Kauf eines Lastenrads, Teil 2 Schön schräg

Zwei oder drei Räder? Die Firma Butchers & Bicycles versucht bei Lastenrädern den Kompromiss. Mit dem Mk1-E bauen die Dänen ein Dreirad, das die Fahreigenschaften eines Zweirads haben soll. Geht das gut?

Von

Margret Hucko

Kauf eines Lastenrads, Teil 1, lesen Sie hier.

Schon der erste Satz lässt mich stutzen. "Willst du dein Smartphone nutzen?", fragt mich Nico Schütt von Two Wheels Good, einem Fahrradladen in Hamburg. Äh, ein Smartphone auf dem Fahrrad? "Hier gibt es einen USB-Anschluss", er deutet auf den Lenker. So wird das Handy zum Navigationsgerät.

Ich bin platt! So etwas hätte ich bei einem Auto erwartet, nicht bei einem Bike. Gut, jetzt bin ich in Sachen Fahrradtechnik in einem anderen Jahrhundert unterwegs. Mein Alltagsrad stammt aus den Sechzigerjahren und läuft für mich dann rund, wenn das Licht funktioniert und nichts klappert.

Nico Schütt leiht mir das Mk1-E von Butchers & Bicycles für eine Testfahrt. Für meine Familie suche ich das perfekte Lastenrad, um den Weg zwischen Wohnung, Kita und Arbeitsplatz zu meistern. Täglich kommen dabei etwa 20 Kilometer zusammen. Im Vergleich zu einem Kleinwagen würde ich jährlich so 800 Kilogramm CO2 und gut 270 Euro im Monat sparen, sagt der Verkehrsclub Deutschland.

Das Mk1-E bietet einiges an Komfort: Das Lastenrad verfügt über ein abschließbares Handschuhfach, einen Cupholder, eine Isofix-Vorbereitung für die Babyschale. Wenn das keine Wellness in der Arbeitswoche verspricht. Muss ich da überhaupt noch selbst treten? Nur noch so viel, dass ich nicht ins Schwitzen komme, lautet die Antwort von Schütt. Das Mk1-E hat - wie der E-Zusatz im Namen andeutet, eine Elektro-Unterstützung: einen Bosch-Motor mit 400 Wattstunden Batteriekapazität. Statt von einer schmierigen Fahrradkette wird es mit einem Carbon-Riemenantrieb angetrieben.

Ablage für den Alltag: Das Mk1-E bietet einen Getränkehalter
Butchers & Bicycles

Ablage für den Alltag: Das Mk1-E bietet einen Getränkehalter

Ich bin schon wieder platt! Diesmal ist es der Preis, der mich umwirft. Ohne Elektro-Unterstützung kostet das dreirädrige Lastenrad 3.495 Euro, mit dem "Bosch Performance Line eBike-System" startet der Preis bei 5.395 Euro. Die Abdeckung für die Kiste, damit das Kind auch bei Regen trocken in die Kita kommt, muss mit 175 Euro noch einmal extra bezahlt werden. "Das geht tatsächlich schon Richtung Zweitwagen", sagt Schütt.

Für fast 6000 Euro erwarte ich den Rolls-Royce unter den Lastenrädern. Dass das Mk1 etwas Besonderes ist, zeigt die Reaktion in der Fahrradszene. In seinem ersten Verkaufsjahr löste das Bike einen regelrechten Tourismus aus: "Wir haben das Rad jetzt die zweite Saison. Als es ganz neu war, kamen Interessierte aus 200 bis 300 Kilometern Entfernung, nur um das Rad zu sehen", erzählt Schütt. Als ich dann endlich aufsteigen will, gibt er mir noch einen Hinweis mit auf den Weg: "Du kannst nicht umkippen", sagt er.

Ist das nicht selbstverständlich? Bei einem Dreirad setze ich als Lastenrad-Laie auf eine narrensichere Straßenlage - und muss mich eines besseren belehren lassen. Das Hightech-Gefährt fühlt sich auf den ersten Metern gar nicht an wie ein Fahrrad. Eher wie ein Wackelpudding, den es in eine feste Form zu bringen gilt.

Geradeausfahren? Eine echte Herausforderung! An die erste Kurve mag ich gar nicht denken, schon gar nicht an die Poller, die es in der Stadt massenhaft zu durchfahren gibt. Mantrahaft sage ich mir Schütts Satz auf: "Du kannst nicht umkippen, du kannst nicht umkippen, du kannst nicht umkippen". Nach ein paar Minuten weicht das Wackelpudding-Gefühl, und das Fahrradfahren beginnt. Ein paar Minuten länger, und der Spaß siegt über das ungute Gefühl, als dreirädriges Ungeheuer auf Hamburgs Radwegen zu enden. Als Mutti, die alle anderen mit ihrem dänischen SUV-Strampler plattmacht.

Das Mk1-E fährt für ein Dreirad ausgesprochen sportlich. Zwar versprechen die drei Gründer von Butchers & Bicycles auf ihrer Firmenhomepage etwas zu viel. Ein Fahrgefühl wie bei einem zweirädrigen Rad stellt sich bei mir nicht ein, dafür ist es einfach zu breit mit den beiden Rädern vorne. Wird es auf dem Radweg eng, muss ich ganz schön zirkeln. Trotzdem bietet das Mk1-E viel Freude am Fahren. Die steigt proportional zur elektrischen Unterstützung. Das Fahrrad verfügt nämlich wie ein Luxusauto über mehrere Fahrprogramme, darunter unter anderem "Eco" oder "Sport". Bei "Eco" läuft der Elektro-Motor nur sachte mit, während er bei "Sport" so viel Fahrt aufnimmt, als habe man ein Herbststurmtief im Rücken. Wer einmal losfährt, will gar nicht mehr zu Hause ankommen, der Weg ist das Ziel - das gilt insbesondere für Kinder, die in die Kiste des Lastenrads steigen.

