes und ausreichend leistungsstarkes Motorrad. Mit einem Basispreis von 8750 Euro erscheint das Modell zunächst auch recht preiswert - ein Merkmal, mit dem BMW-Bikes eher selten glänzen können.

Und bei genauere Betrachtung der Preisliste entpuppt sich das Motorrad dann auch schnell als Groschengrab. Allein das Sicherheitspaket schlägt mit 690 Euro Aufpreis zu Buche, dabei betont BMW genau dieses Thema in der Werbung. In der Basisversion verfügt das Bike allerdings gerade mal über ABS. Erst mit der Sonderausstattung gibt es die Stabilitäts- und Reifendruckkontrolle sowie die flexiblen Fahrwerkseinstellungen per Knopfdruck.

Teuer wird's auch, wenn man die BMW mit Stauraum aufrüsten möchte. Allein die Seitenkoffer kosten 500 Euro. Damit man sie am Motorrad befestigen kann, werden noch mal 190 Euro für die Halterungen fällig.

Während das noch durchaus als Branchenüblich gelten kann, lässt einen das tiefere Studium der Liste aufpreispflichtiger Extras nur noch fassungslos zurück. Da findet sich zum Beispiel ein Motorrad-Navigationsgerät für satte 750 Euro. Zusätzliche 65 Euro werden für die Halterung fällig.

Doch damit ist der finanzielle Aderlass noch nicht zu Ende. Denn um die Halterung am Motorrad zu befestigen, in der das Navigationsgerät eingehängt wird, braucht man Schrauben, und zwar vier an der Zahl . Die aber liegen nicht etwa der Halterung bei, sondern stehen auch in der Preisliste, und zwar für sechs Euro - pro Stück.

Das ist, schlicht gesagt, eine Frechheit - und vor allem unschlau. Der Gewinn, den BMW mit dem Eisenwaren-Kleinsortiment machen wird, dürfte überschaubar sein. Der Verlust an Sympathiewerten dagegen immens hoch. Uns zumindest ist die Lust auf das Motorrad nach dieser Erkenntnis gründlich vergangen. Und wenn sich Kunden angesichts so einer Philosophie zum Markenwechsel entschließen, wäre das nicht überraschend.

Das werden wir nicht vergessen: Wie ausgereift die BMW F 700 GS ansonsten ist. In allen Alltagssituationen lässt sich die Maschine einwandfrei beherrschen. Und die knapp 800 Kubik reichen auch vollkommen aus, um gelegentliche Fahrten bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn zu unternehmen - vor allem im Vergleich zur deutlich wuchtigeren 1200 GS. Das klasse Handling der Kleinen zeigt sich auch am Ende der Fahrt. Das Motorrad lässt sich leicht und ohne übermäßige Kraftanstrengung auf dem optionalen Hauptständer aufbocken.



insgesamt 57 Beiträge
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dlmb 21.10.2012
1. Wo ist das Problem?
Im Grundpreis ist ABS mit enthalten, alles andere ist teures Zubehör, das man nicht unbedingt braucht und sich fast alles auch problemlos von anderen Anbietern beschaffen kann. Andere Anbieter lassen sich beispielsweise ABS noch zusätzlich mit etlichen hundert Euro zusätzlich bezahlen - das finde ich wesentlich schlimmer als Apothekenpreise für Koffer, die man leicht woanders kaufen kann.
dani216 21.10.2012
2. denkbar wäre bei der Preispolitik
Zitat von sysopBMWBMW hat seine kleine Reiseenduro umfassend überarbeitet und das Ergebnis überzeugt: Der Fahrer ist sicher und entspannt unterwegs, die Maschine leicht und handlich. Doch so angenehm das Motorrad, so unverschämt die Preispolitik des Herstellers - in der Extra-Liste lauern böse Überraschungen. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/bmw-f-700-gs-leichte-reiseenduro-ueberzeugt-im-test-a-861273.html
natrürlich auch, dass BMW die Käufer vorsätzlich abschrecken möchte. Vielleicht hat man es aus Reichtumsgründen einfach nicht mehr nötig. Das impliziert natürlich, dass es immer noch genügend Käufer gibt, die bereit sind, solche abartigen Preise zu bezahlen. Naja, gibts ja auch bei Apple.
k-3.14 21.10.2012
3. optional
...die Maschine leicht und handlich... Die Meinung kann ich bei genannten 186 kg nicht teilen. 209 Kilogramm (vollgetankt)
prince62 21.10.2012
4. Na ja, der Preis ist heiß!
Zitat von sysopBMWBMW hat seine kleine Reiseenduro umfassend überarbeitet und das Ergebnis überzeugt: Der Fahrer ist sicher und entspannt unterwegs, die Maschine leicht und handlich. Doch so angenehm das Motorrad, so unverschämt die Preispolitik des Herstellers - in der Extra-Liste lauern böse Überraschungen. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/bmw-f-700-gs-leichte-reiseenduro-ueberzeugt-im-test-a-861273.html
Ist doch leicht verständlich der Super-Preis, alleine 25% kostet ja schon das BMW-Emblem. Da lob ich mir meine Suzuki DR 750 Big von 1989, die läuft immer noch tadellos und vorbildlich und für mich als 192 cm großen Fahrer absolut ideal, mir kann BMW mit seiner häßlichen Kopie und seinen unverschämten Preise mehr als gestohlen bleiben, nach meinen Sichtungen bei den Ausfahrten sind BMW-Motorradfahrer ja eh über 55 Jahre alt und kommen in der Regel aus dem höheren Öffentlichen-Dienst bzw. sind alternde Rechtsanwälte die sich zwischen junger Geliebter und BWM-Motorrad zu entscheiden hatten und sich für das Zweirad entschieden haben, weil die Scheidung noch viel teurer geworden wäre.
sampleman 21.10.2012
5. Fehler im Artikel
Der Autor hat die seit 2007 gebaute F650GS mit dem Vorgängermodell verwechselt. Das Vorgängermodell, das jetzt (geringfügig überarbeitet) als G650GS im Programm ist, hatte einen Einzylindermotor mit den erwähnten 652 Kubikzentimetern. Die F650 ab 2007 - und auch die neue F700 hat jedoch denselben Zweizylinder-Reihentwin mit 798 Kubikzentimetern wie die F800. Die Leistungsunterschiede (Die F650GS leistete 71 PS, die F700GS hat 75 PS, die F800GS hat 85 PS) wurden lediglich durch Modifikationen im Motormanagement und andere Steuerzeiten erreicht. Der Motor selbst ist im Kern unverändert.
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