Car2Go Umweltfreundlich geht anders

Mit dem Carsharing-Projekt Car2Go wirbt Daimler für den Verzicht auf ein eigenes Auto in der City. Strafzettel sollen der Vergangenheit angehören. Doch wie funktioniert die Kurzzeitmiete, und kann sie den Stadtverkehr tatsächlich revolutionieren? SPIEGEL ONLINE hat's ausprobiert und traf auf schreibwütige Polizisten.

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Autofahren in der Stadt macht keinen Spaß. Verstopfte Straßen und mangelnder Parkraum rauben den letzten Nerv, und teuer ist es auch. Für viele Städter macht deshalb ein eigenes Fahrzeug kaum noch Sinn.

Helfen könnte das Carsharing: Es mindert zwar das Verkehrschaos in der Stadt nicht, könnte aber die Zahl der Autos, die überall herumstehen, verringern. Und auf den ersten Blick wird eine Menge Geld gespart, denn man teilt sich die Festkosten für den Unterhalt mit anderen. Kein Wunder also, dass es angesichts überfüllter Innenstädte immer mehr Carsharing-Gesellschaften gibt.

Besonders offensiv geht der Daimler-Konzern vor: Bereits seit Herbst 2008 betreibt das Unternehmen das Projekt Car2Go in Ulm. Offenbar mit Erfolg, denn mittlerweile gibt es das Smart-Sharing auch im texanischen Austin und in Hamburg. Neben dem Spareffekt werben die Stuttgarter vor allem mit der Umweltfreundlichkeit.

Als Daimler im März das Startsignal für seinen Smart-Verleih in der Hansestadt gab, war Bürgermeister Olaf Scholz denn auch sichtlich stolz. Immerhin trägt Hamburg in diesem Jahr das Banner der europäischen Umwelthauptstadt. 300 weiß-blaue Smarts stehen nun zur Verfügung, und im Gegensatz zu anderen Carsharing-Projekten wie etwa Stadtmobil müssen die Car2Go-Smarts nicht an speziellen Stationen abgestellt werden: Der Nutzer kann sie überall im Geschäftsgebiet stehen lassen - auf jedem öffentlichen Parkplatz, auch den kostenpflichtigen.

Pro Minute kostet die Smart-Benutzung 29 Cent, wer länger als eine Stunde unterwegs ist zahlt einen Stundensatz von 14,90 Euro plus der genutzten Minuten. In diesem Preis ist alles enthalten, um Spritpreise, Reparaturen und Versicherung muss sich der Nutzer nicht mehr kümmern. Man kann also, so suggeriert das Projekt, getrost auf einen eigenen Wagen verzichten und leistet darüber hinaus sogar noch einen Beitrag zum Schutz der Umwelt.

Doch die ersten Alltagserfahrungen wecken Zweifel, ob der Leih-Smart den eigenen Pkw wirklich ersetzen kann. Bereits der erste Versuch verläuft alles andere als rund: "Außer Betrieb", meldet das Display rechts unten hinter der Frontscheibe. Pech gehabt. Dabei weckt der intensive Regen gerade besonders den Wunsch, den Weg in einem Auto fortsetzen zu können. Und dann steht da ein weißer Car2Go-Smart am Straßenrand - aber der ist kaputt.

Spielt die Technik mit, ist das System jedoch durchaus brauchbar. In angesagten Stadtteilen wie Altona und dem Schanzenviertel steht ein Miet-Smart nahezu an jeder Ecke. Wo genau, kann man auf einer speziellen Smartphone-App sehen. Jede Fahrt sollte aber mehr oder weniger gründlich geplant werden. Denn man muss sein Vehikel erst orten oder gar auf gut Glück durch die Straßen laufen, um ein freies Fahrzeug zu finden. Und mit wie vielen Nutzern man sich anschließend um den gefundenen Smart streiten muss, ist auch noch nicht ganz klar: Wie viele Car2Go-Nutzer in der Hansestadt registriert sind, gibt Daimler noch nicht preis.

Auch ein eigenes Leihauto zu fahren ist ein teurer Komfort

Hat das Lesegerät hinter der Windschutzscheibe den Chip auf dem Führerschein erkannt, gibt es den Zugang zum Fahrzeug frei. Nach Eingabe einer PIN sind einige Angaben zum Zustand des Autos über ein Touchscreen in der Mittelkonsole möglich, und dann kann es losgehen. Vermeintlich nachhaltiger Autoverkehr hat seinen Preis, denn sofort tickt die Uhr. Je voller die Straßen also sind, desto teurer wird die Fahrt.

