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10. März 2012, 09:51 Uhr

Boxster S

Der bessere Porsche

Rund 40.000 Euro trennen den Porsche Boxster vom Porsche 911. Vergleicht man die beiden Sportwagen jedoch in voller Fahrt, ist der Unterschied kaum spürbar. Der Witz ist: Der Boxster ist beinahe der bessere 911.

265 PS, von null auf 100 in 5,5 Sekunden und ein Spitzentempo von 264 km/h - einem Porsche-Fahrer der ersten Stunde schlackern da die Ohren. Von solchen Fahrleistungen konnte man am Steuer eines frühen 911 nur träumen. Heute dagegen markieren diese Werte das unterste Niveau der Zuffenhausener Sportwagenbauer, sie stehen nämlich im Datenblatt des neuen Porsche Boxster, also des Einstiegsmodells der Marke. Ab April kommt das Auto zu Preisen ab 48.291 Euro in den Handel.

Die Frage ist doch: Wie viel Porsche braucht man? Muss es wirklich der 911 sein, der schon in der billigsten Version 88.037 Euro kostet und als Cabrio mehr als doppelt so teuer ist wie der Boxster? Oder tut es auch der kleine Porsche?

Für die meisten Autofahrer ist diese Frage natürlich irrelevant. Doch wer über den Erwerb eines Sportwagens nachdenkt, wird möglicherweise irgendwann vor dieser Entscheidung stehen. Die wird einem nicht leichter gemacht dadurch, dass der Boxster seit seinem Debüt vor fast 20 Jahren als Billig-Porsche für Friseusen und Zahnarztgattinnen abgestempelt wurde. Andererseits verspricht Porsche für das neue Modell mehr Komfort, mehr Effizienz und mehr Fahrdynamik - aber stimmt das auch?

Der Boxster S, also die stärkere der beiden Varianten, hält dieses Versprechen bei der ersten Testfahrt. Der Wagen kostet 59.120 Euro und kommt mit seinem 3,4 Liter großen Boxermotor mit 315 PS den Fahrleistungen des Neunelfers verdammt nah. Auf einer leeren Autobahn könnte man den Unterschied der beiden Autos vielleicht ermitteln, weil dem Boxster bei 279 km/h die Puste ausgeht. Auf einer kurvigen Landstraße aber ist der Roadster genauso scharf und bissig wie sein großer Bruder. Vor allem bei gedrückter Sporttaste. Der Motor klingt sogleich kerniger, das Doppelkupplungsgetriebe dreht die Gänge länger aus, und das ganze Auto scheint sich wie ein großer Muskel anzuspannen. Der Boxster drängt dann mit einer Vehemenz nach vorn, die jede Frage nach dem 911 erübrigt.

Die Elektronik hilft, das Auto um die Kurve zu kicken

Im Boxster S vergehen 4,8 Sekunden von null auf 100, und nach nur 17,3 Sekunden hat man 200 km/h erreicht. Dabei ist der Wagen agil und handlich, wirkt aber dank sechs Zentimetern mehr Radstand und einer breiteren Spur ruhiger und gelassener als das Vorgängermodell. Das Auto steht satter auf der Straße und bleibt bei hohen Geschwindigkeiten stabiler. Die Kurvenpräzision verdankt das Auto auch der neuen, elektrischen Servolenkung sowie dem neu entwickelten Torque-Vectoring-System. Diese Kombination aus mechanischer Hinterachs-Quersperre, Bremseingriff und Stabilitätskontrolle bringt den Wagen noch schneller um die Ecken, indem schon beim beim Einschlagen des Lenkrades das kurveninnere Hinterrad leicht abgebremst wird. So dreht sich der Boxster fast wie von selbst in die Kurve.

Auch auf der Rennstrecke schlägt sich der Boxster besser denn je: Auf der Nürburgring-Nordschleife nimmt er seinem Vorgänger glatt zwölf Sekunden ab und schafft die Eich-Strecke der Sportwagen erstmals in der Geschichte der Baureihe in weniger als acht Minuten. Und für alle, die unbedingt ein Argument der Vernunft brauchen: Gegenüber dem Vorgänger sinkt der Verbrauch um bis zu 15 Prozent. Mit 7,7 Litern für die sparsamste und 8,8 Litern für die schnellste Variante schluckt der Boxster laut Herstellerangaben heute weniger als noch vor ein paar Jahren eine Mittelklasse-Limousine.

Beim Design hätte dem Boxster etwas mehr Differenzierung gut getan

Das Design lehnt sich deutlich an die größeren Porsche-Modelle an - und das ist nicht nur erfreulich. Denn wie im 911, im Panamera und im Cayenne ragt nun auch im Boxster eine riesige Mittelkonsole auf wie die chinesische Mauer und zerstört mit einer Vielzahl von Knöpfen und Komfortfunktionen die letzte Illusion von Purismus und Leichtbau. Dabei bringt der Boxster sogar bis zu 35 Kilo weniger auf die Wage als sein Vorgänger. Auch das hilft übrigens - wie die Start-Stopp-Automatik und die bedarfsgerechte Steuerung der Nebenaggregate - beim Spritsparen.

Die Frage, ob Boxster oder 911, ist, nüchtern betrachtet, eine Frage nach den Details. Im kleinen Modell scheint die Materialauswahl nicht ganz so vornehm, und die Liste der meist aufpreispflichtigen Assistenzsysteme ist nicht ganz so lang. Und: Boxster-Insassen müssen die Sitze zumindest zum Teil noch per Hand verstellen.

Einen größeren Unterschied zwischen Boxster und 911 registriert man erst, wenn die Fahrt schon wieder durch die Stadt geht und Passanten das Auto erblicken. Während die Leute einem offenen 911 meist neidvoll hinterherschauen, glaubt man am Steuer eines Boxster mitunter sogar so etwas wie Mitleid zu registrieren. Nach dem Motto: "Für einen echten Porsche hat es offenbar nicht gereicht." Aber vielleicht ist das nur Einbildung. Und wenn nicht, liegt es nur daran, dass die Menschen vor dem Auto stehen - und nicht selber drin sitzen.

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