BMW F 850 GS im Test Wie beim Billigflug - mit Extras wird's teuer

BMW hat seine erfolgreiche Mittelklasse-Enduro runderneuert. Für die stärkere F 850 GS will der Hersteller gut 12.000 Euro. Dafür bekommt der Käufer ein technisch sehr solides Bike, das leider zu perfekt ist.

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Der erste Eindruck: Bewährt wuchtig. Das Bemühen, die blau-weiße Enduro-Linie von der kleinen 310 GS bis zur 1200er einheitlich zu gestalten, ist unverkennbar.

Das sagt der Hersteller: Die Mittelklasse-Enduros sind für BMW eine echte Erfolgsgeschichte: Seit 2008 haben rund 165.000 Bikes vom Typ F 800 und 700 GS Käufer gefunden. Nach zehn Jahren war nun eindeutig Zeit für eine gründliche Modellpflege, denn die Kritiker beklagten immer häufiger zu wenig Power und ein überholtes Design.

"Wir haben konservativ gerechnet und etwa 1,2 Millionen Testkilometer investiert", sagt BMW-Projektleiter Florian Schmid. Er betont, dass man völlig neue Fahrzeuge konstruiert habe - vom Rahmen über die Elektronik bis hin zum Motor. Den Reihenzweizylinder hat BMW in München entwickelt; gebaut wird er beim chinesischen Kooperationspartner Loncin.

Die neue F 750 GS ist wie gehabt das Einsteigermodell: ein etwas biederer Straßen-Allrounder mit Gussrädern, begrenzter Geländegängigkeit, aber vor allem reduzierter Kraft. Das China-Treibwerk bringt in der neuen 750 GS elektronisch gedrosselt nur 77 PS mit.

BMW F 750 GS mit 77 PS
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BMW F 750 GS mit 77 PS

Die getestete F 850 GS ist stärker, der mit 853 Kubik baugleiche Motor leistet bei voller Kraftentfaltung satte 95 PS. Die Federwege sind 50 Millimeter länger als beim Einstiegsmodell und erhöhen die Bodenfreiheit. Das Fahrzeug läuft mit Kreuzspeichenrädern und hat zumindest in der Rallye-Ausführung Offroad-Flair.

Das ist uns aufgefallen: Die Frischzellenkur hat der F 850 GS gut getan. Der Motor mit 90 Grad Hubzapfenversatz und Zündpunkten bei 270/450 Grad macht aus dem Reihenzweizylinder akustisch einen charakterstarken V-Twin, welcher der Maschine zu Agilität verhilft. Wer 21 Zoll-Vorderräder mag, ist mit der F 850 GS sogar sehr schnell unterwegs. Unterstützung geben gute Bremsen, das präzise Getriebe und der Quickshifter, der sowohl nach oben als auch nach unten selten hakelt.

Auf der Straße zieht der China-Motor bei mittleren Drehzahlen um 5000 Umdrehungen souverän durch; in den oberen Drehzahlregionen wird die Luft wieder dünner, obwohl das Triebwerk tapfer auf 9500 Umdrehungen kommt. Dann sind allerdings trotz der zwei Ausgleichwellen ziemliche Vibrationen spürbar.

Im Gelände flößt die 850 GS auf Anhieb viel Vertrauen ein. Der neue Tank - der beim Vorläufermodell keiner war, weil der Treibstoffbehälter und der Tankdeckel im Heck verbaut waren - ist schmaler gebaut; der Knieschluss lädt zum entspannten, leicht nach vorne gebeugten Stehen ein. Diese Haltung gibt viel Rückmeldung vom Offroad-orientierten 21 Zoll-Vorderrad; das Heck, bei dem die Auspuffanlage jetzt rechts liegt, wird bei abgeschaltetem ABS vom Enduro oder Enduro Pro-Modus gut unter Kontrolle gehalten. Schöne Drifts sind möglich; das komplette Ausbrechen des Hinterteils wird zuverlässig verhindert. Man möchte sofort Enduro-Wandern gehen.

Gleichwohl kommt auf Schotter und abseits befestigter Pfade eines der größten Mankos der 850er GS zum Tragen: Sie wirkt seltsam behäbig, ist übergewichtig. Mit 229 Kilo ist sie fahrbereit nur 15 Kilogramm leichter als die große Schwester 1200 GS. Die allerdings ist mit einem schweren Boxer-Aggregat ausgestattet und einer Kardanwelle, die die Kraft ans Hinterrad überträgt.

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BMW F 850 GS im Test: Seltsam perfekt

Richtig punkten kann die 850 GS dagegen durch die Elektronikausstattung zur Fahrsicherheit. In der Grundausstattung gibt BMW die Fahrmodi Road (Straße) und Rain (Regen) sowie die Stabilitätskontrolle ASC mit; als kostenpflichtige Sonderausstattung kann man die Fahrmodi Dynamic Enduro und Enduro Pro, die dynamische Traktionskontrolle DCT und das elektronische Fahrwerk Dynamic ESA zurüsten. Auch ein intelligenter Notruf für Notsituationen wird gegen Aufpreis verbaut.

