Brilliance BS6 Die Chinesen kommen - laut, durstig, bieder

Brilliance BS6 ist das erste chinesische Auto, das auf den europäischen Markt kommt, schon im Dezember werden 1000 Limousinen nach Bremerhaven geliefert. "Sehr, sehr viel Auto für wenig Geld", verspricht der Konzern seinen Kunden. SPIEGEL ONLINE hat den Wagen gefahren - und ist enttäuscht.

Von Jürgen Pander


Yumin Qi, Chef der Autosparte des chinesischen Unternehmens Brilliance, lobte das sonnige Wetter, rühmte die "entzückende Landschaft" und bedankte sich höflich bei den rund 200 Journalisten aus sieben Ländern, die ins Hotel Maritim im ehemaligen Regierungsviertel von Bonn gekommen waren, um diesem Augenblick beizuwohnen: dem ersten offiziellen Markteintritt eines chinesischen Autoherstellers in Europa.

Der Star des Tages stand derweil draußen im Foyer, ein kirschrotes Auto der Marke Brilliance, das in seiner Heimat den Namen Zhonghua trägt, in Europa jedoch als BS6 unters Autofahrervolk gebracht werden soll. "Das ist sehr, sehr viel Auto für wenig Geld", verspricht drinnen Hans-Ulrich Sachs, geschäftsführender Gesellschafter des Generalimporteurs HSO Motors Europe mit Sitz in Luxemburg, der eigens zu diesem Zweck gegründet wurde. Die Strategie der Marke Brilliance ist damit bereits hinreichend beschrieben: Die Autos sollen trotz ordentlicher Ausstattung und stattlichen Formats möglichst billig angeboten werden. "Je nach Modellvariante zwischen 19.000 und 23.000 Euro", sagt Sachs.

Exakte Preise nennt er nicht, das sei Sache der Vertriebspartner. Die aber gibt es noch nicht. Man wolle in jedem Land mit einem "etablierten Importeur und dessen Händlern" zusammenarbeiten, sagt Sachs und gibt sich zuversichtlich, noch in diesem Jahr erste Kontrakte abzuschließen. Viel Zeit bleibt nicht mehr, zumal im nächsten Jahr 15.000 Brilliance-Modelle in Europa verkauft werden sollen.

Mehr erwarten - das sollte man in der Tat

"Expect more" lautet der Markenslogan. Das trifft die Sache – ungewollt – ganz gut. "Mehr erwarten" sollte man beispielsweise in punkto passiver Sicherheit, denn im Euro-NCAP-Crashtest des TÜV Nord kollabierte der BS6 derart, dass es nicht einmal für drei Sterne reichte. "Wir wollen und werden sehr kurzfristig drei und vier Sterne erzielen, koste es, was es wolle", sagt Sachs trotzig.

Hinter den Erwartungen bleiben auch die Verarbeitungsqualität und das Fahrgefühl zurück. Jedenfalls gemessen am Premium-Anspruch, den Brilliance unter den chinesischen Herstellern für sich reklamiert und angesichts der Partner, die die Chinesen als Kronzeugen ihrer Kompetenz benennen: Das Design des Autos entstand gemeinsam mit Giugiaro, der Motor stammt von Mitsubishi, das Fahrwerk wurde von Porsche mitentwickelt und bei der Einrichtung der Produktion half BMW.

Richtig deutlich wird das allerdings nicht. Die 4,80 Meter lange Limousine sieht sachlich und vertraut aus, doch es fehlt ein Merkmal, an dem das Auge hängen bleibt. Die Mitsubishi-Vierzylinder mit 122 oder 130 PS – in unserem Testauto schnurrte der stärkere Motor mit 2,4 Liter Hubraum – bemühen sich redlich, sind aber weder besonders spritzig, noch besonders leise oder sparsam. Ulkigerweise gibt Brilliance nur den Verbrauch bei konstant 80 km/h an (6,8 Liter), doch der Wert führt in die Irre. Auf die Frage nach der üblichen Drittelmix-Angabe antwortet Generalimporteur Sachs mit einer Schätzung: "Etwa 9,5 Liter."

Wo genau der Porsche-Einfluss auf das Fahrwerk steckt, ist ebenfalls nicht zu ermitteln. Der BS6 bewegt sich ausgewogen und unaufgeregt durch Kurven – so wie Dutzende andere Modelle auch. Die Lenkung wirkt etwas zäh, das Fünfgang-Schaltgetriebe könnte auch ein wenig besser flutschen. Wohlgemerkt, das sind alles keine großen Kritikpunkte, wer aber die Versprechungen aus der Pressekonferenz noch im Ohr hat, auf den wirkt die Realität hinterm Lenkrad des BS6 ernüchternd.

Ein Klappfach schlüpfte aus den Scharnieren

Erst recht, wenn man sich Türverkleidungen, Kunststoffblenden oder das kleine Ablagefach links unterhalb des Volants etwas genauer ansieht. Klebstoffspuren an Armaturenbrett, Handschuhfach und Türgriffen, ungenaue Passungen mancher Plastikoberflächen und eben jenes Klappfach, das bereits beim ersten Öffnen aus den Scharnieren schlüpft, sind kein Ausweis besonders sorgfältiger Verarbeitung.

In fünf Jahren, so lautet Sachs' Vorhersage, werde Brilliance in Europa zu den etablierten Volumenmarken aufgeschlossen haben. Er begründet dies mit einem stetigen Lernprozess asiatischer Unternehmen und macht folgende Rechnung auf: Die Japaner hätten 20 Jahre gebraucht, ehe sie auf dem europäischen Automarkt heimisch geworden seien; bei den Koreanern habe es nur noch zehn Jahre gedauert. "Und aufgrund des sehr europäisch geprägten BS6 wird es für Brilliance etwa 2011 soweit sein."

Dann will die Marke mindestens 50.000 Fahrzeuge auf dem alten Kontinent absetzen, was kein allzu ehrgeiziges Ziel ist, wenn man bedenkt, dass im nächsten Jahr noch die kleinere Limousine BS4 sowie eine Coupé-Variante des BS6 auf den Markt kommen sollen. Außerdem seien ein Kompaktmodell namens BS2 sowie ein SUV bereits fest eingeplant. Und auch ein Dieselmotor, und zwar ein Aggregat aus chinesischer Produktion, soll noch 2007 das Angebot ergänzen.

Brilliance-Chef Yumin Qi wird demnächst also häufiger Gelegenheit haben, das sonnige Wetter und die hübsche Gegend in Europa zu genießen. Diesmal blieb er nur kurz – gleich nach der Premiere in Bonn eilte er nach Frankfurt, wo schon das Flugzeug zurück nach China wartete.



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