Unser Sohn Henry, gerade einmal knapp zehn Monate alt, kann leider noch nicht sagen, wie wohl er sich im Mk1-E fühlt. Seinen Kindersitz haben wir mit einer Isofix-Halterung befestigt, er schaut mit seinem Gesicht zu mir. Unter der Plastikabdeckung ist es wohlig warm. Schade, dass er nichts berichten kann. Denn schließlich erwägen mein Mann und ich den Kauf vor allem seinetwegen.

Deshalb laden wir für ein Kinder-Feedback die Nachbarstochter zu einer kurzen MK1-E-Tour durch den Park ein. Alicia, zwei Jahre alt, mag ungern noch im Kinderwagen sitzen. Ob sie dann die Fahrradkiste akzeptiert? Sie steigt durch das kleine Türchen auf die Sitzbank des Mk1-E, lässt sich geduldig anschnallen, dann geht es los. Alicia darf - anders als Henry - bereits nach vorne gucken, durch die durchsichtige Tür an der Transportkiste. Zwar juchzt sie während der Ausfahrt nicht vor Freude, nimmt dafür aber auch die harten Bodenwellen stoisch hin. Wenn das Mk1 in ein Loch reinfährt, scheppert es ganz ordentlich. Das ganze Gewicht des Fahrrads wird dann spürbar. Alicia ist das egal. Sobald das Mk1-E wieder steht, gibt es nur ein Verlangen: "Mehr!" Kindertest bestanden!

Im vorletzten Teil von "Kauf eines Lastenrads" testet Margret Hucko das einspurige Bakfiets CargoBike Lang und zieht dann ein Fazit.


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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
sw68 06.12.2015
1. Kostenloses Lastenrad in München ausleihen
Du kannst Dir in München einfach kostenlos ein Lastenrad ausleihen. Durch das Projekt "Freie Lastenradler" geht das einfach und schnell. Möglich machen das engagierte Unterstützer, Sponsoren, Stationen und "Die Lastenradler". Mehr Infos hier: https://www.freie-lastenradler.de ------ und hier: https://www.greencity.de/projekt/leih-lastenrad-louie/
wetzian 06.12.2015
2. Probefahren hilft
Wir haben vor der Anschaffung einige Räder getestet. Bakfiets, Christiania, Babboe. Das Butchers hatte leider kein Händler vor Ort. Es wurde dann ein Urban Arrow. Einspurig, flott, zuverlässig und das bestaussehende am Markt. Man sollte unbedingt auch testen, wie und wo man es zu Hause, auf Arbeit, am Kindergarten parken kann. Ganz wichtig ist noch ein guter Händler in der Nähe , wo man mal schnell was einstellen lassen kann. Gerade wenn man sich jeden Tag drauf verlassen können muss.
tubolix 06.12.2015
3. hmm ...
"Kauf eines Transportrades, Teil 1", "Kauf eines Lastenrades, Teil 2" ... vlt sollte man einen Hinweis auf das Sponsoring von Butchers & Bicycles im Text verstecken. Wenn in den Nachrichten mal nicht der Verweis auf die seriöse Quelle "BILD" erscheint lese ich eben Werbetexte. SPON, was ist aus Dir geworden ?
Thomas Kossatz 06.12.2015
4.
Zu diesen Lösungen für Besserverdienende gibt es eine bezahlbare Alternative: Lastenanhänger. Ich habe an meinem Raleigh E-Bike eine Anhämgerkupplung an der Hinterradnabe und hänge einen "Croozer" Anhänger bei Bedarf dahinter. Offiziell sind 40 kg Zuladung erlaubt. Die Beschleunigung ist dank E-Bike kein Problem, und da das Raleigh Rad neben der Rücktrittsbremse auch über zwei hydraulische Felgenbremsen verfüht verzögert es auch aus flottem Tempo ohne Probleme. Anders als Deichseln, die am Sattelholm befestigt werden, sorgt die niedrige Befestigung der Deichsel an der Hinterradnabe für keine merklichen Kipp-Kräfte. Geeignete Spezialanhänger gibt es auch für Kinder oder Hunde.
sändling 06.12.2015
5. Enorm vielseitig
Ich hab hauptsächlich für meinen alten Hund ein Bullitt-Lastenrad angeschafft. Da hab ich den Kameraden immer im Blick, er selber hat ein gemütliches Plätzchen, kann rausschauen und die Fahrt ins Grüne genießen. Unglaublich vielseitig sind diese Lastenräder. Für den Wochenendeinkauf, klar, aber auch bei den Radlurlauben mit den Kindern oder für den Badeausflug an den See ist das Bullitt enorm praktisch. Da passt locker das ganze Freizeitgerödel oder Familiengepäck rein, was die anderen Mitradler entlastet. Ins Auto krieg ich die Kinder kaum noch rein, die finden das nur noch gähnend langweilig.
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