Elektroauto BMW iNext Das rasende Wohnzimmer

Der iNext soll BMWs erstes vollautonomes Fahrzeug werden - und die späte Antwort des Münchner Herstellers auf Tesla. Das Auto strotzt vor Kraft und Größe, der Innenraum ist komplett neu gedacht.

BMW

Der Weg zur Zukunft von BMW beginnt mit Warten. Bevor die Bayern das Tuch vom iNext ziehen, müssen Neugierige eine Röntgenkontrolle überwinden und eine Shuttlefahrt hinter sich bringen. Weil die Studie für alle künftigen BMW-Modelle so wegweisend sein soll, präsentieren die Strategen das rein elektrisch fahrende Auto mit viel Pomp auf dem Vorfeld des Münchener Flughafens. Im Rumpf eines Frachtflugzeugs.

Auch die Kunden müssen auf den Wagen noch warten. Denn der iNext ist eine Vision, die erst 2021 in Serie gehen soll.

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BMW iNext: Ganz schön abgehoben

Studien dieser Art präsentiert die Autoindustrie dem Publikum seit Jahrzehnten. Meist verschwanden sie dann heimlich in den Schubladen. Der iNext zählt aber nicht zu diesen Blendwerken. BMW hat Druck. Mercedes und Audi präsentieren dieser Tage mit dem EQC und dem e-Tron schon kraftvolle Elektroautos mit vielen autonomen Fähigkeiten, die in Kürze auf den Markt kommen und Vorreiter Tesla angreifen sollen.

Was machen diese Hasenzähne am Kühlergrill?

Für BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich ist der iNext mehr als bloß ein Tesla-Jäger. Ein "Trail Blazer", ein Wegbereiter für die Zukunft der Marke und der Mobilität überhaupt.

Von außen sieht das dann so aus: Lackiert in einer Farbe, die von Rosa ins Kupfer verläuft, und dominiert von einem beleuchteten Kühlergrill, der zur Karikatur einer Niere anwächst und an die Hasenzähne der Zeichentrick-Figur Bugs Bunny erinnert, wirkt der iNext wie eine Mischung aus dem Geländewagen X5 und dem elektrischen Stadtflitzer i3.

Vom X5 hat er das Format von mehr als fünf Metern, die stolze Statur und die wuchtigen 24-Zoll-Räder. Vom i3 kommen die gegenläufig angeschlagenen Türen, die Karosseriesäulen aus Karbon, die ungewöhnliche Seitengrafik und das eigenwillige Heck.

Elektroantrieb ist für BMW kaum mehr der Worte wert

Der Elektroantrieb ist für Fröhlich kaum mehr der Worte wert - bis 2021 werde er eine Selbstverständlichkeit sein. Zum Ende der Dekade will BMW schon 500.000 Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb verkauft haben. Die Planungen sehen ein Portfolio vor, das mindestens 25 Modelle mit Steckdosenanschluss und 13 reine Akku-Autos umfasst.

Der iNext gibt beim Antrieb kraftvoll die Richtung vor. In der größten Ausbaustufe kommt er mit einer Stromladung real mehr als 600 Kilometer weit. In weniger als vier Sekunden geht es von 0 auf 100 - dagegen sehen aktuelle Konkurrenten wie der EQC oder der E-Tron alt aus.

"Für uns ist Elektromobilität heute bereits das neue Normal. Die Herausforderung liegt in der Konnektivität und im autonomen Fahren", sagt Fröhlich und lenkt den Blick deshalb in den Innenraum, der die wahre Revolution des iNext sein soll.

Boutique Hotel auf Rädern

Weil diese Studie der Entwurf für den ersten voll autonomen BMW ist, ist die geräumige Kabine völlig neu gedacht. "Wie sieht ein Fahrzeug aus, das nicht mehr selbst gefahren werden muss - aber kann?", fragt Damagoj Dukec, der das Design bei der für Innovationen zuständigen Einheit BMW i leitet. Wie verbringen die Insassen die Zeit auf Reisen?

Dukec' Antwort ist eine Wohlfühlzone auf Rädern, die warm und wohnlich inszeniert ist wie in einem Boutique Hotel. Im Auto gibt es keinen einzigen Schalter mehr. Wer das Fahrzeug nicht per Sprache oder auf dem Touchscreen bedient, steuert es über unsichtbare Touchfelder.

