Autogramm Bugatti Chiron 2,9 Millionen Euro für ein Auto

Der Bugatti Chiron ist eher ein Kunstwerk denn ein Auto. Dafür bietet er 1500 PS und 380 km/h Höchstgeschwindigkeit. Zu wenig? Mit dem richtigen Schlüssel ist noch mehr drin.

Bugatti

Der erste Eindruck: Ein Kunstwerk - mit normalem Karosseriebau jedenfalls hat der Bugatti Chiron nichts mehr zu tun.

Das sagt der Hersteller: Bugatti-Chef Wolfgang Dürheimer kann von Glück sagen, dass er den Nachfolger des Veyron überhaupt noch bauen durfte. Die Premiere des Extrem-Autos fiel mitten in den Dieselskandal, als der VW-Konzern deutlich drängendere Probleme hatte als die Befriedigung eiligster Eitelkeiten. Doch sei das Projekt schon zu weit gediehen gewesen, um es noch zu stoppen, sagt Dürheimer.

Mittlerweile ist die Skepsis vergessen, vermutlich weggeblasen von den Leistungsdaten, die, so Dürheimer, nochmal in einer anderen Liga spielen als die des Vorgängermodells Veyron. "Wir haben die bekannten Parameter verlassen und neue definiert", sagt Dürheimer. Es gebe keinen Bereich, in dem der Chiron nicht wesentlich besser sei. "Wir haben die Grenzen der Physik weiter ausgereizt."

DER SPIEGEL

Nicht einmal zwei Jahre nach der Premiere auf dem Autosalon in Genf sind 320 der 500 angekündigten Autos bereits bestellt. Dürheimer denkt deswegen schon wieder über ein Nachfolgemodell nach, das dann erneut Grenzen überschreiten soll. Allerdings weiß er, dass das mit konventionellen Mitteln wohl kaum zu lösen ist. Deshalb wird der nächste Bugatti vermutlich einen elektrischen oder zumindest elektrisierten Antrieb brauchen.

Das ist uns aufgefallen: 1500 PS, 420 km/h Spitzengeschwindigkeit und rund 2,9 Millionen Euro Kaufpreis - kein Wunder, dass man sich dem Chiron mit weichen Knien nähert. Dabei ist der Bugatti kein konventioneller Supersportwagen, sondern bietet neben Leistung auch Luxus im Überfluss. Als wolle er einen einlullen, sinkt man in eine wohlige Höhle, in der es aus allen Ecken und Kanten nur so funkelt. Gewichts-, und Kostenersparnis haben bei seiner Konzeption offenbar keine Rolle gespielt, und so gibt es Edelmetall im Überfluss, die Bedienelemente sehen aus wie vom Juwelier. Selbst das 155 Gramm schwere Logo auf dem hufeisenförmigen Grill besteht aus massivem 970er Silber und wird von einem Goldschmied aus Süddeutschland gefertigt, der an einem Bauteil mehrere Wochen arbeitet.

Einen riesigen Touchscreen oder voll digitalisierte Instrumente sucht man in diesem Fahrzeug vergebens, auch das Radio ist auf den ersten Blick nicht zu finden. Weil die 500 km/h am Ende der Tachoskala und die 250 km/h auf der 12-Uhr-Position so einzigartig sind, müssten die auch dann zu erkennen sein, wenn die Zündung aus ist, erklärt Designer Achim Anscheidt das wunderbar anachronistische Analog-Instrument.

Mit Druck des Startknopfes beginnt ein Abenteuer, das einzigartig ist. Schneller als mit dem Chiron können sich Zivilisten am Boden nicht bewegen. Kein anderes Straßenauto oder Schienenfahrzeug erreichen ein derartiges Tempo, und jedes Flugzeug ist bei seiner Spitzengeschwindigkeit längst abgehoben. Man muss schon zur Luftwaffe gehen, Rennfahrer werden oder in Shanghai Magnetschwebebahn fahren, wenn man Vergleichbares erleben möchte.