Konkurrenzlos gut ist das optionale, 600 Euro teure 6,5 Zoll große Farb-TFT-Display. Sowohl Darstellung, Programme als auch die Verbindung mit Smartphones und deren Navis sind ganz großes Multiplex-Kino.

So gut Display und Connectivity allerdings auch sind, sie verweisen auf das grundsätzliche Problem dieser BMW-Baureihe: Nachzuvollziehen oder gar zu verstehen ist die Elektronik für den Durchschnittsfahrer nicht mehr. Technisch und elektronisch funktioniert alles bestens, aber Emotionen weckt die F 850 GS fast keine. Die neue Mittelklasse-Enduro von BMW hat auf dem Weg zur Perfektion die Seele verloren.

Das muss man wissen: BMW bietet die F 850 GS zum Basispreis von 12.120 Euro an. Dabei wird es kaum bleiben, denn die Zubehör-Optionen scheinen endlos: Den Style Exclusive (Farbe Pollux Metallic Matt), den Style Rallye (Farbe Lightwhite, Lupinblau, Racingred) kann der Käufer kombinieren mit Komfort-, Touring-, Dynamic- und Licht-Paketen sowie dem bereits genannten Farb-TFT-Display. Hinzu kommen Touren-Ausrüstung und HP-Powerparts wie Sportschalldämpfer.

Ein BMW-Motorrad zu kaufen, kommt in etwa einer Flugbuchung bei einem Billigflieger gleich: Am Ende wird es immer teurer als gedacht. 15.000 Euro kann man für eine neue F 850 GS locker ausgeben.

Das werden wir nicht vergessen: Auch bei der F 850 GS setzt BMW eine unangenehme und letztlich peinliche Tradition fort: Als einer der letzten großen Hersteller geben die Münchner, weil gesetzlich für Motorräder nicht vorgeschrieben, grundsätzlich keine Angaben zu den Emissionswerten ihrer Fahrzeuge raus. Der CO2-Ausstoß wird weder auf der Fahrzeugpräsentation noch auf der Internetseite oder in den Fahrzeug-Broschüren genannt. Der Emissionswert dürfte - wie bei der Konkurrenz - zwischen 100 und 120 g/km liegen.

Fahrzeugschein
Hersteller: BMW
Typ: F 850 GS
Karosserie: Motorrad
Motor: Zweizylinder-Reihenmotor
Getriebe: Sechsgang
Hubraum: 853 ccm
Leistung: 95 PS (70 kW)
Drehmoment: 92 Nm
Höchstgeschw.: 220 km/h
Gewicht: 229 kg
Preis: 12.120 EUR


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Seite 1
Flachzwilling 17.07.2018
1. Etwas mehr textliche Sorgfalt, bitte
"Auch ein intelligenter Notruf für Notsituationen wird gegen Wunsch und Aufpreis verbaut." Das hieße also, BMW würde im Falle einer Bestellung *gegen* meinen Wunsch ein aufpreispflichtiges Notrufsystem verbauen?
super-m 17.07.2018
2.
BMW GS hatten noch nie eine Seele.
krustentier120 17.07.2018
3. Charakterlos
Habe den Eindruck, dass, wenn Motorradtester an einem Motorrad kein Manko finden, sie immer den Begriff „Charakterlos“ aus der Phrasenschublade holen. Ein Vergleich mit der Triumph Tiger, mt09 Tracer o.ä. wäre übrigens nicht verkehrt gewesen
dolfi 17.07.2018
4. Etwas
Warum schreiben Sie denn immer so abfällig vom "China-Motor"? Ja, natürlich wird der Motor und das ganze Motorrad von Longchin in China gebaut, aber das muss ja nichts abfälliges sein. Auch die Vorgänger (650, 700 und 800) hatten Motoren aus China, seit 2008 meine ich. Und die haben ja auch ganz gut funktioniert. Und ja, es gibt momentan Schwierigkeiten. Die sollten aber bald ausgemerzt sein, Teile werden BMW üblich stillschweigend getauscht. Was mich mehr aufregt ist, dass die 750er mit 77 PS kastriert wird und die 850er nur für Riesen gemacht scheint. Das nenne ich mal verfehlte Modellpolitik. Auch dass eine vollausgestattete 850er mit Gewicht und Preis in die Regionen einer GS vordringt, ist mehr als bescheuert. Da bleibe ich doch gleich beim Original oder wechsle die Marke. Die AT von Honda oder Frau Strom von Suzi sind nämlich sehr gute Alternativen zur kleinen GS, in Japan verbaut und ganz hervorragende Motorräder. Oder ich warte noch etwas auf die MT07-Enduro von Yamaha. Die 850er GS reisst mich nicht von den Socken.
thomhein 17.07.2018
5. Fußgängerschutz Fehlanzeige
Bei PKWs muss die Front so gestaltet sein, dass Fußgänger bei einem Aufprall nicht übermäßig verletzt werden. BMW baut einen Schnabel ohne Funktion an alle GS. Bei einem Zusammenstoß mit einem Fußgänger wirkt der wie ein Messer.
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