BMW X7 America first

Weil den Amerikanern BMW-Modelle nicht groß genug waren, wechselten viele zur Konkurrenz. Nun bringt der Hersteller Anfang 2019 einen Maxi-SUV. Ohne die USA hätte es den X7 vermutlich nie gegeben.

BMW

Von Michael Specht


Amerikanische Kunden haben BMW-Händler zwischen New York und Los Angeles schon seit Längerem mit Fragen nach einem größeren SUV genervt. Der fast fünf Meter lange und gut zwei Tonnen schwere X5 war ihnen einfach zu klein. Doch die Händler konnten ihnen den Wunsch nicht erfüllen. Viele BMW-Fahrer wanderten daraufhin zur Konkurrenz ab, beispielsweise zu Mercedes. Seit 2006 bietet Daimler den GL an, der später in GLS umbenannt wurde. Voriges Jahr griffen allein in Amerika über 32.000 Käufer zu. Auch Jaguar Land Rover (JLR) freut sich über Kunden mit Hang zu Großem, der Range Rover wurde 2017 in den USA fast 17.000 Mal verkauft.

Getreu dem Motto "Großes Auto, große Marge" will ab Anfang nächsten Jahres nun auch BMW von dem Geschäft der Monster-Trumme profitieren. Der X7 zielt vor allem auf Käufer, die viel Raum, viel Komfort und viel Status brauchen. Denn der dicke Bayer ist gut 5,10 Meter lang, bietet sieben Personen Platz und wiegt 2,3 Tonnen. Er soll laut Projektleiter Dr. Jörg Wunder so etwas wie den "Siebener unter den X-Modellen" verkörpern. Dazu zählen neben einer luxuriösen Ausstattung - unter anderem fünf Klimazonen und Panoramadach - im Wesentlichen geschmeidige Fahreigenschaften. So rollt der X7 schon ab Werk rundum auf 22-Zoll-Rädern, kombiniert mit einer Rundum-Luftfederung. Um die hohe Karosserie beim Durcheilen von Kurven möglichst in der Horizontalen zu halten, gibt es einen elektrischen Wankausgleich. Allerdings setzt BMW hier noch auf zwölf Volt, während die Konkurrenz bereits 48-Volt-Systeme verwendet.

Fotostrecke

3  Bilder
Fotostrecke: Der BMW X7

Einfluss auf das Fahrverhalten hat die niedrigere Spannung indes nicht. Der X7 gleitet souverän. Weder Abroll- noch Windgeräusche dringen zu den Insassen. Auf den Highways von South Carolina rund um den Produktionsstandort Spartanburg, wo BMW getarnte Vorserienmodelle für erste Probefahrten zur Verfügung stellte, gibt sich der Maxi-SUV als entspannter Reisewagen. Dazu trägt auch die hohe Sitzposition bei, die eine gute Übersicht garantiert. Als Gratisextra gibt es noch das "King of the Road"-Gefühl dazu.

BMW begegnet der "Seekrankheit" - gegen Aufpreis

Die Luftfederung bietet noch einen weiteren Vorteil: Um das Ein- und Ausladen zu erleichtern, lässt sich das Niveau des Fahrzeugs um bis zu vier Zentimeter absenken. Umgekehrt, wenn es vielleicht einmal über ausgefurchte Feldwege zum Bio-Bauernhof gehen soll, stehen aus der Mittellage vier Zentimeter nach oben zur Verfügung und erhöhen die Bodenfreiheit auf rund 25 Zentimeter.

Optisch ist der X7 in keiner Weise ein verlängerter X5. Er teilt sich zwar eine Menge an technischen Inhalten mit seinem "kleineren" Bruder, hat aber eine komplett eigenständige Karosserie. Besonders auffällig ist sein riesiger, aufrechter Nieren-Grill. Es ist nicht der höchste, aber bei Weitem der größte in der Geschichte von BMW. Und während die optionale dritte Sitzreihe beim X5 allenfalls Kindern zugemutet werden kann, finden im X7 ganz hinten auch Erwachsene ausreichend bequeme Platzverhältnisse. Alternativ wird man den Luxusliner als Sechssitzer bestellen können mit jeweils zwei Sitzen pro Reihe.

Wer hinten untergebracht ist, dem soll während der Fahrt nicht übel werden. BMW begegnet der "Seekrankheit" mit einer aktiven Hinterachslenkung - leider nur gegen Aufpreis. Es ist erstaunlich, welchen Einfluss diese Technik auf Handlichkeit und Fahrverhalten hat. "Die Spitzen in der Querbeschleunigung werden deutlich abgemildert", so Projektleiter Wunder.

Die Instrumente erscheinen virtuell

Beim Komfortzubehör haben sich die Entwickler Mühe gegeben, das Leben des X7-Nutzers einfacher zu gestalten. Handarbeit oder gar Fingernägel abbrechen? Nicht in einem Preissegment jenseits der 90.000 Euro, die der X7 vermutlich kosten dürfte. Sowohl die Lehnen der dritten als auch die der zweiten Sitzreihe lassen sich elektrisch flach legen. Ebenso öffnet und schließt die Heckklappe per Knopfdruck, einmal vom Schlüssel und einmal von der Fahrertür aus. Mutti oder Papi können also eine halbe Fußballmannschaft die Sporttaschen einfach hinten auf den Gepäckboden schmeißen lassen, ohne aussteigen zu müssen. Wie beim X5 ist auch beim X7 die Heckklappe zweigeteilt, der Glasteil öffnet nach oben, der Blechteil nach unten und dient als Pritsche.