Die Testfahrt beginnt mit einer Überraschung: Trotz der unvorstellbaren Kraft ist der Bugatti ein fast filigranes Auto, das sich kultiviert ins Verkehrsgeschehen fügt. Er ist so komfortabel gefedert wie ein Porsche Panamera. Wenn man nicht die Scheiben öffnet und sich beim Lupfen das Gasfußes am Abblasen des überschüssigen Turbo-Drucks durch die Wastegates berauscht, ist der Chiron geradezu leise. Abgesehen von der stattlichen Breite und der bescheidenen Übersichtlichkeit lässt er sich so leicht fahren wie ein VW Polo. Und während viel schwächere Sportwagen an der Kette zerren, kann man mit dem Chiron auch entspannt über eine Fernstraße flanieren oder über den Boulevard bummeln.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Bugatti Chiron - mit unserem 360-Grad-Foto:

Doch Vorsicht! Man darf sich von diesem Understatement nicht vereinnahmen lassen. Denn das Biest im Bugatti ist stets in der Nähe - man muss nur den rechten Fuß einen Hauch weiter strecken. Zwischen 2000 und 6000 Touren stehen permanent 1600 Nm Drehmoment bereit, die alle bisherigen Erfahrungen eines von Autos geprägten Lebens auslöschen. Von 0 auf 100 in weniger als 2,5 Sekunden, nach nicht einmal 6,5 Sekunden auf Tempo 200 und sieben Sekunden später 300 km/h: an diese Fahrleistungen muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes gewöhnen, für die Auffassungsgabe eines normalen Autofahrers ist dieses Auto einfach zu schnell.

Es ist faszinierend, wie einfach der Chiron selbst bei hohem Tempo noch zu fahren ist. Nach ein paar Stunden am Steuer versteht man sogar, weshalb die Entwickler für übermütige Raser einen Driftmode programmiert haben, mit dem man den Wagen wenigstens ein wenig aus der Reserve locken kann. Normalerweise ist das fast unmöglich, denn der Allradantrieb bringt die irrwitzige Kraft ohne spürbare Verluste auf die Straße, die Aerodynamik und Elektronik sind auf maximale Stabilität ausgelegt und die Bremsen haben mehr Biss haben als bei jedem anderen Auto.

Das volle Potenzial und die Höchstgeschwindigkeit von 420 Km/h wird, ähnlich wie beim Vorgänger, erst mit einem zweiten Schlüssel entfesselt. Der muss in ein separates Schloss neben dem Sitz gesteckt und gedreht werden. Es folgt dann zunächst einen Selbsttest, bevor alle Systeme auf maximalen Speed geschaltet werden. Wobei mir schon bei 300 Sachen so mulmig wurde, dass ich mir den Unterschied zwischen 380 und 420 km/h Topspeed kaum vorstellen möchte. Aber auch das gehört zu diesem Auto: Dass es in jeder Hinsicht unvorstellbar ist.

Das muss man wissen: Als wäre ein aus zwei V8-Motoren konstruiertes 16-Zylinder-Triebwerk mit acht Litern Hubraum, vier im Register geschalteten Turboladern, 1500 PS und 1600 Nm nicht spektakulär genug, legen die Ingenieure noch ein paar Details nach. Auf den Kolben zum Beispiel lastet der Druck von sieben Pkw, die vier Turbos schaufeln pro Stunde bis zu 3600 Kubikmeter Luft in die Zylinder, die Kühlpumpe rotiert mit einer Förderleistung von 800 Litern in der Minute und obwohl der Tank 100 Liter fasst, ist er nach acht Minuten Vollgas leer. Wer da ein schlechtes Gewissen bekommt, den beruhigen die Ingenieure mit einer anderen Zahl: Mit einer Oberfläche von 30 Fußballfeldern bringt der für den Chiron maßgeschneiderte Katalysator in der Abgasanlage aus Titan selbst diesen Motor über die Hürden der Euro-6-Norm.