Was Car2Go besonders interessant macht, ist folgendes Versprechen: Man darf "auf allen öffentlichen Parkplätzen im Geschäftsgebiet parken. Auch gebührenpflichtige Parkplätze können Sie gerne nutzen - Car2Go zahlt für Sie", heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Da stellt sich natürlich die Frage, wie die Hamburger Polizei die Car2Go-Smarts behandelt. Nach dem Ende einer Testfahrt stellten wir das Auto auf einem parkscheinpflichtigen Platz ab. Auf der anderen Straßenseite bereiteten sich bereits einige Mitarbeiter der Polizei auf den Schreibeinsatz vor. Wie sich herausstellte, kannten einige Uniformierte das Daimler-Projekt gar nicht. Und: Alle waren sich einig, dass auch mein weiß-blauer Smart erstmal einen Strafzettel bekommen müsse.

Der Nutzer bekommt von alledem allerdings nichts mit, denn das Ticket zahlt Car2Go. Allerdings gibt es ein Entgegenkommen der Hamburger Innenbehörde: Das Unternehmen erhält einmal im Monat eine Sammelrechnung über alle Strafzettel und überweist dann den geforderten Betrag.

Im Prinzip eine tolle Sache - doch der CO2-Bilanz hilft es nicht

Womöglich ist das auch ein Grund für den recht hohen Preis, den Car2Go für die Benutzung seiner Smarts verlangt. Allein für den täglichen Pendelverkehr zur Arbeit und zurück kämen insgesamt pro Monat leicht 20 Betriebsstunden zusammen - also knapp 300 Euro. Ein Smart-Eigner muss dagegen nach Angaben des Internetportals autokostencheck.de für einen Smart Fortwo mit Start-Stopp-Automatik 179 Euro Unterhaltskosten bei einer jährlichen Fahrleistung von 15.000 Kilometern kalkulieren - den Wertverlust allerdings nicht mitgerechnet.

Und mit dem Umweltschutz ist das auch so eine Sache. So lange die Stadt-Wägelchen mit herkömmlichen Benzinmotoren angetrieben werden, entsteht weiterhin Kohlendioxid, egal wem das Auto gehört.

In Amsterdam jedoch, wo Car2Go Ende des Jahres an den Start gehen soll, wird das etwas anders sein. Dort werden 300 Elektro-Smarts als Leihwagen bereit stehen. Und an den Ladesäulen, die derzeit installiert werden, wird nach Auskunft eines Car2Go-Sprechers ausschließlich regenerativ erzeugter Strom in die Auto-Akkus fließen.

Wer hingegen in Hamburg einigermaßen umweltfreundlich und flexibel unterwegs sein will, muss weiterhin auf Bus und Bahn umsteigen oder gleich mit dem Fahrrad fahren. Car2Go in seiner bisherigen Form ist wohl nichts für Weltverbesserer oder Sparfüchse. Eher schon etwas für coole Metropolisten, die gerne mit ihren Smartphones spielen. Gut fürs Image eben.