Sie erscheinen erst bei Bedarf in der Furnierfläche der Mittelkonsole oder im recycelten Veloursstoff der Sitzbezüge. Die beiden Monitore über dem Cockpit wirken fast schon antiquiert wie Portraitfotos im Silberrahmen im Wohnzimmer.

Projektor füllt leeres Buch mit Leben

Im Fond des iNext wird es wieder futuristisch. Dort liegt nur ein Buch mit leeren Seiten. Sobald es aufgeschlagen ist, entdeckt der Beamer im Dachhimmel das Papier als Projektionsfläche und erweckt das Buch zum Leben. "So verbinden wir analoge Erlebnisse mit digitalen Möglichkeiten", sagt Dukec.

BMW verfolgt keineswegs als erster Hersteller die Idee vom autonomen Luxusgleiter, der für den Besitzer zum Lebensraum wird. Schon vor Jahren hat Mercedes diese Vision mit dem F015 in Blech gegossen. Selbst technologisch weniger ambitionierte Marken wie Peugeot haben derartige Entwürfe vorgelegt.

Volvo ist beim 360c bei Sitzordnung oder Raumaufteilung sogar weiter gegangen als BMW beim iNext. Während Passagiere im Volvo die Sitze drehen oder verschieben können, fahren sie im iNext paarweise hintereinander. Die Freude am Fahren sei weiterhin ein Merkmal von BMW, sagt Fröhlich. Deshalb verschwindet das Lenkrad beim autonomen Fahren nicht, sondern zieht sich nur zurück.

Ein Auto, das nicht alles darf, was es kann

Wirklich neu ist die Offenheit und die Präzision, mit der Fröhlich über die Planungen für das Auto spricht. Einerseits unterstreicht er, dass der iNext in drei Jahren ziemlich genau so auf die Straße kommen wird - mit diesem Design, mit diesen Fahrleistungen und mit allen Assistenten, die zum autonomen Fahren mit voller Übergabe der Verantwortung vom Menschen zur Maschine nötig sind.

Andererseits sagt er, dass der iNext über viele Jahre mehr können wird, als er können darf. Denn dass die Passagiere bereits ab 2021 dauerhaft und überall die Hände in den Schoß legen können, das will Fröhlich beim besten Willen nicht glauben.

Dabei ist der iNext streng genommen schon viel weiter und hat es zur Premiere sogar einmal ganz ohne Fahrer rund um die Welt geschafft und mal Strom gebraucht - an Bord der zur Premierenbühne umgerüsteten Frachtmaschine.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
fehleinschätzung 16.09.2018
1. Planungen....
sehr schön, noch mehr riesige Autos für die Städte, die sowieso schon am Limit sind und anderen Autofahrern die Parkplätze streitig machen. Wo 3 Smarts reinpassen, gibt es nur noch Platz für 2 Raumwunder, die 90% der Zeit nutzlos in der Gegend rumstehen.
reifenexperte 16.09.2018
2. Das passende Auto für den Klimawandel
Hoher Verbrauch und wenig Nutzen. Da beschleunigt der Wandel noch schneller als BMW. Nach uns kommt die Sintflut.
Charlie Whiting 16.09.2018
3. Nicht schlecht
Das ist immerhin ein Statement. Schön finde ich ihn allerdings nicht. Aber er soll sich wohl bewusst abgrenzen. Ich glaube allerdings nicht, dass ich mich als jahrzehntelanger Selbstfahrer einem Auto komplett anvertrauen würde. Ich wäre viel zu unruhig als dass ich dabei lesen könnte o.ä.
jkbremen 16.09.2018
4. Was für ein Blödsinn
Wer will sich von so einem Monstrum langweilig langsam und völlig bevormundet herumschaukeln lassen? Hoffentlich bin ich tot bevor dieser Spuk Realität wird.
wo_st 16.09.2018
5. BMW = Fortschritt?
Bei aktuellen BMW Modellen muss man täglich den Tempomat aktivieren, bevor man das Tempo umständlich eingeben darf.
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