Auch bei der Beleuchtung will der Chiron neue Maßstäbe setzen. So strahlen die jeweils vier gleißend hellen LED-Leuchten im Bug aus den schmalsten Scheinwerferschlitzen der Autowelt. Das 1,60 Meter lange LED-Schwert, das anstelle der Rücklichter in einem aus dem Vollen gefrästen Aluminium-Rahmen im Heck sitzt, dürfte die längste, durchgehende Rückleuchte der Autowelt sein. Und für die illuminierte C-Säule im Innenraum verwendet Bugatti den längsten Lichtleiter im Automobilbau.

Nicht nur die Ingenieure, auch die Verkäufer können mit illustren Zahlen aufwarten. Denn der Bugatti-Kunde ist eine Besonderheit. Im Mittel besitzt er 63 weitere Autos, außerdem noch diverse Helikopter oder Privatflugzeuge, eine Yacht und fünf Villen. Deshalb werden ihn die - wie beim Hausbau nach Gewerken fälligen - Zahlungen nicht schmerzen, die mit 200.000 Euro bei der Unterschrift beginnen und sich bis zum Ende der sechsmonatigen Handmontage auf 2,4 Millionen summieren. Netto natürlich. Und diese Herrschaften stören sich auch nicht daran, dass in Molsheim lediglich 70 Autos pro Jahr gefertigt werden und dass, wer jetzt bestellt, nicht vor 2020 hinters Steuer eines Chiron kommt.

Das werden wir nicht vergessen: Zwei Kleinigkeiten haben die Entwickler in ihrem Überschwang offenbar vergessen. Es gibt keinen Schminkspiegel und wahrscheinlich ist der Chiron auch das einzige Auto ohne Getränkehalter. Macht aber nichts. Denn erstens schaut bei diesem Auto eh' keiner nach dem Fahrer. Und zweitens lässt man die Hände besser an Lenkrad, wenn man ein millionenteures Gerät mit 1500 PS steuert.

Fahrzeugschein
Hersteller: Bugatti
Typ: Chiron
Karosserie: Sportwagen
Motor: 16-Zylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 7.993 ccm
Leistung: 1500 PS (1103 kW)
Drehmoment: 1600 Nm
Von 0 auf 100: 2,5 s
Höchstgeschw.: 420 km/h
Verbrauch (ECE): 22,5 Liter
CO2-Ausstoß: 516 g/km
Gewicht: 1.995 kg
Maße: 4544 / 2038 / 1212
Preis: 2.856.000 EUR
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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
anselmwuestegern 29.09.2017
1. ein haben zu viel
und die Bremsen haben mehr Biss haben als bei jedem anderen Auto das Wort 'haben' ist doppelt, die Möglichkeit zur Rückmeldung existiert in der APP nicht mehr. dieser Kommentar ist nicht zur Veröffentlichung gedacht.
DuBistRaus 29.09.2017
2. Euro 6 Norm ?
ja, nee, is klar. Euro 6 hatter auch. Gut, dass die Norm nur bis 120 km/h geht. Alles darüber interessiert keine Sau (auch bei normalen Autos nicht).
astsaft 29.09.2017
3. Ein faszinierendes "Auto"
Hätte ich das Geld übrig, würde ich mir einen kaufen.
geotie 29.09.2017
4.
Naja, für den Preis. - Habe ich das richtig gesehen, geteiltes Heckfenster? Gehört das auch zum Understatement?
vhn 29.09.2017
5. CO2-Ausstoß:516 g/km
Genau das richtig Signal vom VW Konzern. Statt sich um Millionen verärgerte Kunden zu kümmern, die einen wirklich sauberen Diesel wollen oder um die armen Händler, die man mit dem ganzen Mist allein da stehen lässt, baut man lieber einen Super Hyper Sportwagen. Danke VW, dass du den Diesel beerdigt hast und nicht auch nur ansatzweise bereit bist, das Vertrauen der Kunden zurück zu gewinnen. Vllt klappt das ja mit dem Bugatti Chiron...
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