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Seite 1
hhoeflin 20.06.2011
1. Objektiv darstellen - nicht mäkeln
Der Autor ist leider nicht sonderlich objektiv wenn es um die Kosten als auch die Umweltfreundlichkeit geht. Zunächst zu den Kosten: Natürlich spart man mit dem Smart kein Geld wenn man ihn täglich 2 Stunden zum Pendeln nutzen will. Solche Nutzer sind auch überhaupt nicht die Zielgruppe des Projekts (wie sollte man das Auto auch zwiwschen mehreren Nutzern "teilen", die es alle jeden Tag zur Hauptverkehrszeit nutzen wollen). Die Rechnung wird schon ganz anders, wenn man davon ausgeht dass: - man in der Innenstadt wohnt - mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbiet fährt - wegen sonstiger Aktivitäten (einkaufen, Freunde, Ausflüge) aber nicht vollständig ohne Auto leben möchte. In diesem Fall ergibt sich schon aus der ersparten Stellplatzmiete in der Innenstadt locker 10 Stunden Nutzung pro Monat. Zur Umweltfreundlichkeit: Der Smart ist im Gegensatz zu den meisten anderen Autos sehr sparsam - dies ist allein schon ein Beitrag zur Umweltfreundlichkeit (der Begriff bedeutet nicht, dass man gänzlich CO2 frei fahren müsste). Im übirgen sind auch Elektroautos (wie auch schon in Artikeln im Spiegel selbst dargestellt) nicht emmissionsfrei. Die Zusicherung, dass nur Ökostrom verwendet wird ist nämlich generell zweifelhaft (Strom hat bekanntlich keine "Farbe"). Und die meisten Ökotarife die von Stromproduzenten angeboten werden, tragen nichts zur CO2-reduktion bei - dies garantiert schon allein das EU-weite Emmissionsrechte Handelssystem. Also an den Autor: Erst informieren - dann schreiben.
tussilein 20.06.2011
2. Übernahme von Strafzetteln? Hoffentlich nicht alle!
Ich hoffe ausdrücklich, dass Daimler eine solche Übernahme von Bußgeldern auf die Ordnungswidrigkeit "Nichtzahlen von Parkgebühren" beschränkt. Wenn nämlich auch Strafzettel wegen Haltens in Parkverboten, auf Gehwegen und Radwegen gezahlt würde, dann wäre dies durchaus ein erstzunehmender Affront gegen unseren Rechtsstaat. Denn dann können die "scheibwütigen Polizisten" schreiben so viel sie wollen - Daimler zahlt ja und der Übertäter bleibt schön ungeschoren!
MorMo, 20.06.2011
3. Tolle Sache
Die durchschnittliche Fahrleistung eines Kleinwagens ist deutlich geringer als 15.000 km, sie liegt eher so bei 12.000 km, dementsprechend sind die jährlichen Gesamtkosten höher. Beim normalen Carsharing sind die km-Kosten zwar deutlich niedriger, dafür kommt ja aber noch die Stundenpauschale hinzu. Dort gilt, man muss schon einige Tausend km im Jahr mit dem Carsharing-Auto Fahren, damit man über den Kosten eines privaten Pkw liegt. Der Umweltnutzen, den der Autor den Fahrzeugen abspricht, kommt daher, dass die Wagen klein sind und deutliuch weniger CO2 pro km verursachen als der Durchschnitt. Ausserdem wird man sich wohl bei jeder einzelnen Fahrt überlegen, ob veilleicht die Bahn, der Bus oder das Fahrrad heute die bessere Wahl ist, man wird also deutlich weniger als vorher fahren - das freut Umwelt, Geldbeutel und staugeplagte Mitverkehrsteilnehmer. Es ist also auch ohne Strom-pkw ein deutlicher Umweltnutzen durch Carsharing und Car2go gegeben, und bei den Elektroflitzern reicht Ökostrom alleine nicht aus, der Mix der anderen Kunden darf sich nicht verschlechtern, sonst ist es ein Nullsummenspiel für die Umwelt.
ctwalt, 20.06.2011
4. Bravo!
Was unterscheidet eigentlich CarToGo von einem Taxi? Das muß ich nicht suchen, nicht selbst fahren und da es den ganzen Tag fährt, interessieren den Fahrgast auch die Parkplatzsorgen nicht. Ich kann gar nicht verstehen, warum die Umwelthauptstadt Hamburg, solche schwachsinnige Projekte zulässt. Gerade morgens und abends im Berufsverkehr ist JEDES Fahrzeug eines zuviel und Dieselsmarts mit immernoch mieser Automatik sind im Kurzstreckenbetrieb in der Innenstsdt bei ca. 7L auf 100km alles andere als zeitgemäße Stadtfahrzeuge.
Das Kombinat 20.06.2011
5. Grässliche Vorstellung
Mal kurzfristig in den 50 km entfernten, an einem malerischen See gelegenen Wellness-Tempel fahren... Regale bei IKEA kaufen und das Auto bis unters Dach volladen... Mit dem Wagen in die Toskana fahren und mit viel Wein im Kofferraum zurückkommen... Das alles geht mit diesem Konzept nicht oder nur schwerlich. Arme Menschen "in der City". Ihrer Freiheit beraubt müssen sie sich an Bus- und Bahnfahrpläne halten. Und wenn sie doch einmal einen spontanen Abstecher machen, sollen sie sich in diese jämmerlichen Schuhkartons setzen. Mein Beileid.
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