Dass es den Ingenieuren nicht an cleveren Ideen für den Alltag mangelt, zeigt die Anti-Rutsch-Einrichtung im Kofferraum. Gummistreifen liegen hier versenkt im Ladeboden und der Getränkekasten kann leicht hin- und hergeschoben werden. Doch sobald die Zündung eingeschaltet wird, spannen sich die Gummiteile derart, dass sie von unten gegen die Kiste drücken und diese rutschsicher transportiert werden kann. Einfach, aber wirkungsvoll. Spanngurte verzurren ist nicht nötig.

Im Cockpit hält erwartungsgemäß die Digitalisierung Einzug. Die Instrumente erscheinen virtuell. Als kleines Gimmick haben sich die Designer statt einer runden eine sechseckige Einfassung der Instrumente sowie gegenläufig drehende Zeiger von Tacho und Drehzahlmesser ausgedacht. Schwer nachvollziehbar bleibt jedoch die Änderung des Gangwahlhebels, zählt er doch seit Jahren zu den Design-Skulpturen schlechthin, haptisch wie optisch. Jetzt hat er eine Mainstream-Form, auch wenn man dem Teil eine Art Kristallglaskuppel aufgesetzt an, in deren Innerem wie bei einem Hologramm ein X7-Logo erscheint.

Einen Plug-in-Hybrid wird BMW später nachreichen

Bei den Motoren bedienen sich die Bayern aus dem Baukasten. Die Amis wollen natürlich ihren geliebten Achtzylinder-Benziner. Bei einem Spritpreis von weniger als 50 Cent je Liter ist das auch kein Wunder. Lässt man das deutsche Effizienzdenken bei Seite, muss man zugeben, dass dieser Motor verdammt viel Spaß macht. In Europa dürfte dennoch der Dreiliter-Diesel dominieren. Auch er schiebt den SUV standesgemäß an. Einen Plug-in-Hybrid wird BMW später nachreichen. Den mächtigen Sechsliter-Zwölfzylinder hingegen überlässt man besser den Rolls-Royce-Kollegen - für die Ausstattung ihres Monster-SUV Cullinan.

Mehr zum Thema


insgesamt 154 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
matbhmx 14.05.2018
1. Tja, BMW ist inzwischen im Design ...
... eine Beleidigung. Die BMW-Niere ist optisch nur noch eine "Bedrohung", sie Gestaltung im Übrigen außen, aber insbesondere im Innenraum todlangweilig! Der Innenraum ist eine ewige Wiederholung asbach-uralten Designs. Das kann der früher so furchtbar piefige, für Hutträger gedachte Mercedes inzwischen dramatisch besser! Wenn BMW nunmehr in den USA mit dem MEGA-SUV (soviel zur Umweltfreundlichkeit der USA - und dem verlogenen Dieselbashing!) ein marktgerechtes Angebot anbieten will, freut einen das für BMW - am schlechten Design ändert das allerdings nichts.
chaps 14.05.2018
2. Wer braucht denn so was?
Anscheinend hat BMW nicht erkannt, welche Art von Fahrzeugen in Zukunft benötigt werden. Schlecht für die Umwelt, gut für den Shareholder.
eunegin 14.05.2018
3. Schwachsinnswagen
Davon abgesehen, dass für Europa recht unpraktikabel, zeigt das Ding doch, dass man in allen Belangen macht, was Geld bringt. Daher wird Europa den USA weiter hinterherhecheln, Umweltstandards ignoriert, deshalb wird der Irandeal kippen und und und. Nur wir zahlen die Zeche und werden mit Vorschriften gegängelt, die man anderswo mutwillig umgeht. Wenn ich diese Kisten (zur Vorfahrt im Cafe und der Schule) sehe und gleichzeitig den hiesigen Hype um E-Autos, Fahrverbote, Feinstaub etc. sehe, lange ich mir schon an den Kopf. Für mich verschlechtert sich damit das Image von BMW weiter. Das der anderen ohnehin.
ericstrip 14.05.2018
4. Hihi...
..."Der X7 zielt vor allem auf Käufer, die viel Raum, viel Komfort und viel Status brauchen." Da fängt der Tag doch gleich mit einem lauten Lachen an. Ich habe neulich neben einem Cadillac Escalade geparkt, der wohl Konkurrent dieser fragilen Schönheit ist. Die Motorhaube war höher als mein Dach. Braucht bestimmt jemand.
j.e.r. 14.05.2018
5. Kein Hinweis auf die Vorbilder aus Japan
mit den noch grösseren Kleinlastern und Benzinsäufern genannt "full-size SUV" von Toyota (Lexus LX570, Landcruiser, Sequoia), Nissan (Pathfinder, Armada), .... den US Varianten (Ford Explorer, Chevrolet Tahoe und Suburban, Cadillac Escalade und noch grösser Escalade ESV, .... ) die man auch zu Genüge in Ländern Osteuropas antrifft - den Ländern mit tiefen Steuersätzen für hohe Einkommen und schlecht unterhaltenen Strassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.