Von Tom Grünweg
Spätestens seit Sir Isaac Newton 1687 sein Erstes Axiom formulierte, gilt Masse als träge. Doch Trägheit ist ein relativer Begriff. Vor allem für Automobilentwickler. Denn sie führen immer wieder den Beweis, dass man auch große Massen ausgesprochen dynamisch bewegen kann - wenn man dafür nur genügend Kraft einsetzt.
Zum Beispiel 555 PS und 680 Nm. Soviel nämlich stemmt der 4,4 Liter große V8-Motor mit Benzin-Direkteinspritzung und Doppelturbo, der selbst ein Dickschiff wie den BMW X5 leicht und handlich erscheinen lässt und damit Sir Isaac Newton zumindest dem Augenschein nach Lügen straft. Eingebaut ist er in der M-Version des jüngst überarbeiteten Geländewagens, mit der BMW sich seit gut einem Jahr am Wettrüsten auf der Buckelpiste beteiligt und im Doppel mit dem weitgehend baugleichen X6 M gegen Porsche Cayenne Turbo oder Mercedes ML 63 AMG antritt.
Der Wagen kostet mindestens 106.400 Euro und ist damit viermal so teuer wie der X1 am anderen Ende der Allradpalette. Außerdem trennen ihn vom bislang teuersten X5 noch immer 30.000 Euro. Aber dafür gibt es nicht nur 148 PS mehr Leistung, sondern auch ein sichtlich verfeinertes Interieur. Das griffige Lederlenkrad ist etwas dicker umschäumt, die Konsolen sind vornehmer bezogen, und die gewaltigen Sessel schaffen es irgendwie, den Komfort eines TV-Möbels und den Halt eines Sportsitzes zu vereinen.
Selbst wer ausnahmsweise das Steuer aus der Hand gibt, hat im X5 gute Karten. Denn auch die Rückbank bietet jede Menge Komfort. Nur brüllt dort der Auspuff jedes Gespräch nieder, und in flotten Kurven kullert man mangels ausreichenden Seitenhalts über die Polster wie die Eiswürfel im Cocktailglas.
Tiefes Grummeln aus vier Endrohren - da ist an Schlaf nicht zu denken
Nach Außen hin gibt sich das Muskel-Modell ungewöhnlich brav und bieder - schließlich provozieren Sound und Signet bereits mehr als genug. Deshalb bekommt zwar auch der Geländewagen X5 alle Insignien der M GmbH von den Kiemen an der Flanke bis zur etwas stärker gewölbten Motorhaube, und natürlich sind Schweller und Spoiler etwas dicker als in der Serie. Aber so richtig bitter und böse sieht der Kraftmeier damit nicht aus. Jeder bessere Hinterhoftuner stielt der Werksmannschaft da die Schau.
Allerdings nur, solange das Auto steht. Sobald der Motor läuft, sieht die Sache ganz anders aus. Bereits der Druck auf den Startknopf ist ein Erlebnis für alle Sinne: Wenn der Achtzylinder mit einem lauten Fauchen erwacht, ist zwar auch für die Nachbarn nicht mehr an Schlaf zu denken. Doch geht mit dem tiefen Grummeln aus den vier Endrohren gleichzeitig ein wohliger Schauer durch den Wagen, der von den kommenden Verlockungen kündet. Sobald danach auch nur ein Schatten auf das Gaspedal fällt, schmelzen die 4760 Pfunde des X5 wie Vanilleeis im Sonnenschein, und das Stahlgebirge kommt so mühelos in Fahrt, dass man partout nicht an die Trägheit der Masse glauben mag: Nur 4,7 Sekunden vergehen bis Tempo 100, den Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h meistert der X5 binnen 4,3 Sekunden so spielend, dass Überholen zum Kinderspiel wird. Und das elektronische Tempolimit von 250 km/h erscheint als reine Formsache, wenn man mit mehr als 200 Sachen h über die linke Spur stürmt und noch immer etwas Luft unter dem Gaspedal fühlt. Kein Wunder, dass BMW den Wagen nach einem Fahrertraining bis 275 km/h freigibt.
Doch so sehr es auf den ersten Metern auch den Anschein hat - natürlich kann auch der X5 M die Physik nicht überlisten. Das merkt man spätestens, wenn die erste Gerade zu Ende ist und sich der Koloss in die Kurve neigt. Zwar haben die Bayern den Wagen ein paar Millimeter tiefer gelegt und das Fahrwerk betont straff ausgelegt. Außerdem ist die Lenkung etwas schwergängiger als sonst und vermittelt einem sehr lange das gute Gefühl der Kontrolle. Aber 2,4 Tonnen bleiben 2,4 Tonnen und schieben in Kurven mit zunehmendem Tempo gewaltig nach außen. Da beruhigt es schon ein wenig, dass der Kraftkraxler als erstes M-Modell neben den üblichen Stabilitätssystemen auch den Allradantrieb der X-Modelle behalten hat.
Nahezu sittenwidriger Schluckspecht
Noch deutlicher macht sich das üppige Kampfgewicht an der Tankstelle bemerkbar. Schon der Normverbrauch von 13,9 Litern ist beinahe sittenwidrig, erweist sich im Alltag aber als Prüfstandsprosa. Denn selbst mit federleichtem Gasfuß kann man den X5 kaum mit weniger als 16 Litern fahren. Wer den Wagen gattungsgerecht bewegt, muss mindestens 18 Liter einplanen, und nach ein paar Sprints auf einer leeren Autobahn hat der Bordcomputer schnell mal eine Zwei, gelegentlich sogar eine Drei an erster Stelle.
Klimaschützer ziehen solche Werte gerne als Beleg dafür heran, Autos wie den den X5 M als asozial zu brandmarken. Und selbst gemäßigte Zeitgenossen stellen bei diesem Auto schnell die Sinnfrage. Doch Kay Segler, dem Chef der M GmbH ficht das nicht an. Er sieht mit Blick auf die Absatzstatistik durchaus einen Grund, dass es den X5 M gibt: Von den fast 17.000 M-Modellen, die BMW im letzten Jahr verkauft hat, trugen mehr als ein Drittel ein X im Typenschild.
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